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Wenig Lärm um viel

Wenig Lärm um viel
Ein Kommentar von Andrea Wenzek

Die vom Frankfurter Kulturdezernat am 16. Juni veröffentlichte Machbarkeitsstudie für ein Filmfestivalhaus bietet vorrangig nur mittel- und langfristige Lösungen für die hiesigen Festivals. Derweil stellte das LICHTER Filmfest seine Idee für ein „Haus der Filmkulturen“ vor. Doch was ist zeitnah machbar?

Da ist sie nun, die von den Frankfurter Filmfestivals lange erwartete Studie. Dass sie seit ihrer Veröffentlichung keinen Lärm erzeugte, hatte auch mit den bis zum Sommerloch andauernden Koalitionsverhandlungen der künftigen Römer-Koalition zu tun, schließlich war die Unterstützung eines Festivalzentrums Gegenstand der kulturpolitischen Vereinbarungen. Die Filmszene wie auch das Kulturamt zeigten sich erleichtert, dass das neue Vierer-Bündnis „die Weiterentwicklung der Filmfestivals in den Koalitionsvertrag aufgenommen hat“, so Kulturdezernentin Ina Hartwig.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum die Szene nicht lärmt. Zum einen hat es mit den verschiedenen Interessen von 22 unterschiedlich ausgestatteten Festivals zu tun. Zum anderen mit ihrer viel zu klein aufgestellten und somit weniger hörbaren Lobby. Im Rückblick machte sich vor allem das Filmhaus Frankfurt für die Anliegen der Festivals stark. Es ging um einen höheren Förderetat und, was den Raumbedarf betrifft, um das bis heute fehlende große Premierenkino. Nach einer parlamentarischen Anhörung der Festivalveranstalter im Haus am Dom kam die Unterstützung des geforderten Premierenkinos mit in den Vertrag der Römer-Koalition 2016. Und dann passierte erst einmal nichts. Vor allem das Filmhaus und der damalige Stadtverordnete und Filmproduzent Sebastian Popp übten Druck auf das Kulturamt aus und so entstand die Idee einer Machbarkeitsstudie, die auch einen Ort für einen großen multifunktionalen Veranstaltungssaal miteinbeziehen sollte. Dass die Studie erst 2018 vom Kulturamt in Auftrag gegeben wurde, mag auch an dem komplexen Haushaltsrecht der Stadt liegen, durch das die Bewilligung einer Summe in Höhe von 50.000 Euro mitunter einen langen Weg beschreiten muss.

Das beauftragte Büro bb22 Architekten Stadtplaner schlägt darin fünf mögliche Szenarien für den Raumbedarf der Festivals vor. Demnach könnte ein Festivalboot auf dem Main als zusätzlicher Abspielort dienen – ähnlich dem Theaterschiff in Stuttgart. Die Nutzung des Studierendenhauses und der Räumlichkeiten des jetzigen Unikinos Pupille auf dem künftigen Kulturcampus in Bockenheim wäre laut Studie nur mittelfristig umsetzbar. Ein weiteres Szenario kombiniert den Veranstaltungssaal, einen Coworking Space für die Festivalbeschäftigten und einen Lagerraum in einem großen Festivalhaus auf dem Milchsackgelände im Gutleutviertel. Die Umsetzung dieser Variante wäre, ähnlich wie der Vorschlag einer Nachnutzung des eventuellen Interimsgebäudes der Städtischen Bühnen, nur langfristig realisierbar. Und welches Szenario ist kurzfristig machbar? „Wir könnten den Festivalorganisatoren relativ zeitnah Arbeitsräume und Räume für Filmsichtungen und Teambesprechungen in der Berliner Straße 25 zur Verfügung stellen“, sagt der im Kulturdezernat zuständige Referent Michael Fraenkel.

Nun ist zu befürchten, dass die mittel- und langfristigen Lösungsvorschläge in den Aktenschränken verschwinden, im Zweifelsfall aufgrund mangelnder Finanzierbarkeit. Dies kann man nur mit einer breit aufgestellten, lautstarken Lobby verhindern, die daran erinnert, dass die Filmkultur mit ihren publikumsstarken Festivals den anderen Kunstgattungen wie Theater, Oper, Musik und darstellende Kunst in ihrer Größe und Finanzierung endlich gleichgestellt werden muss. Diesen Missstand hat das LICHTER Filmfest mit seiner bereits im April vorgestellten Vision eines „Haus der Filmkulturen“ aufgegriffen. Darin ist das Gebäude mit einem großen multifunktionalen Raum ausgestattet; dort sollen nicht nur Festivals vereint, sondern alle Erscheinungsformen des bewegten Bildes vertreten sein. Virtual- Reality-Installationen und Videokunst begleiten etwa Filmreihen zu aktuellen Themen und auch die Games-Branche und Filmmessen sollen dort zyklisch Einzug halten. Szeneintern verursachte das Konzept mehr Getöse als in der Öffentlichkeit, denn darin bleibt das DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum als zentraler Ort der Filmkultur unerwähnt. Und doch: In Frankfurt gibt es mehrere finanzstark geförderte Museen für die darstellenden Künste, warum in Zukunft nicht auch zwei größere Orte für die Kultur des bewegten Bildes? Nicht erst in der Zukunft, nein schon jetzt prägt uns keine mehr als diese.

Nun geht es auch darum, einen Standort für den akuten Bedarf eines Festivalhauses zu finden. Andere Kulturhäuser werden durch weit vernetzte Fördervereine unterstützt, deren Spürhunde die eine oder andere leer stehende Immobilie kurzfristig auftun. Das kann der lose „Verbund hessischer Filmfestivals“ nur bedingt leisten. Wenn die Filmkultur in dieser Stadt stärker wahrgenommen werden möchte – wie etwa in Frankreich –, muss sie sich auch breiter aufgestellt organisieren!

Veröffentlicht in GRIP 63 – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt. Erschienen am 14.07.2021

GRIP 63 Titel