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Die Bedeutung von Nasenfett – Zum Tod von Helmut Herbst

Von Gunter Deller

Wir waren ein verschworener Haufen, die Studierenden im Bereich Film der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main, und unsere Filme auf den Festivals sofort erkennbar: Hartes 16mm- Schwarzweiß, skurrile Geschichten, formal avancierte Experimente und schräge Animationen. Ermöglicht hat diese anarchische Produktivität der Filmemacher und Künstler Helmut Herbst, der 1985 als Professor an die Hochschule berufen wurde und dort bis 2000 lehrte. Als die Fernsehanstalten ihre analogen Kopierwerke schlossen, nutzte Helmut die Gelegenheit und installierte mit den ausrangierten Geräten in den unterirdischen Räumen der Hochschule ein von Studierenden betriebenes Filmentwicklungslabor mit Kopiermaschine, Tricktisch und optischer Bank, nebst Tonstudio und professioneller Filmprojektion für 16/35mm.

Das „Offenbacher Modell“ vermittelte in vier Semestern die Grundlagen des Filmschaffens, Kamera und Licht, Ton und Montage, Drehbuch und Regie, Produktion und Spezialeffekte.
Helmuts gute Kontakte bescherten uns für jeden dieser Bereiche Profis, die zu Workshops einluden und nicht zuletzt hat die Expertise seiner Frau, der erfahrenen Editorin Renate Merck, so mancher Hochschulproduktion auf die Sprünge geholfen. An der HfG wurde somit Helmuts Vision in die Tat umgesetzt, dass filmische Innovation nur über ein genaues Studium der technischen Bedingungen des Mediums möglich ist. Tage-, ja nächtelang verbrachten wir in den Werkstätten und erlagen der Faszination eines selbst kopierten und entwickelten Films, erstellten Teststreifen mit Belichtungsreihen, rührten Chemikalien an, schnitten das Positiv am Steenbeck-Schneidetisch, mühten uns aber auch am Negativschnitt oder schmierten Filmbahn und Greifer der ratternden Kopiermaschine mit unserem Nasenfett. Dies ermöglichte ein völlig autonomes Arbeiten, in dem wir, wie in der von ihm mitbegründeten „Hamburger Filmmacher Cooperative“, unsere Produktions- und Vertriebsmittel selbst in die Hand nahmen.

Helmut war allen filmischen Formen gegenüber offen; sie sollten nur gut gemacht sein. Doch er verhehlte nicht seine Vorliebe für das Unkonventionelle, für ein anderes Kino, und formulierte dabei klar seine Meinung. Auch innerhalb der Hochschule war er ein streitbarer Kollege, der die Bedeutung des Filmbereichs immer wieder energisch verteidigen musste. Unser Verhältnis war von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Ich als Experimentalfilmer, immer mit der Bolex-Kamera unterwegs, aber auch als Projektionist und Mitbetreiber des Mal Seh’n Kinos tätig, entsprach seinem Ideal, das in unserer Begeisterung für Vertovs DER MANN MIT DER KAMERA seinen Ausdruck fand. Welch ein Vertrauensbeweis, dass ich einmal seine optimal lichtbestimmte Kopie dieses Films projizieren durfte! Immer wieder erstrahlen aber auch seine eigenen Filme auf unserer Leinwand. Sie zeugen von einer profunden Kenntnis der Filmtechnik, ihren sprachlichen Möglichkeiten und einer Liebe für das frühe Kino, die ich nun gern an meine Filmstudierenden weitergebe.

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