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GRIP - 32

Kriselnde Kinoketten, solide Besucherzuwächse

Die deutsche Kinolandschaft befindet sich in einer schwierigen Umbruchphase.

Von Reinhard Kleber

Ende Januar war es soweit: Die Raute mit dem roten Rand und dem weit geschwungenen "f" verschwand von der Glasfront des „Ufa-Palastes" in Osnabrück und wurde ersetzt durch den neuen Namen "CineStar - Der Filmpalast Osnabrück". Auch in Berlin wurden die UFA-Kinos am Alexanderplatz und in Treptow in „CineStar" umgetauft. Der Signetwechsel signalisiert nicht nur das Ende einer traditionsreichen Kinomarke, die in der alten Bundesrepublik lange Jahre die Marktführerschaft innehatte, sondern auch eine tiefgreifende Umstrukturierung der deutschen Kinolandschaft. Diese konnte sich nach dem herben Besucher- und Umsatzeinbruch im Jahr 2003 im abgelaufenen Jahr immerhin wieder leicht erholen. Zu dem aktuellen Besucherzuwachs kamen Stabilisierungseffekte durch Übernahmen und den Einstieg eines neuen Marktteilnehmers.

152 Millionen Zuschauer gingen 2004 in die deutschen Kinos - ein Plus von sieben Prozent. Nach Berechnungen der Marktforschungsgesellschaft Nielsen EDI stieg der Umsatz in ähnlichem Umfang auf 879 Millionen Euro. Für die Kinobetreiber eine erfreuliche Entwicklung, die jedoch den gravierenden Einbruch des Vorjahres nur teilweise ausgleicht. Denn die Sommerhitze, die Konjunkturflaute und ein unzureichendes Filmangebot hatten 2003 zu einem drastischen Besucherrückgang von minus 11,5 Prozent geführt und nicht zuletzt den großen Kinoketten Verluste beschert. Allerdings stellen die jüngsten Besucherströme im wesentlichen nur die Ergebnisse von 2002 ein und bleiben noch unter den Glanzmarken von 2001.

Der aktuelle Besucheranstieg kommt gerade den angeschlagenen Ketten recht, die sich gegenseitig durch einen überhitzten Kampf um Marktanteile, einen überzogenen Neubau-Boom und Fehleinschätzungen über die mittelfristige Entwicklung der Besucherzahlen in einen ruinösen Wettlauf getrieben hatten. Der eine oder andere Branchenbeobachter meint sogar, der aktuelle Aufwärtstrend habe vielen Kinos und Multiplex-Ketten, die durch hohe Kredite belastet waren, die Existenz gerettet.

Erstes prominentes Opfer der Kinokrise war jedenfalls die einstmals so glanzvolle Ufa Theater GmbH. Im Frühjahr 2003 übernahm die Auffanggesellschaft Neue Filmpalast GmbH & Co. KG (NFP) die Kinos der insolventen Gruppe. Nachdem auch die Vermieterin der Ufa-Kinos, die Düsseldorfer Ufa Theater AG, im Vorjahr Insolvenz anmelden musste, wurden gegenüber der NFP die Mietverträge gekündigt. Im September 2004 waren neue Verträge unter Dach und Fach, außerdem wurden einige Filmtheater an die Ufa Theater AG zurückgegeben. Die anderen werden weiterhin von der NFP bespielt - bis Ende des vergangenen Jahres unter dem Markennamen "Ufa". Zum 1. Januar 2005 wurden die Lizenzrechte dafür an die Eigentümerin, die RTL-Group, zurückgegeben.

Ein weiteres Opfer der Großkinokrise ist der Marktführer, die Kieft & Kieft Filmtheater GmbH mit Sitz in Lübeck, die inzwischen "Greater Union Filmpalast GmbH" heißt. Sie betreibt über eine 50-prozentige Beteiligung an der NFP auch die ehemaligen Ufa-Kinos. Seit Dezember 2003 gehört Kieft & Kieft zu 100 Prozent dem australischen Entertainmentkonzern Amalgamated Holdings Ltd. (AHL), die auch die CineStar-Gruppe betreibt. Für das flaue Geschäft bei Kieft & Kieft und der 50-Prozent-Beteiligung an der NFP musste Amalgamated im Geschäftsjahr 2003/2004 rund 47 Millionen Euro abschreiben.

Hatten die Australier das kostspielige Engagement in Lübeck zuvor zeitweise in Frage gestellt und auch einen Rückzug erwogen, so lässt die Umbenennung doch auf ein langfristiges Interesse am deutschen Markt schließen. Aufgrund unumgänglicher Investitionen in ehemalige Ufa-Kinos erwarte Greater Union erst im Geschäftsjahr 2005/2006 wieder "definitiv schwarze Zahlen", sagte ein Unternehmenssprecher im Dezember 2004 der "Süddeutschen Zeitung". Im Gegensatz zu AHL hatte sich die kanadische Onex-Gruppe im Jahr 2004 ein klares Rückzugssignal für das Deutschland-Geschäft gegeben, als sie ihren Anteil an der NFP an AHL abstieß.

Bei derartigen Entscheidungen spielt nicht zuletzt die geringe Besucherfrequenz in der Bundesrepublik eine wichtige Rolle: Mit etwa 1,8 Kinobesuchen pro Einwohner und Jahr belegt Deutschland im europäischen Vergleich einen der hintersten Plätze. Außerdem kämpft die hiesige Kinobranche schon seit einiger Zeit mit strukturellen Problemen: Der Markt vor allem für Multiplexe gilt als gesättigt, der DVD-Boom macht den Kinos zu schaffen und die Bekämpfung der Filmpiraterie läuft schleppender als erhofft.

In diesem Zusammenhang ist ein Blick auf den Weltmarkt aufschlussreich. Nach einer aktuellen Studie der britischen Marktforschungsfirma Dodona wird die Hälfte aller Kinosäle weltweit von nur 150 Unternehmen betrieben. Die Dominanz dieser 150 Kinoketten spiegelt einen fortschreitenden Konzentrationsprozess in der Branche wider: Im Jahr 1998 kontrollierte die damals weltgrößte Kinokette Carmike Cinemas 2.721 Leinwände. Heute bespielt der Weltmarktführer Regal Entertainment Group nicht weniger als 6.385 Leinwände. Ein Trend, der anhalten wird, so zumindest heißt es in dem Dodona-Bericht "The World’s Top 150 Exhibitors and Their Markets".

Doch zurück zur Lage in Deutschland: Derzeit gibt es vier Kino-Betreiber, die in der Bundesrepublik mehr als 100 Leinwände betreiben. An der Spitze steht Greater Union/Kieft (CineStar) mit 572 Sälen vor Flebbe (Cinemaxx) mit 315 Sälen, wie aus dem jüngsten Verleihkatalog der Fachzeitschrift "Filmecho/Filmwoche" hervorgeht. Mit deutlichen Abstand folgen Theile (Kinopolis) mit 192 Sälen und United Cinemas International (UCI) mit 168 Sälen.

In ruhigeres Fahrwasser scheint nunmehr auch der Branchenzweite Cinemaxx AG zu kommen, der wegen Überkapazitäten auf dem deutschen Markt und einer Zuschauerdelle in ernste Schwierigkeiten geraten war, die erst der Münchner Filmhändler Herbert Kloiber mit der Übernahme von Bankenforderungen und einem Kredit beenden konnte. Am 13. Januar 2005 wurden die Kapitalmaßnahmen in das Handelsregister eingetragen, die die Hauptversammlung der AG im Oktober 2004 beschlossen hatte.

Im Zuge dieser Sanierung wurde das Kinounternehmen um 47 Millionen Euro entschuldet. Zugleich wählte der Aufsichtsrat Kloiber, der mit seinem Concorde Filmverleih bereits im Kinogeschäft aktiv ist und eine Beteiligung am TV-Sender RTL 2 hält, zu seinem Vorsitzenden. Die Concorde Beteiligungs GmbH, eine 100-prozentige Tochterfirma von Kloibers Tele-München-Fernseh GmbH & Co., avancierte zum größten Aktionär: Sie verfügt nun über 49,66 Prozent der Stimmrechte an der Cinemaxx AG. Die Familie Flebbe hält demnach nur noch 17 Prozent - statt 34 - ; auf die Senator Entertainment AG und die belgische Kinepolis Group entfallen je rund 13 Prozent, der Rest der Anteile bleibt im Streubesitz.

Bereits im vergangenen Oktober hatte die Cinemaxx-Führung signalisiert, dass sie 2005 wieder durchstarten will. Das Jahr 2004 sei eine "hoffnungsvolle Zwischenstation", sagte Vorstandschef Hans-Joachim Flebbe bei der Hauptversammlung in Hamburg. Für das Jahr 2005 prognostizierte Flebbe einen Besucherzuwachs von 5,0 Prozent verglichen mit dem Vorjahr, als knapp 20 Millionen Zuschauer kamen.

Im Zuge der Sanierung hat sich Cinemaxx zugleich von einigen Filmtheatern getrennt: Zuletzt wurden noch 36 Multiplexe und elf traditionelle Filmtheater mit insgesamt 88.000 Sitzen betrieben. Im Ausland unterhält Cinemaxx überhaupt nur noch Kinos in Dänemark. Zwar ist im ersten Halbjahr 2004 der Konzernumsatz damit auf 80 Millionen Euro gesunken, der Verlust allerdings konnte mit 4,2 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als halbiert werden. Ein wichtiges Instrument waren dabei Mietreduzierungen: Mit den Vermietern handelte das notleidende Unternehmen Reduzierungen von 16 Millionen Euro aus.

"Nach über drei Jahren kontinuierlichem Kampf mit Vermietern, Lieferanten und Dienstleistern wird es Zeit, wieder anzugreifen", erklärte Flebbe selbstbewusst auf der Hauptversammlung. Er kündigte zugleich eine Zukunftsstrategie mit einer Marketingoffensive, Renovierungen älterer Häuser und gegebenenfalls auch wieder Übernahmen an. "Unser Wachstumsziel ist, wieder profitabel zu werden, nicht die Marktstellung", betonte Flebbe.

Dass sich die Stimmung in der Kinobranche zuletzt wieder etwas aufgehellt hat, lässt auch die jüngste Verlautbarung des Darmstädter Kinounternehmens Kinopolis erkennen: Es liegt mit einem Besucherplus von etwa sieben Prozent gegenüber 2003 im Branchentrend. Die jüngsten, sehr erfolgreich gestarteten Theater in Koblenz, Landshut und München seien dabei nicht berücksichtigt, teilte der Kinopolis-Manager Hans-Jürgen Jochum mit. Knapp 1,8 Millionen Menschen haben laut Jochum 2004 das "Flaggschiff" des Unternehmens, den „Mathäser-Filmpalast" in München, besucht.

Allzu große Hoffnungen sollten mit dem derzeitigen Aufschwung in der Kinoszene allerdings nicht verbunden werden. Denn wichtige strukturelle Probleme wie das Overscreening an manchen Standorten und die wachsende Konkurrenz von Bildschirmmedien wie DVD bleiben. So verwies die Zeitung "Financial Times Deutschland" im August 2004 auf Branchenschätzungen, wonach etwa ein Drittel der rund 150 deutschen Multiplexkinos Gewinn machen werde, während ein weiteres Drittel defizitär und bis zu einem Drittel kaum noch zu retten sei. "Als Tendenz kann man das unterstreichen", zitiert das Blatt Frank Mackenroth, einen Kino-Experten der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers, "die Multiplexe haben ihre beste Zeit gehabt."