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GRIP 38

Ein wichtiger Meilenstein in der Filmforschung

Auf der Jahrestagung der Arbeitsgruppe „Cinematographie des Holocaust" wurde das Phänomen des Antisemitismus im Kino untersucht.

Von Alia Pagin

Seit Jahren entwickelt der Frankfurter Filmwissenschaftler Ronny Loewy mit dem Fritz Bauer Institut in Frankfurt die hoch spezialisierte Datenbank „Cinematographie des Holocaust" und untersucht unter anderem den Einfluß des europäischen Antisemitismus auf filmische Diskurse sowie die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Filmdokumenten.

Im März fand nun in Frankfurt die Jahrestagung der Arbeitsgruppe „Cinematographie des Holocaust" statt unter dem Titel „Was ist Antisemitismus im Kino? Handlungen, Zuschreibungen, Empathie und moral sentiments". Ein gemeinsames Projekt des Fritz Bauer Instituts, des Deutschen Filminstituts (DIF) und des Cinegraph, des Hamburgischen Zentrums für Filmforschung.

Die Frage der antisemitischen Darstellungsformen im jeweiligen soziokulturellen und historischen Kontext wurde anhand von Filmen aus unterschiedlichen Entstehungsepochen diskutiert. Dabei umfassten die gezeigten Filme eine Zeitspanne von 1920 bis 2004. Während vor und im Zweiten Weltkrieg Filme mit explizit antisemitischem Schwerpunkt produziert wurden, sind es nach dem Krieg häufig intentional aufklärerische Werke. Sie greifen vielfach jedoch auf populistische Stereotype zurück, um den Antisemitismus zu thematisieren, die sie damit jedoch eher noch verfestigen.

Entwirft der expressionistische Film von 1920 „Der Golem, wie er in die Welt kam" (Paul Wegener, Deutschland) antisemitisch deutbare Komponenten durch Einzelmotive, beispielsweise in Form von Mystik und Teufelsbeschwörungen, so baut der G.W. Pabst Film von 1947/48 „Der Prozess" auf dem Gerücht über die „Blutopfer der Juden", den angeblichen Ritualmord, auf. In seiner erinnerungspolitischen Funktion aber stieß der Film damals beim Publikum auf wenig Resonanz.

Der Dokumentarfilm „Ortsbesichtigung in Palästina" (Italien 1964) verblüfft mit dem latenten Antisemitismus des Filmemachers: Pier Paolo Pasolini fährt Anfang der 60er Jahre nach Israel, um die richtigen Settings für sein geplantes biblisches Filmepos zu finden. Der gesamte Film besteht aus dem Abfilmen israelischer Landschaften und Gemeinden mit dem Kommentar des Filmemachers, der permanent anführt, dass das Vorgefundene nicht dem entspräche, was er erwartet habe. Pasolini findet kein archaisches Land und keine biblisch-ursprüngliche Stätten. Enttäuscht über die nicht bestätigten Vorurteile bemerkt er immer wieder abwertend, die Israelis wirkten auf ihn zu „modern" und „selbstständig", um sich als Statisten einsetzen zu lassen, während die Araber dem mehr entsprächen. Letztendlich entscheidet sich Pasolini, seinen Film in seinem Heimatland Italien zu drehen.

Zu Fassbinders „In einem Jahr mit 13 Monden" (BRD, 1978) referierte der Filmwissenschaftler Thomas Elsässer. Der Film zeigt die letzten Tage von Erwin Weishaupt, der sich nach einer Kastration Elvira nennt. Im Verlauf des Films wird deutlich, dass der Holocaust-Überlebende Anton Saitz, der durch das Milieu reich geworden ist, Auslöser für Erwins Kastration war. Weder als Mann noch als Frau anerkannt taumelt Erwin durch sein Leben, und die Ablehnung durch Saitz lässt ihn am Ende des Films als identitätsleeres Opfer scheitern – man findest ihn tot. Was oberflächlich betrachtet als antisemitisch interpretiert werden könnte, so führte Elsässer aus, nämlich eine Umkehrung der Opfer/Täter Rollen im Film und somit eine Verdrehung historischer Tatsachen, sei ein dramatisches Lehrstück.

Während in „Kora Terry" (Georg Jacoby, Dtld. 1940) ein latenter Rassismus auszumachen ist, der auch auf Antisemitismus untersucht werden kann, ist Bendel in „Peterson & Bendel" (Per-Axel Branner, Schweden 1933, Deutsche Fassung 1935) mit eindeutigen antisemitischen Klischees eingefärbt und wird seinem Geschäftspartner und Freund Peterson, einem athletischen, blonden Schweden (der Darsteller musste seine Haare dafür färben), als buckeliger, dunkler, hinterlistiger, geldgieriger Jude gegenüber gestellt.

Ronny Loewy zeigte den Film „Schwarzer Kies", (Helmut Käutner, BRD 1960/61), der in den amerikanischen Kasernen auf dem heutigen Gelände des Flughafens Frankfurt Hahn gedreht wurde. Da die Jüdische Gemeinde einige Sequenzen damals als antisemitisch deklarierte, wurden Kopien des Films abgeändert.

Der Film „Das alte Gesetz" (Ewald André Dupont, Deutschland 1923) wurde dem Klassiker „The Jazz Singer" gegenübergestellt und dekonstruiert. Mit Hito Steyerls „Babenhausen" (Deutschland 1997) und „Normality 1–10" (Österreich/Deutschland 1999–2001) wurde auch eine künstlerische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Form von experimentellen Filmen untersucht.

Die jüngsten Filme der Tagung lieferte Daniel Wildmann mit den beiden Tatorten „Schimanski - Das Geheimnis des Golems" (BRD 2004) und „Der Schächter" (BRD 2003) und analysierte das exemplifizierte Jüdische im populären deutschen Krimi. So wird beispielsweise der Jude in „Der Schächter" als gebrochener und außergewöhnlich wohlhabender Holocaust-Überlebender dargestellt, der bewegungs- und anpassungsunfähig ist.

Die Filme der Tagung warfen die Frage auf, in welchen Formen und Diskursen - historisch wie gegenwärtig - antisemitische Einstellungen kommuniziert werden und inwieweit moralische Einstellungen in diesen Kommunikationen beeinflusst, bestätigt und verändert werden. Adorno sagte, „Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden" – und um Gerüchte und Stereotypen ging es in den meisten Filmen. Das Hinterfragen und Dekonstruieren dieser antisemitischen Darstellungsformen im Film sowie die Diskussionsmöglichkeiten auf wissenschaftlicher Ebene darüber machten die Jahrestagung zu einem bemerkenswerten Ereignis in der Filmforschung und zu einer wichtigen Veranstaltung in Frankfurt.