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Wie dem Nachwuchsmangel begegnen?

Von Simone Dettelbacher

Selbst wenn der Begriff in der vergangenen Zeit überstrapaziert wurde, er trifft die Lage doch wie kein anderer: Die Filmbranche steckt in einer Krise. Zwar keineswegs im Hinblick auf das Produktionsvolumen – nicht zuletzt dank der ungebrochenen Serien-Euphorie steigt die Auftragslage sogar kontinuierlich an – nein, es mangelt inzwischen wortwörtlich an allen Ecken und Enden auch schlicht an nötigem Personal, insbesondere an jungen Menschen, an qualifiziertem Nachwuchs.

Branchenintern werden die Umstände, unter denen heutzutage produziert wird, schon lange kritisiert und als eine der Ursachen des Fachkräftemangels erkannt. Dazu Annette Greca, Gewerkschaftssekretärin von connexx, dem ver.di-Netzwerk für Medienschaffende: „Zum einen verlassen viele aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen, die eine Work-Life-Balance nicht ansatzweise ermöglichen, die Branche oder wandern zu den großen Anbietern, die bessere Konditionen bieten, ab. Zum anderen hat sich der Anspruch der jungen Generation an den Arbeitsplatz und damit einhergehend die Arbeitsbedingungen gewandelt. Eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit und insbesondere auch Zeit für Familie kann die Filmbranche mit ihren überlangen Arbeitszeiten nicht bieten. Auf wenige Monate befristete Arbeitsverträge, projektbezogene Einsatzorte, überlange Arbeitstage, Nachtarbeit und regelmäßige Wochenendarbeit sind stattdessen an der Tagesordnung.“ Aus diesem Grund verließen insbesondere junge Eltern die Branche. Aber auch gesundheitliche Gründe seien häufig Auslöser für die Entscheidung, der Filmproduktion den Rücken zu kehren. „Mittlerweile erleben wir, dass selbst für kurze Einsätze Filmschaffende aus anderen Regionen Deutschlands eingesetzt werden müssen und teils sogar gesamte Abteilungen aus dem Ausland eingekauft werden“, so Greca. Mitunter müssten sogar komplette Produktionen verschoben werden, da nicht ausreichend Arbeitskräfte für die Umsetzung der Projekte zur Verfügung stehen.

Gewachsener Bedarf, zu wenig Ausbildung
Zudem stellt die dürftige Ausbildungssituation und der daraus resultierende Mangel an qualifiziertem Nachwuchs ein grundsätzliches Problem dar. Sabine Loch von der Künstlervermittlung ZAV in Köln konstatiert: „Der Nachwuchsmangel ist bei jedem Gewerk am Filmset vorhanden: In der Aufnahmeleitung, im Produktionsbüro, in der Ausstattungs- und Kostümabteilung, im Kamera-, Licht- und Tonbereich.“ In den letzten drei Jahren sei zum Beispiel der Bedarf in den Ausstattungsabteilungen durch größere, anspruchsvollere Projekte enorm gestiegen. „Besonders eklatant“, so Loch: „Es gibt keine klassischen Ausbildungsberufe für eine Vielzahl der Berufe am Filmset, und Weiterbildungen werden nur für einzelne Positionen angeboten. Das alte gewachsene Prinzip des Learning by Doing kann den gestiegenen Personalbedarf nicht mehr bedienen und ist besonders schwierig in den Bereichen Script Supervisor, Tonassistenz und Filmgeschäftsführung.“ Lange Zeit arbeiteten in der Filmbranche vor allem filmbegeisterte Quereinsteiger, welche sich mit oft unterbezahlten oder gar komplett unvergüteten Praktika und mehreren Assistenzen über Jahre hinweg bis zu ihrem Beruf hochgearbeitet haben. Seitdem auch für Praktikanten der Mindestlohn gilt, sparen viele Produktionsfirmen jedoch an Personal und besetzen weniger Praktikumsstellen, als es früher der Fall war. Plakativ ausgedrückt: Seit der Einführung des Mindestlohns fehlt es an billigem Personal, auf welchem ein Großteil des Systems aufgebaut war – und damit an Nachwuchs.

Erfahrene Kräfte steigen aus
Dies wiederum hat zur Folge, dass sich der Druck auf diejenigen verschärft, die bereits länger in der Branche tätig sind und nun immer häufiger ohne die Unterstützung von Assistent*innen auskommen müssen, da schlicht und ergreifend niemand mehr nachrückt, der*die ihnen die ohnehin stetig wachsende Arbeit erleichtern könnte. Die Branche verliert für erfahrene Arbeitskräfte daher zunehmend an Attraktivität. Vielerorts hört man, dass sich Filmschaffende um die vierzig aus ihren Berufen zurückzögen. Filmgeschäftsführer*innen zieht es in Steuerkanzleien, Aufnahmeleiter*innen kommen in der Werbung unter. „Viele Altgediente steigen wegen eines Burnouts aus“, meint Ingo Weerts, Projektmanager bei connex. Damit fehlt es zusätzlich noch an Erfahrenen und Qualifizierten beim Dreh. Klar ist: Die Filmbranche in ihrer aktuellen Konstitution ist längst an ihre Grenzen gestoßen. Es brodelt an allen Ecken und Enden – die Krise lässt sich nicht mehr leugnen.
Daher diskutieren Filmschaffende aller Gewerke, Produzent*innen, Journalist*innen, Gewerkschaften und Sendeanstalten derzeit: Wie kann man die zunehmend problematischer werdende Gemengelage wieder in den Griff bekommen, wie könnten Lösungen aussehen? Eine Antwort lautet wie so oft: Bildung. In Zukunft muss deutlich mehr Wert auf eine qualitative und nicht zuletzt auch flächendeckendere Aus- und Weiterbildung gesetzt werden. Nur so kann das Fachkräfteproblem dauerhaft beseitigt werden. Hierbei ist zum einen die Seite der Produzent*innen gefragt. Constantin Film etwa bietet in Zusammenarbeit mit Hochschulpartnern in München und Stuttgart duale Studiengänge an. Mit dieser Initiative sollen insbesondere Berufe im Produktionsbereich gefördert werden, da man vor allem dort mehr Spezialisten brauche. Die UFA hat Anfang 2019 eine Serienschule gegründet, in welcher neue Storyliner-Talente ausgebildet werden, die künftig die Handlungsstränge für das Vorabendprogramm entwickeln sollen und bei der Bavaria Film GmbH setzt man im Rahmen des Programms „Future Work Value“ auf innerbetriebliche Weiterbildungsmaßnahmen, um die Mitarbeiter*innen besser auf die sich ständig verändernden und zunehmend digitalisierten Anforderungen in ihren jeweiligen Sparten vorbereiten zu können.

Erste Kurse an der Sächsischen Filmakademie
Zum anderen muss die akademische Ausbildung weiterhin stark ausgebaut werden – und hier tut sich aktuell einiges: Mit Fördermitteln des Freistaats Sachsen und der Umsetzung durch die Hochschule Zittau/ Görlitz als verantwortlichen Bildungsträger wurde kürzlich die Sächsische Filmakademie ins Leben gerufen. Zum 6. Dezember 2021 bietet sie ihren ersten Kurs „Assistenz Filmproduktion“ in Görlitz an. Der Kurs besteht aus einem sechswöchigen Theorieteil, Themen sind Filmtechnik, Projektmanagement, Finanzierung, Kalkulation, Urheberrecht, Nachhaltigkeitsmanagement und Teamentwicklung. Versierte Persönlichkeiten aus der Filmproduktion stellen dafür ihr praktisches Fachwissen für die Kursteilnehmer*innen zur Verfügung. Nach dem sechswöchigem Theorieteil folgt ein zwei- bis dreimonatiges Praktikum bei einer großen Filmproduktion, ab Sommer 2022 sollen weitere Ausbildungskurse für die Bereiche „Assistenz Ausstattung“ und „Assistenz Licht / Kamera / Ton“ angeboten werden.
Das Erich Pommer Institut (EPI) begegnet aktuell dem Fachkräftemangel in der Bewegtbildbranche mit der Schaffung eines Weiterbildungsnetzwerkes. Der vom EPI geplante Verbund richtet sich an alle Unternehmen aus der audiovisuellen Medienbranche, neben Film und Fernsehen sind dementsprechend auch Firmen aus dem Bereich Gaming, den Onlinemedien sowie Digitalagenturen angesprochen. Zunächst sollen die Bedürfnisse der Branche erfasst, die Unternehmen zu bestehenden Weiterbildungsmöglichkeiten beraten und dann zielgenaue Angebote aber ebenfalls standardisierte Verbundweiterbildungskonzepte entwickelt werden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales fördert das EPI dafür über drei Jahre. Teil des Verbunds sollen neben Unternehmen und Solo-Selbstständigen auch Verbände und Interessensvertretungen der Beschäftigten sein. In Hessen startete bereits im September 2020 das neue Branchenqualifizierungs- und Weiterbildungsprogramm STEP der HessenFilm und Medien GmbH. Das Programm unterstützt Studierende, Film- und Medien Alumni sowie Quereinsteiger*innen auf ihrem Weg in die Filmbranche. In einem Punkt sind sich alle einig: Es braucht mehr und höher qualifizierte Arbeitskräfte.

Tarifverhandlungen für bessere Arbeitszeiten
Doch selbst, wenn die Ausbildung des Nachwuchses damit auf einem guten Weg ist – noch immer gestalten sich die Tarifverhandlungen in der Filmbranche als schwierig. Top-Priorität haben dabei erträglichere Arbeitszeiten. Christoph Palmer, der Vorsitzende der Geschäfts- führung der Allianz Deutscher Produzenten, ist jedoch der Ansicht, dass „die Flexibilität bei den Arbeitszeiten ein zentrales Argument dafür ist, dass in Deutschland überhaupt gedreht wird und dass internationale Produktionen hier drehen.“ Das verlange den Beschäftigten sicherlich Kompromissbereitschaft ab, so Palmer. Und weiter: „Andererseits sind viele zurzeit ohne Beschäftigung – wir brauchen also ausreichend Projekte. Darum sollte jeder Interesse daran haben, dass produziert wird.“ Die Perspektive Palmers erscheint angesichts des eklatanten Fachkräftemangels zumindest fragwürdig und gerade im Hinblick auf den jungen Nachwuchs, dem sehr an einer gesunden Work-Life-Balance gelegen ist, als wenig zukunftsorientiert. Bleibt zu hoffen, dass auch hier bald ein Umdenken einsetzt.

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