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Haben hybride Filmfestivals eine Zukunft?

Haben hybride Filmfestivals eine Zukunft?
Von Andrea Wenzek

Nach anderthalb Jahren vorrangig virtueller Filmfestivals in Hessen sind sich deren Veranstalter einig: Die große Leinwand, der reale Kinosaal und das Publikum machen die Atmosphäre des Events aus. Trotzdem denken einige Festivals darüber nach, ihre Ausgaben zukünftig hybrid zu gestalten.

Die Besucherzahlen der Filmfestivals sind mit der Pandemie erheblich angestiegen. Bis heute verkünden die Veranstalter Jubelzahlen, auch so konnte sich das neue Zauberwort „Reichweite“ in der Festivallandschaft als neue Bemessungsgröße etablieren. Doch wie weit reicht die Reichweite? „Im Prinzip haben wir auch nur die Menschen erreicht, die wir in unserem sehr großen Verteiler haben“, kommentiert Festivalleiter Gerhard Wissner die gestiegenen Viewer-Zahlen des Kasseler Dokfest. „Wir haben aber von vielen Menschen gehört, dass sie sich gefreut haben, unsere Filme zu sehen – obwohl sie sonst kaum noch ins Kino gehen.“

Reichweite versus Mehrkosten
Ein nicht unerheblicher Grund fur die eingeschränkte Reichweite der gestreamten Programme resultiert aus dem Geoblocking, dies bedeutet, dass die Filme etwa nur innerhalb Deutschlands empfangen werden können. Die Festivals setzten es nicht nur aus Kostengrunden ein, es geht auch darum, Kinofilmen eine weitere internationale Auswertung zu ermöglichen. „Wir haben auf Wunsch der Filmemacher nur Independent-Filme international gestreamt“, berichtet Marion Klömfass, Leiterin von Nippon Connection in Frankfurt. Abgesehen von den günstigeren Lizenzen, war es Klömfass ein Anliegen, „das relativ unbekannte japanische Independent-Kino weltweit sichtbarer zu machen.“ Angefragte Festivalmacher*innen berichten, dass sie für die gestreamten Filme deutlich höhere Leihmieten zahlen müssen. „Unsere Einnahmen haben sich dagegen mit dem Streaming verringert“, berichtet Wissner und betont, dass die Kosten für die digitale Umsetzung des Kasseler Dokfest höher gewesen seien als das Abspiel in den Kinos. Dem gegenüber standen die entfallenen Reisekosten für die Gaste. Trotzdem denkt Wissner darüber nach, das Festival nach der Pandemie hybrid zu gestalten: „Uns geht es um die Fortsetzung von Teilhabe. Wir mochten aber nicht den Erlebnisort Kino ersetzen.“ Gestreamte Filmgespräche mit aus der Ferne winkenden Regisseur*innen reichen ohne Frage nicht aus, um eine Festivalatmosphäre zu schaffen. Die diesjährige Seriale in Gießen gab sich deshalb trotz des Lockdowns im Juni einen hybriden Touch – in einer Art TV-Studio ohne leibhaftiges Publikum: Moderator*innen empfingen ihre Gäste dort in natura und gemeinsam parlierte man via Zoom mit weltweit zugeschalteten Gasten. Festivalleiter Csongor Dobrotka mochte die Seriale in Zukunft als hybrides Event ausrichten: „Das digitale Angebot ist eine wichtige Bereicherung für das Festival in Bezug auf Sichtbarkeit und die Teilnahme internationaler Gäste und der Branche – um alle erreichen zu können, die nicht vor Ort sein können.“

Hybride Zukunft?
Doch haben einige Festivals bereits nach dem ersten Lockdown 2020 negative Erfahrungen mit ihren hybriden Ausgaben gemacht: Das Streaming- und Kino-Angebot musste nun parallel gestemmt werden. Hinzu kam das aufwändige Community-Management, das sich mit den virtuellen Festivals erheblich ausgedehnt hat: vom Live-Chat bis zur Ticketpreiserstattung. Für die Festivalbeschäftigten bedeutete dies – unabhängig von den einzuhaltenden Hygieneauflagen – eine enorme Arbeitsverdichtung. Um die Mehrkosten des hybriden Formats mit den vorhandenen Fördergeldern aufzufangen, wurde bei der Programmauswahl und der Anzahl der geladenen Gäste gespart. Nicht wenige in der Festivalszene meinen, der digitale Hype berge auch ein Gefahrenpotential für die Veranstalter*innen: Die Ansprüche der öffentlichen Förderinstitutionen und des Publikums an die Onlineauftritte konnten steigen. Und damit auch die Erwartung, dass sich die Festivals in diesem Bereich professionalisieren. Ohne eine Erhöhung der Fördergelder ist dies nicht zu realisieren. Heleen Gerritsen, Leiterin des Festivals goEast in Wiesbaden und Frankfurt, kündigte für diesen Fall ein reduziertes Programm an: „Wir können eine hybride Form personell derzeit nicht tragen.“

Veröffentlicht in GRIP 63 – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt. Erschienen am 14.07.2021

GRIP 63 Titel