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GRIP 40

20 Jahre Filmhaus Frankfurt
Erinnerungen an die Anfänge
Von Bruno Schneider*

Im Rückblick mutet es geradezu verblüffend an: noch Ende der  1980-er Jahre schien es möglich, an Visionen zu glauben, sie für realisierbar zu halten. Eine solche war damals das Filmhaus Frankfurt, das 1989 ins Leben gerufen wurde. Aber unter welch turbulenten Bedingungen.

Zunächst zaghaft und ungläubig, später dann immer zuversichtlicher hatte sich unter hessischen Filmleuten die Idee breit gemacht, ein regionales Medienzentrum aus dem Boden zu stampfen, ein Forum für alle, die mit dem Medium Film zu tun hatten, mit Seminarräumen, Produktionsbüros, Schnittplätzen, Studios und einem Kino.

Modell stand das etliche Jahre zuvor vom "Jungen deutschen Film" mit geballter Kraft in die Wirklichkeit katapultierte Hamburger Filmhaus - eine ehemalige Schiffsschraubenfabrik. Das Modell wirkte inspirierend und doch auch hinderlich, denn unter dem Etikett  "Junger deutscher Film" firmierte damals der Olymp der Regisseure wie Alexander Kluge, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Werner Schroeter und andere. Einige von ihnen hatten das Oberhausener Manifest unterzeichnet und setzten ein legendäres Fanal mit ihrem Sonderzug von München nach Hamburg, der die Fixierung auf die bayerische Metropole als Filmmacht sprengen und beenden sollte.

Einem solchen Mythos Vergleichbares hatte Hessen und seine Bankenmetropole nun wirklich nicht aufzubieten. Es wirkte, als kümmerte sich selbst der verdienstvolle Frankfurter Kulturdezenernent Hilmar Hoffmann (SPD) um dieses Projekt nur halbherzig. Und auch von anderer Seite kam kaum Unterstützung.

Nichtsdestotrotz entstand in bemerkenswerter Beharrlichkeit der Filmszene, unter dem Dach des hessischen Filmbüros, ein immer klareres Konzept für die Ides des Filmhauses. Und bald war sogar ein attraktiver Standort gefunden. Bernd Lunkewitz, früherer Studentenführer und inzwischen zum erfolgreichen Immobilienmakler avanciert, bot die ehemalige Boschfabrik in der Bockenheimer Voltastraße an. Ein ideales Gelände, mit einem denkmalgeschützten Klinkerbacksteinbau.

Die Begeisterung der Filmbranche über diesen Standort war ungeteilt und das Interesse, dort anzudocken, überwältigend. Hier bot sich ausreichend Platz für kleine und mittlere Produktionsfirmen, für Schnitt- und Tonstudios. Auch Seminarräume für einschlägige Veranstaltungen und für die Schulung des Nachwuchses waren geplant, und selbst ein Studiokino mit entsprechender Gastronomie war im Gespräch.

Angelockt von so viel Euphorie meldeten sich bald auch Kasper König, Rektor seinerzeit der Städelschule, und Jean-Christophe Ammann, Leiter des Museums für Moderne Kunst, um auch Ihr Intresse an der großen, lichtdurchfluteten Fabrikhalle als Atelier und off-shore-Ausstellungsraum für ihre beiden Institutionen zu bekunden. Man war sich schnell einig, dass dieses Nebeneinander der Künste und Medien nur anregend und befruchtend wirken könne.

Mitten in diese Planungsphase, die damals auf dem Papier weitestgehend konkretisiert war, vollzog sich der Wechsel im Frankfurter Kulturdezernat. Auf Hilmar Hoffmann folgte Linda Reisch (SPD), die um Profilierung in der Nachfolge ihres renommierten Vorgängers bemüht war. Für die Idee Filmhaus auf dem Boschgelände hätte sie sich als unbeschriebenes Blatt schnell auf der lokalen politischen Bühne hervortun können. Aber, so zeichnete sich bald ab, es fehlte ihr an dem notwendigen Durchsetzungsvermögen, um das Unternehmen im Magistrat zum Erfolg zu führen. Unter anderem waren es die Finanzen - ein großes Schuldenloch zu Beginn 90-er Jahre -, die alle Hoffnungen zunichte machten.

Das Literaturhaus Frankfurt war das letzte größere Projekt, das in dieser kulturpolitischen Phase gerade noch realisiert wurde. Die Planungen dafür hatten eineinhalb Jahre früher begonnen als unsere für das Filmhaus.

Immerhin erstritt Linda Reisch den notwendigen Etat für eine "Pilotphase" des Filmhauses Frankfurt, das per Satzung schon seit 1989 eingetragen war. Zwei Büroräume in der Kaiserstraße wurden angemietet; ich konnte endlich als bestätigter Geschäftsführer meine Arbeit aufnehmen und bemühte mich noch etliche Zeit weiter um einen Umzug in die Boschfabrik und einen Etat von ca. 1,5 Millionen DM.

Doch auch wenn aus der Idee eines Filmzentrums auf dem Gelände der Boschfabrik nichts geworden ist, das Filmhaus Frankfurt ist seinen Weg gegangen seither – und hat schließlich an seinem neuen Standort, in der Ostendstraße, ein wenig von der alten Idee realisert. Und das ist dann schließlich auch ein ermutigendes Signal.


* Bruno Schneider ist Filmemacher. Er leitete das Filmhaus Frankfurt von 1989 bis 1992