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Frankfurter Kinos digital

Frankfurter Kinos digital
Von Birgit Schweitzer

Nicht wenige Programm- und Kommunale Kinos haben in der coronabedingten Schließzeit den Kontakt zum Publikum mit Onlineangeboten aufrechterhalten. So auch in Frankfurt. Es zeigt sich die Tendenz, dass einige digitale Angebote der Kinos auch nach der Pandemie erhalten bleiben.

Das Kino hatte bis auf ein Zwischenhoch 2019 bereits vor der Pandemie mit starken Besucherrückgängen zu kämpfen. Man fürchtete ein Kinosterben und jüngst schloss tatsachlich das Berger Kino in Frankfurt. Aus der Not geboren verlagerten andere Frankfurter Kinos ihre Programmaktivität ins Internet, mithilfe von Partnerplattformen wie etwa „Cinemalovers“.

Digitale Programme anspruchsvoll kuratiert
Bei „Cinemalovers“ handelt es sich um ein unter anderem vom Bundesverband kommunale Filmarbeit initiiertes Projekt. HessenFilm und Medien förderte Programm- und Kommunale Kinos mit 95 Prozent der anfallenden Kosten des ersten Betriebsjahrs und ermöglichte so die Teilnahme an dem Projekt. Angeschlossen sind auch die Frankfurter Kommunalen Kinos Filmforum Höchst und das Kino des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, die beide Abos mit verschiedenen Laufzeiten anbieten. Das Online-Programm „DFF Kino+“ bietet neben Filmen und Gesprächen zu den bestehenden Reihen zusätzlich Filmschatze aus dem eigenen Archiv. Das „Filmduett“ des Filmforum Höchst präsentiert Filme im Doppelpack und ermöglicht, die Filme miteinander sprechen zu lassen und sich vertieft einem Inhalt oder einer filmischen Umsetzung zu widmen. Das Kuratieren des Programms, das die Kinos vom überbordenden Streaming-Angebot abgrenzt, bleibt dabei als Hauptcharakteristikum erhalten wie auch die Erstauswertung aktueller Filme. Doch die öffentliche Unterstützung der Kinos für die Teilnahme an Cinemalovers ist zeitlich begrenzt. „Nur wenn das Publikum viele Abonnements abschließt, kann es nach der Pandemie digital so weitergehen. Andernfalls können wir das Zusatzangebot finanziell nicht tragen“, erklärt Sabine Imhof, Leiterin des Filmforum Höchst.

Verleih und Kinos teilen sich die Streaming-Einnahmen
Einige Frankfurter Kinos nutzen auch Kino on Demand, ein Portal, das schon vor Corona Arthouse-Filme angeboten hat. Die Einnahmen werden pro Filmabruf zwischen Verleih und dem vom Publikum ausgewählten Kino vor Ort geteilt. Das Frankfurter Unternehmen Jip Film & Verleih realisierte in der Pandemie zwei Filmstarts über das Portal: LANGES ECHO und SILENCE RADIO. „Reine Online-Starts müssen ein gutes Marketing haben und durch die Presse begleitet werden, damit sie funktionieren“, sagt Jutta Feit vom Jip-Verleih. Auf diese Weise sei aber auch eine besondere Online-Premiere mit Filmgespräch entstanden, das live auf YouTube und in die digitalen Kinoraume gestreamt wurde. Bisher konnte das Kino Mal Seh’n die Krise noch mit Soforthilfen, Überbrückungsgeldern und Spenden überstehen. Um während des Lockdowns präsent zu bleiben, hat das Kino an den Einnahmen der Streaming-Angebote von den Verleihunternehmen partizipiert. Darüber hinaus bietet das Mal Seh’n nun ein eigenes Online-Portal an: „Mal Seh’n on Demand“. Hier zahlt man pro Film einen Ticketpreis, nachdem man sich ein kostenloses Vimeo-Konto angelegt hat. „Die Filmemacher*innen sind meist sehr dankbar über diese Initiative“, berichtet Gunter Deller vom Mal Seh’n. „Mindestens die Hälfte der Einnahmen gehen an die Filmschaffenden, denn das Projekt soll non-profit und eine Dienstleistung an die Filmszene sein“. „Mal Seh’n on Demand“ will sich primär der hessischen Filmszene widmen. Oft sei es nicht möglich, einen Film uber einen längeren Zeitraum im Kinosaal zu zeigen. Die Filme sind so noch über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen verfügbar. Auch über die Corona-Maßnahmen hinaus soll das Angebot in lockerer Folge fortgeführt werden, nicht nur fur heimische Produktionen.

Digitaler Kinoraum nach Corona nur als Zusatzangebot
Wird der digitale Kinoraum in der Zukunft nun zur Regel? Es sei eine gewisse Streaming-Müdigkeit nach dem langen Lockdown zu spüren, sagt Christopher Bausch, Betreiber der beiden Frankfurter Arthouse Kinos, der jüngst das altehrwürdige Eldorado in der Schäfergasse von den Filmtheaterbetrieben Jaeger übernommen hat. Er erwartet nach der Wiedereröffnung der Säle eine regelrechte Renaissance des Kinoerlebnisses. Dr. Christian Brauer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino, erklärt, dass es für die Kinos schwer sei, mit den digitalen Angeboten überhaupt Geld zu verdienen. „Wenn die Arbeitszeit für die Pflege, Lizenzklärung und technische Dienstleistung eingerechnet wird, ist es im Grunde ein Verlustgeschäft. Die Modelle sind rein darauf ausgerichtet, ein Zeichen zu setzen.“ Dennoch sehe er die Tendenz, dass sich dieses Angebot halten wird. Jedes Kino benötige in der heutigen Zeit eine Digitalstrategie, meint er. Die Pandemie hat den Anstoß für diese Entwicklung gegeben, denn die Kinobetreiber hatten Zeit, nachzudenken und die Rahmenbedingungen sind verändert. Denn das Publikum aller Altersklassen verfüge durch den Lockdown über eine gestiegene Digitalkompetenz und ist offener gegenüber Streamingangeboten. „Schwerpunkt des Kinos wird immer der Ort, die Atmosphäre, das Programm und das Event sein.“ Das digitale Angebot sei daher als eine Ausdifferenzierung des Zusatzgeschäfts anzusehen – wie der Verkauf von Popcorn –, als Teil des Gesamterlebnisses Kino.

Veröffentlicht in GRIP 63 – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt. Erschienen am 14.07.2021

GRIP 63 Titel