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Branchenweites Ausbildungskonzept gesucht

Ein Kommentar von Peter Hartig

Um den Nachwuchs musste sich die Filmbranche lange keine Sorgen machen. Sie lockte mit ihrem Glamour-Effekt und verließ sich auf die Leidenschaft, mit der die nächste Generation ihren Traum verfolgte. Von Praktikum zu Praktikum erarbeitete man sich mehr Verantwortung, in der Hoffnung, eines Tages zur Assistenz in einem der Gewerke aufzusteigen.

Zugegeben: Dieses System hat seinen Reiz. Es scheint allen offenzustehen, entscheidend ist nicht die Qualifikation, sondern allein Leistung – oder Leidensfähigkeit. Die Ausbildung erfolgt so nah an der Praxis, wie man es sich nur wünschen kann. Learning by Doing – darauf schwören auch Pädagogen, durchs Selbermachen lernt man besser. Aber Learning by Doing braucht auch die Zeit, sich zu überlegen, was man gerade gelernt hat. Und die Freiheit, dabei Fehler zu machen. Beides gibt es im Drehalltag nicht. Die Berufsgenossenschaft hat zum Thema Arbeitssicherheit übrigens eine tolle Fotosammlung, was man sich am Set so alles an Fehlern abgucken kann. Immerhin schien das System so zu funktionieren. Jedes Jahr entstehen mehr als 200 Kinofilme in Deutschland. Auch ab 2015, als der Praktikumstraum jäh endete. „Schnupperpraktika“ sind seitdem auf drei Monate und eine Ausbildung begrenzt, ansonsten wird der Mindestlohn fällig. Nicht nur die Produzentenallianz hatte sich dagegen gewehrt – das gehe „an der Realität der deutschen Film- und Fernsehproduktion vorbei.“ Eine Alternative gibt es freilich schon – und das seit 15 Jahren: Drei Jahre dauert die Ausbildung im dualen System zum*r Mediengestalter*in Bild und Ton. Sie ist möglichst breit angelegt. Der Abschluss soll die Tür zu den unterschiedlichsten (meist so- genannten technischen) Gewerken öffnen. Ob das für die Praxis reicht, muss die Branche selbst entscheiden, der der Nachwuchs fehlt.
Nicht wenige Produktionsfirmen, Studios und Dienstleister setzen jedenfalls darauf. Und schließlich bedeutet eine Ausbildung auch ein wenig Respekt vor dem Beruf. Das sollte alle Filmschaffenden interessieren.
Auf das Nachwuchsproblem reagiert die Branche an vielen Stellen. Besonders Weiterbildung steht auf dem Programm. Was an sich eine gute Nachricht ist. Die Initiativen beschränken sich allerdings auf die eigenen Bereiche oder Regionen. Und Weiterbildung ist nicht das gleiche wie Ausbildung, und ein sechsmonatiger Workshop ersetzt kein dreijähriges Lernen. Die Kosten dafür tragen in der Regel die Filmschaffenden selbst (an den Filmhochschulen gibt es das Wissen übrigens umsonst). Und so werkelt ein jedes vor sich hin, hier wird reagiert, da eine Maßnahme getroffen, aber der Blick aufs große Ganze fehlt. Was hat uns doch gleich nochmal die Pandemie gelehrt?
Was weitgehend noch fehlt, sind nachhaltige Ausbildungsgänge mit Abschluss und Perspektive für Fachberufe wie Aufnahmeleitung, Garderobe, Requisite, Maskenbild oder Licht. Die vielleicht etwas spezialisierter sind als die Mediengestalter*innen-Ausbildungen und die dem Nachwuchs etwas mehr Klarheit vermitteln, wie man eigentlich zum Film kommt und welche Qualifikationen gebraucht werden.
Richten können das nur alle, denn da helfen leider keine regionalen Lösungen. Das geht nur branchenweit als gemeinschaftliches Konzept, das auch klärt, wie das zu bezahlen ist. Ein Runder Tisch wird schon länger gefordert. Doch an dem müssten wirklich alle sitzen, und viele hören sich ja jetzt schon nicht richtig zu.
Und da, wo das Geld und der Einfluss sitzen, versteht man unter Nachwuchs eh etwas anderes: Förderprogramme, Sendeplätze, Festivals und Preise gibt es für Regie, Drehbuch und Produktion. Dazu mehrere Filmhochschulen, wo noch ein paar Edel-Gewerke aus dem Vorspann ebenfalls studieren dürfen (das Abitur ist Voraussetzung). Das Team, das im Abspann steht, wird nicht gesehen. Mehr als 400 Filmberufe listet die Branchenplattform Crew United auf. Ach, gäbe es nur eine Stelle, die sich fürs gesamte Filmschaffen im Lande zuständig fühlte… Eine Filmförderungsanstalt (FFA) etwa, die den Auftrag hat, „Maßnahmen zur Förderung des deutschen Films und zur Verbesserung der Struktur der deutschen Filmwirtschaft einschließlich der Kinos durchzuführen“. So steht es im Filmförderungsgesetz, gleich als erste der Aufgaben.
Da stellt man sich sofort einen Masterplan vor, wie das gehen könnte. Falls die FFA einen hat, ist er noch nicht öffentlich. Das gilt auch fürs Ministerium der BKM, das viel Geld verteilt, aber alles Weitere für die Aufgabe der Branche hält. Und die hat es hingenommen, dass Sender, Kinos und Vertriebe die Weiterbildung 2012 aus dem Filmförderungsgesetz gestrichen haben.

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