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Geprägt von Corona und Streaming: Kino- und Filmkultur im digitalen Zeitalter

Geprägt von Corona und Streaming: Kino- und Filmkultur im digitalen Zeitalter
Von Reinhard Kleber

Auf dem Frankfurter LICHTER Filmfest stellten sich Teilnehmende eines international zusammengesetzten Panels am 29. April die Frage nach der „Zukunft der Filmkultur“. Sie sahen neue Chancen für die Kino- und Filmkultur nach der Pandemie, sowohl im Saal als auch digital. Andere Kreative in der Filmverwertung möchten den Film vor allem in Kulturräumen verortet sehen, durchaus kunstübergreifend und zur Pflege des gesellschaftspolitischen Diskurses. Der Filmpublizist Georg Seeßlen geht weiter, er sagt dem Mainstream-Kino den Tod voraus. Was deren Vertriebswege betrifft, das gilt auch für das Arthousekino, hat sich mit dem Anstieg der Streamingdienste bereits ein immenser Wandel vollzogen.

Die Coronapandemie und die Streamingportale nehmen die Film- und Kinobranche derzeit von zwei Seiten in die Zange und verschärfen ohnehin vorhandene Note. Wenn Filmtheater wegen der Pandemie und unzureichender staatlicher Entschädigung fur monatelange Stilllegungen ausbluten und immer mehr attraktive Filmpremieren zu den Streaming-Giganten abwandern, ist klar: Die doppelte Krise wird Folgen haben. Wann, wenn nicht jetzt, stellt sich die Frage nach künftigen Chancen der Kino- und Filmkultur. Das haben auch die Veranstalter*innen des 14. LICHTER Filmfests in Frankfurt erkannt und im April zu einem hochkaratig besetzten Panel eingeladen. Titel: „Future of Film Culture“. Dort waren sich die Teilnehmer*innen einig, dass Filmkultur kein statisches Phänomen ist, sondern ein dynamisches, das sich an gesellschaftliche Veränderungen anpassen muss.

Krisen erzwingen Kreativität
Der Potsdamer Filmproduzent und Hochschuldozent Martin Hagemann betonte in der Online-Runde, dass die Filmkultur derzeit an Wichtigkeit gewinne, weil sie die Grenzen zu neuen Medien und Distributionsformen überwinde. Das werde eine gewisse Zeit erfordern, aber er sei sich sicher: „Wir werden die nächsten 20 Jahre über Filmkultur diskutieren.“ Die Geschäftsführerin von European Film Promotion, Sonja Heinen, konstatierte, dass sich das Kino in einer wirklich schlechten Lage befinde. Die Krise beschere aber auch Gelegenheiten zu Veränderungen: „Sie zwingt uns zum Experimentieren und eröffnet uns viel Potenzial.“ Auch Laura Houlgatte, die Chefin des europäischen Kinobetreiberverbands UNIC, betonte die positiven Nebenwirkungen der Coronapandemie und betonte: „Viele Kinos haben den Corona-Stillstand genutzt, um sich in den Sozialen Medien zu engagieren und sind mit ihrem Publikum so eng in Kontakt gekommen wie nie zuvor.“ Doch was verstehen wir unter Filmkultur? Film ist mehr als nur der analoge Filmstreifen, eine digitale Datenspur oder die Projektion bewegter Bilder. Zu einem ästhetischen Phänomen wird er erst durch seine Distribution und Rezeption. Und Filmkultur entsteht durch deren vielfaltige Ausfächerung: von Kino und DVD über Fernsehen und Museum sowie über Filmkritik und -bildung. Durch Internet, Soziale Medien und Streaming erweitert sich die Filmkultur – mit offenem Ausgang. Nach wie vor aber gilt: Große Teile der Bevölkerung rechnen die Filmkunst hierzulande anders als etwa in Frankreich noch immer nicht zu den ernstzunehmenden Kulturformen. Immerhin wird über die Zukunft der Filmkultur spätestens seit der Publikation der „Frankfurter Positionen“ im Jahr 2018 intensiver diskutiert.

Selber streamen als Ausweg
Doch wie konnte diese Zukunft aussehen? Während die Kinos wegen Corona geschlossen sind, boomen die Streamingportale. Immer mehr Kinobetreiber wollen nicht langer tatenlos zuschauen und streamen einfach selbst. Das klingt zuerst widersinnig, denn mit den Streaming- Giganten können sie vom Volumen her nicht mithalten. Doch sie haben einen großen Vorteil: Sie bieten statt eines riesigen, unübersichtlichen Programms eine strenge, verlässliche Auswahl. Schon 2016 startete die Kölner Firma Rushlake Media die VoD-Plattform Kino on Demand, mit deren Hilfe Arthousekinos Filme von der eigenen Homepage streamen können. Das Beispiel hat längst Schule gemacht. So riefen der Bundesverband kommunale Filmarbeit (BkF) und der Hauptverband Cinephilie (HvC) mit der Filmwerte GmbH 2020 das Portal „Cinemalovers“ ins Leben, das die filmkuratorische Arbeit der Kommunalen Kinos und Programmkinos ins Digitale ausdehnt. Das Konzept überzeugte das Filmhaus Nürnberg, die Kinemathek Karlsruhe und das Wolf Kino in Berlin, die als erste an den Start gingen. Inzwischen machen bundesweit 21 Kinos mit. „Im Sommer werden weitere Kinos und Institutionen dazukommen: sieben Kinos aus Hessen sowie ein Verbund aus Film- und Kinoinstitutionen in Nordrhein-Westfalen“, erklären Mikosch Horn und Jens Geiger von „Cinemalovers“.

Das Publikum geht mit
Nach Angaben des Duos ist die Resonanz auf Publikumsseite sehr gut: „Das Filmhaus Nürnberg hat die längsten Erfahrungen, dort ist das digitale ,kino3‘ vor einem Jahr gestartet. Aktuell nutzen über 500 Abonnent*innen das Angebot. Insgesamt gab es inklusive aller Festivals und Sonderveranstaltungen rund 12.000 Zuschauer*innen in diesem digitalen Jahr.“ Beide widersprechen dem Argument, dass Kinos mit Onlineportal das eigene physische Kinogeschäft schwachen. „Der digitale Kinosaal, wie wir ihn konzipiert haben, ist eine Ergänzung des physischen Kinos und bietet einen Mehrwert zum Kinoerlebnis: Das können Kontextualisierungen sein wie Filmgespräche, Einführungen oder andere Gesprächsformate. Das können frühere Arbeiten eine*r Filmemacher*in sein, deren neuer Film gerade im Saal zu sehen ist. Das können aber auch experimentellere Formen, vergessene oder selten gezeigte Filmschatze oder Filme ohne deutsche Sprachfassung sein, die im regulären Spielbetrieb zu selten gezeigt werden können“, meinen Geiger und Horn. Schon jetzt ist klar, dass die teilnehmenden Kinos den „digitalen Kinosaal“ auch in der Post-Corona-Ara behalten wollen. „Unser Projekt soll auch nach der Pandemie der Kund*innenbindung, der Onlinepräsenz und dem Abrunden der kuratorischen Möglichkeiten der Kinos dienen. Es gibt keinen Grund, das Feld des Streamings den Algorithmen der großen Online-Videotheken zu überlassen. Das können die Kinomacher*innen viel besser“, erklären Geiger und Horn. Der Trend halt an: So ging im Marz 2021 in Berlin die Kino-on-Demand-Plattform „Indiekino Club“ online, an der zehn unabhängige Berliner Kinos beteiligt sind. Zu Pfingsten nahm das renommierte Hamburger Arthousekino Abaton seine eigene Plattform in Betrieb. Und in den Startlochern steht zudem Yorck on Demand, das VoD-Portal der führenden Berliner Kinokette Yorck, die dort zum Start zwischen 50 und 100 Filme anbieten will. Auch unabhängige deutsche Filmverleihfirmen gründen nach dem Beispiel Disneys vermehrt eigene Portale. Den Anfang machten im Frühjahr 2020 Grandfilm, Salzgeber und W-Film mit hauseigenem Shop, Club und Online-Kino. Im August 2020 startete Leonine den Streaming-Service mit Video-on-Demand-Angeboten wie „Home of Horror“, „Filmtastic“ und „Arthouse

Ideen für neue Lichtspielhäuser
Doch wie geht es mit dem Kulturort Kino nach der Pandemie weiter? Einen neuartigen Ansatz zur Präsentation von Filmkultur skizzierte das LICHTER Filmfest kurzlich mit dem Konzept eines „Haus der Filmkulturen“ in Frankfurt: „Ein Haus, das durch seine Nutzungsvielfalt und Architektur den Kulturraum Kino in die Zukunft übersetzt.“ Bemerkenswert daran ist vor allem, dass es neben gängigen Nutzungen etwa fur Filmfestivals oder Filmbildung auch „ein Forschungslabor immersiver Techniken und narrativer Medien“ sein will. Ob die öffentliche Hand fur die Realisierung eines solchen Konzepts die nötigen Gelder bereitstellt, ist eine andere Frage. Ebenfalls auf öffentliche Forderung etwa fur notwendige Sanierungsarbeiten angewiesen ist das Modell eines „Kultur- und Kommunikationszentrums“, das im Frankfurter Berger Kino entstehen soll. So wünscht es sich der Betreiber Harald Metz, der im Januar mitgeteilt hatte, dass das Arthousekino, das coronabedingt seit Marz 2020 geschlossen ist, nicht wieder öffnen wird. Im Februar stellte er das Konzept des Zentrums vor, in dem künftig neben Filmen auch Theater, Kabarett, Konzerte, Tanz und Lesungen ein Zuhause finden sollen. Uber die Zukunft des Kulturorts Kino denkt Lars Henrik Gass, der Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, schon langer nach. Er setzt sich dafür ein, das Kino von kommerziellen Verwertungszwangen zu befreien und „die kulturelle Praxis und Filmkultur durch institutionelle Forderung zu schützen und in der Breite zu bewahren“. Man müsse sich entscheiden, „ob wir das Kino dem Markt überlassen oder ob wir die kulturelle Praxis Kino bewahren wollen“, so Gass in verschiedenen Interviews der Fach- und Tagespresse. „Ich spreche ganz bewusst nicht von Kinomuseen, sondern von einem strukturierten Prozess einer geregelten Musealisierung des Kinos.“ Den kühnsten Entwurf legt jedoch der Filmpublizist Georg Seeslen im „Manifest fur ein Kino nach Corona“ vor, das in der April-Ausgabe von epd Film erschienen ist. Darin plädiert er fur eine neue Kinobewegung: kollektiv, interdisziplinar, kosmopolitisch und unabhängig. In der Bestandsaufnahme konstatiert Seeslen: „Das Kino als ein sozialer und kultureller Raum, der mehr ist als eine Abspielstatte fur Filme, ist vielleicht nicht zum Verschwinden, wohl aber zu einer großen Transformation mit erheblichem Bedeutungsverlust verurteilt.“ Diesem Verlust setzt er eine Vision entgegen: „Das Kino wird von einem Abspielort mit angeschlossener Gastronomie zu einem multimedialen Experimentierraum, in dem alles möglich sein soll, was mit audiovisueller Gestaltung zu tun hat.“ Und er endet mit einer Parole, die auf den berühmten Schlusssatz „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen“ des „Oberhausener Manifests“ von 1962 anspielt: „Das Mainstreamkino ist tot. Wir glauben an ein anderes.“

Veröffentlicht in GRIP 63 – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt. Erschienen am 14.07.2021

GRIP 63 Titel