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GRIP 44

Auf eine ausufernde Medienflut reagieren

Die Filmkritik aus Sicht eines Stadmagazins

Von Claus Wecker*

 

»Oh, da kommen Sie ja für umsonst ins Kino«, höre ich ab und an von Leuten, die sich nach meinem Beruf erkundigen. Da schwingt neben Anerkennung auch ein bisschen Neid mit. Tagsüber, wenn andere sich im Büro herumplagen und von ihrem Chef kujoniert werden, sitzt der Filmkritiker im Kino und lässt es sich gutgehen. Ein Paradiesvogel, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat?

Ja, bestimmt! Auch wenn dieser Beruf nicht nur aus dem Sehen guter Filme besteht. Im Kino erwartet einen manch quälendes Werk, und dann muss noch die Kritik geschrieben werden. Zudem naht der Redaktionsschluss – der Abgabetermin! Vielen Kollegen ist die Lust am Aufschieben gemein und das effektive Arbeiten unter Termindruck. Aber ich finde, unter Druck entstehen die besten Texte.

Irgendwann muss mich das Kino gepackt haben. Ich meine damit ein Erlebnis, das über das einfache Filmesehen hinausgeht. Vielleicht beeinflusste mich entscheidend auch meine persönliche Entdeckung der Zeitschrift »Filmkritik«. Ich fand nicht nur Kritiken zu einzelnen Filmen, wie ich sie aus den Zeitungen kannte, sondern auch die Zusammenhänge zwischen den Filmen und eine Diskussion über Sinn und Zweck der Filmkritik, die ich damals allerdings nicht immer verstand.

Vor allem lenkte die Zeitschrift aber meinen Blick auf Filme, die mich stark bewegten. »Abend der Gaukler« von Ingmar Bergman war so einer – über Bergmans Filme wurde in unserem Filmkreis, den wir in der Schule gegründet hatten, ganze Abende, ja sogar ein Wochenende lang diskutiert. Und natürlich faszinierten die Franzosen der »nouvelle vague« mit Jean-Luc Godards »Pierrot le fou«, der den Anlass für meine erste Filmkritik in der Schülerzeitung lieferte, und Robert Bresson, der heutzutage leider in Vergessenheit geraten ist.

Natürlich teile ich meine Leidenschaft für Filme mit vielen Verleihern (ich denke da in erster Linie an die kleineren Verleiher) und den Betreibern der Programmkinos und Kommunalen Filmkunsttheater. Für uns alle ist Kino eben mehr als pure Unterhaltung. Ein großartiger Film kann uns wochenlang begeistern, kann unser Lebensgefühl verändern.

Eine Gruppe junger Leute übernahm im Jahr 1977 mit viel Engagement und einer Portion Idealismus das Stadtteil-Kino Harmonie. Um den eigenen Enthusiasmus unters Volk zu bringen, gaben sie eine Programmzeitschrift heraus, die bald »Strandgut« hieß und sich auch dem Theater, der Musik, der Literatur (legendär geworden sind Ingrid Mylos launige »Kaffeeblüten«) und anderem widmete. Von den Kinomachern wurde später die Produktionsfirma »Strandfilm« und der Verleih »Pandora« gegründet.

Aus der Geschichte des »Strandguts« ergibt sich auch die Dominanz des Filmteils, den ich seit Jahren betreue. Unsere Kritiken sind weniger für die Filmemacher als für die Kinogänger bestimmt. Entscheidend ist immer die Frage: Soll ich mir den Film anschauen oder nicht? Dafür muss man herausbekommen, wovon der Film handelt und was der Kern, der zentrale Punkt – manchmal auch die Botschaft – des betreffenden Werkes ist. Wenn man diesen Kern nicht gefunden hat, schadet es nicht, das zuzugeben. Georg Seeßlen schrieb einmal bei uns im Heft, dass er den Film nicht verstanden habe. Dennoch war seine Kritik aufschlussreicher als manch andere Deutung.

Wir von der Strandgut-Redaktion reagieren auf ein ausuferndes Medienangebot, geben Hinweise, empfehlen, raten ab. Dabei sind uns zwei Punkte wichtig: Bei einem neuen, den Lesern unbekannten Film sollte das Ende nicht verraten werden. Dafür fiebere ich selbst viel zu gerne dem Ende entgegen, Und einen überheblichen Ton gegenüber denjenigen, die einen Film gemacht haben, wird man im »Strandgut« vergeblich suchen.

 

*Claus Wecker ist Filmkritiker beim Stadtmagazin "Strandgut"