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Gut gemeint, oft schlecht gemacht!

Gut gemeint, oft schlecht gemacht!
Ein Kommentar von Dieter Brockmeyer

Die Coronapandemie hat viele an den Rand ihrer Existenz gebracht. Das gilt auch für Künstler*innen und Filmemacher* innen. Die von staatlicher Seite sehr schnell angekündigten Hilfsprogramme hörten sich anfangs gut an, außerdem sollten sie unbürokratisch und schnell sein. Die Realität sieht leider anders aus.

Die Situation kam zu unerwartet, zu unvorbereitet und stellte die Verantwortlichen vor Hürden, die es ziemlich unmöglich machten, ohne Fehler zu agieren. Fehlende digitale Infrastrukturen in den Verwaltungen ließen den Aufwand explodieren. Ungeklärte Rechtsrahmen erfordern immer noch Anpassungen an bereits laufenden Programmen, so dass vielfach Hilfen, die bereits gewahrt waren, spätestens mit der nächsten Steuer zurückerstattet werden müssen. Das sorgt für Unsicherheit und Frust. Während Angestellte durch eine weit ausgelegte Kurzarbeiterregelung in vielen Fällen halbwegs sanft aufgefangen werden, ist die Situation für Filmschaffende als sogenannte Soloselbständige eher ungemütlich. Die meisten Hilfen für Unternehmen sind allein darauf ausgelegt, Betriebskosten abzufedern, also Büromiete, Telefon etc. Doch viele arbeiten von zuhause aus, mit nur geringen Fixkosten. Die prekäre Lebenssituation bleibt unberücksichtigt. Hinzu kommt, dass die Hilfe alles andere als versprochen unkompliziert daherkommt, wie ein hessischer Filmproduzent beschreibt: Er hat monatlich rund 1.000 Euro laufende Betriebskosten. Über seinen Steuerberater stellte er den Antrag für die November- und Dezemberhilfe. Nach viel Hin und Her gestand man ihm die Hilfe lediglich für einen Monat zu. „Davon ging dann noch ein Viertel als Honorar an den Steuerberater“, klagt er. Warum er für die weitere Zeit keine Hilfe bekommen hat, weiß er nicht: „Ich habe das nicht verstanden, und auch mein Berater steigt nicht voll durch.“ Die Komplexität der Antragstellung sei ein echtes Problem sagt ein Experte, der mit allen Verbanden der Soloselbständigen zu diesem Thema im Kontakt ist: „Zu kompliziert und zu teuer, um wirklich zu helfen“, so sein Fazit. Der eben zitierte Produzent schaut neidisch nach Berlin: „Da haben alle Kulturschaffenden pauschal einen Betrag von 5.000 Euro bekommen.“ So etwas gibt es auch in Hessen. Hier konnten Kunstschaffende unkompliziert Brückenstipendien über die Hessische Kulturstiftung beantragen. Im letzten Jahr gab es immerhin 2.000 Euro, 2021 sogar 2.500 Euro. Doch auch hier gibt es Wermutstropfen, wie ein Experte betont: „2020 hat man nicht genug Antrage für die bereitgestellten Mittel erhalten, heute hat man so viel Mittel bereitgestellt, wie damals Anträge eingegangen sind.“ Anträge sollen in wenigen Tagen bearbeitet sein und auch eine Auszahlung soll schnell erfolgen. Die Stiftung sei aber überfordert. „Ich kenne Leute, die schon vor Wochen alles vollständig eingereicht und noch immer nichts gehört haben“, so der Experte. Auch bei der Neustarthilfe des Bundes scheint nicht alles rundzulaufen. Das Problem sei, dass inzwischen auch Mindestumsatze im Referenzjahr angefallen sein müssten, berichtet ein Produzent. „In Hessen ist das noch nicht der Fall, aber in einigen Bundesländern werden bereits Unterstützte aufgefordert, die Hilfe zurückzuzahlen, weil sie diese ungerechtfertigt erhalten hatten.“ Einem anderen Produzenten geht die Diskussion allerdings nicht weit genug. So würde diese für die Produktionsfirmen angespannte Situation genutzt, etwa um senderseitig Preise für werthaltige Produktionen weiter zu drucken oder um andere ungünstige Konditionen durchzusetzen. Er hat sicherlich recht und die Auswirkungen werden uns noch viele Jahre begleiten. Die Pandemie hat viele Entwicklungen ungemein beschleunigt, zum Nachteil bestehender Strukturen und sicherlich auch zum Nachteil von Filmemacher*innen. Fehlende, oder unzureichende Unterstützung während der Pandemie wirkt da noch wie ein zusätzlicher Brandbeschleuniger. Die Absicht war sicherlich gut. Aber gut gedacht heißt leider noch lange nicht gut gemacht.

Dieter Brockmeyer ist Publizist und Director Innovation & TIME des Diplomatic World Institute in Brüssel. Er lebt in Frankfurt am Main.

Veröffentlicht in GRIP 63 – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt. Erschienen am 14.07.2021

GRIP 63 Titel