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Vom bildenden Künstler zum Filmregisseur

Vom bildenden Künstler zum Filmregisseur
Ein Porträt von Claudia Prinz

Nicht erst mit seinem Spielfilmdebüt JONATHAN (2016) zog Piotr J. Lewandowski die Aufmerksamkeit auf sich. Schon für seine Kurzfilme und Fernseharbeiten erhielt er zahlreiche Preise. An seinem zweiten Kino-Spielfilm KÖNIG DER RABEN (2020), der nach seiner Premiere in Hof auch auf dem LICHTER Filmfest gezeigt wurde, war HessenFilm mit 500.000 Euro Produktionsförderung beteiligt. Lewandowski dreht inzwischen in ganz Europa und lebt in Offenbach.

Piotr J. Lewandowski begann seine Ausbildung als bildender Künstler, hatte aber von Anfang an den Wunsch, sich auch mit filmischen Mitteln auszudrucken. Das fehlte ihm während seines Kunststudiums in London, aber er hatte deutsche Freunde, darunter einige aus Hessen. Die meinten, in Offenbach gebe es einen ganz tollen Professor, der Film unterrichte und wenn er sich noch nicht entscheiden wolle, könne er dort sowohl Kunst als auch Film studieren. Er bewarb sich und wurde aufgenommen. Leider ging Helmut Herbst, der die Filmklasse leitete, zwei Jahre später in den Ruhestand. Da hatte sich Lewandowski schon für eine weitere szenische Filmausbildung entschieden und wechselte an die Filmakademie Ludwigsburg, an der er seinen Abschluss machte und erste Kurzfilme drehte. Trotzdem ist Offenbach seine Wahlheimat geblieben: „Viele denken, ich wohne in Berlin, doch als Filmemacher muss ich aus Koffern leben können. Ich drehe mal in Berlin, mal in Warschau oder demnächst in Hamburg, da muss man flexibel sein. Nach dem riesigen London fühlte sich das kleine Offenbach für mich genau richtig an. Hier habe ich meine Familie und meine Freunde und ich komme immer wieder hierher zurück.“ Besonders angenehm war das für ihn bei den Dreharbeiten zu KONIG DER RABEN. Die Innenaufnahmen wurden in einer Friedberger Kaserne gedreht, und Frankfurt bildete den Hintergrund als pulsierende Großstadt. Weitere Drehorte waren Offenbach, Mannheim und Heidelberg. In allen Fällen war es ihm möglich, abends wieder nach Hause zu fahren und im eigenen Bett zu schlafen, ein großes Glück, wie er sagt. Leider teilt KONIG DER RABEN das Schicksal vieler Filme, die im Jahr vor der Coronapandemie entstanden sind. Durch die Schließung der Kinos gibt es keine Aufführungsmöglichkeiten und es nähert sich die Frist, zu der die beteiligten Fernsehsender den Film zeigen wollen.

Stadt und Land
Möglicherweise ist es eine gute Voraussetzung für eine künstlerische Karriere, an zwei unterschiedlichen Orten aufzuwachsen. Piotr J. Lewandowski wurde in Warschau geboren und sieht sich als Stadtmensch. Aber der Bauernhof seines Großvaters war nicht weit entfernt und dort hatte er sehr viel Zeit verbracht. Er entwickelte eine große Liebe zur ländlichen Natur und lernte, mit Pflanzen und Tieren umzugehen. Bereits sein Großvater legte Wert darauf, in beiden Welten zu leben, als Professor einer Hochschule, der sieben Fremdsprachen beherrschte, den Holocaust überlebt hatte und gleichzeitig Landwirt war. „Morgens war mein Opa im Anzug unterwegs und abends arbeitete er auf dem Feld“, erinnert sich Lewandowski, „das war sehr faszinierend für mich, wie er diese zwei Welten organisch verbunden hat. Ich trauere ihm noch immer nach und habe mir vorgenommen, eines Tages einen Film über ihn zu machen.“

Sowohl Komödie als auch Drama
Wie in der Stadt und auf dem Land, so ist Lewandowski sowohl in der Komödie als auch im Drama zu Hause. Komödie fallt ihm etwas leichter, beim Drama braucht er mehr Energie, aber beides ist ihm wichtig. Bereits mit seinem Kurzspielfilm HEAVY PREGNANT (2003, Co-Autor Carsten Strauch) stellte er sein komödiantisches Talent unter Beweis. Das setzte sich bei seinem ersten langen Spielfilm DIE AUFSCHNEIDER (2007) fort, den er auch zusammen mit Carsten Strauch und etlichen seiner Offenbacher Studienkolleg*innen realisierte. Und einen nicht unwesentlichen Beitrag leistete er zur TV-Serie GOTTER WIE WIR (2012), für die Rainer Ewerrien, Carsten Strauch und Nina Werth die Plots geschrieben hatten. Die Serie wurde 2013 mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Comedy“ ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit mit Carsten Strauch ist eine Konstante in Lewandowskis Arbeitsleben geblieben. In all seinen Dramen greift Lewandowski Themen auf, die etwas mit ihm und seinem Umfeld zu tun haben. Sie sind immer persönlich, auch wenn man es nicht sofort erkennt. Sie machen eine Metamorphose durch, das heißt, er bearbeitet nicht seine eigenen Probleme, sondern Themen, die er wichtig findet. In KONIG DER RABEN ist es die Geschichte von Darko, einem jungen Überlebenskünstler, der illegal in Deutschland lebt. Er versucht sich und seine kranke Mutter im Großstadtdschungel über Wasser zu halten, bis er sich mit der geheimnisvollen Alina in einer Amour fou zu verlieren droht. Sein Traum zerbricht, als die ungleiche Beziehung von der Vergangenheit eingeholt wird.

Eingeschränkte Möglichkeiten
Bei aller Verbundenheit mit der Region mochte Lewandowski gerne weitere Projekte umsetzen, die international erfolgreich sind. Mit Jonathan ist ihm das bereits ein Stuck weit gelungen. Seine vorherigen mit Lob überhäuften Kurzspielfilme sind rund um die Welt gezeigt worden und Jonathan hat mehrere Preise gewonnen, auch in den USA. Das hat ihm bewiesen, dass seine Filmsprache universell ist und überall verstanden wird. Er konnte sich sogar vorstellen, auf Englisch zu drehen, um ein noch breiteres Publikum zu erreichen, das wäre ja ebenfalls in Deutschland möglich. Allerdings hat er wegen der Produktionslandschaft Bedenken, in der oft alles zu bürokratisch sei, und man sei zudem politisch übervorsichtig geworden. Zwar ist Hessen seine Wahlheimat geworden, aber die Möglichkeiten seien ziemlich beschränkt. Wenn zwei oder drei Projekte hier gleichzeitig realisiert werden sollen, dann fehlen schon gute Leute und für den Stab werde es knapp. Ein anderes Problem, das in letzter Zeit aufgetaucht ist, beschreibt er so: „Ich habe das Gefühl, dass sich in Deutschland etwas verändert hat, und dass es Filmemacher immer schwerer haben. Über bestimmte Themen darf man nicht mehr sprechen, Ironie wird ganz anders eingestuft. Als ich zum Beispiel König der Raben – in dem ein Angehöriger der Roma die Hauptfigur ist – bei einem großen Festival angemeldet habe, wurde er mit dem Argument abgelehnt, ich sei kein Rom und kein Sinto und man könne keinen Film zeigen, der von einem Nicht-Rom über diese Volksgruppe gedreht worden sei. Ich fand das ausgesprochen unfair und es hat mich sehr verletzt, denn ich bin ja gewissermaßen selbst ein Immigrant.“

Das nächste Projekt
Lewandowskis nächstes Projekt ist eine Tragikomödie fur den NDR. Viel darf er darüber noch nicht verraten, nur dass es ein solches Thema in dieser Form bisher noch nicht gab: „An diesem Projekt arbeite ich seit zweieinhalb Jahren. Ich führe Regie und habe mit Julia Penner und Andreas Frosch zwei ganz hervorragende Autoren. Die Details werden noch nicht veröffentlicht, aber die Geschichte ist gleichzeitig lustig und traurig und ein bisschen schrag – ich glaube, es wird ein ganz wichtiger Film für die queer Community werden“.

Filmografie (Auswahl)
KONIG DER RABEN Spielfilm, D 2020, Regie & Buch (Co-Autor*innen: Denise Langenhan, Finn-Ole Heinrich, Dan Olteanu, Carsten Strauch)
JONATHAN Spielfilm, D 2016, Regie & Buch
GOTTER WIE WIR TV Mini-Serie, D 2012, Regie, Buch: Nina Werth, Rainer Ewerrien
DIE AUFSCHNEIDER Spielfilm, D/GB 2007, Co-Regie mit Carsten Strauch
HEAVY PREGNANT Kurzfilm, D 2003, Regie & Buch (Co-Autor Carsten Strauch)

Veröffentlicht in GRIP 63 – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt. Erschienen am 14.07.2021

GRIP 63 Titel