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Diversität in der Filmproduktion – Es tut sich etwas in Hessen

Diversität in der Filmproduktion – Es tut sich etwas in Hessen
Von Birgit Schweitzer

Eine von HessenFilm mitgeförderte Umfrage zur Vielfalt im Film hat gezeigt, dass es an Diversität in der deutschen Film¬branche vor und hinter der Kamera mangelt. Die Vielfalt der Gesellschaft wird in den Filmen oft in Stereotypen darge¬stellt. Auf dem LICHTER Filmfest diskutierten Filmschaffende deshalb über „Storytelling beyond Stereotypes“. Die ARD Degeto beabsichtigt derweil, die vielfältige Gesellschaft in ihren Filmen und Serien auf unterhaltsame und packende Art und Weise abzubilden.

Die HessenFilm und Medien GmbH ist als Filmförderung vorne dabei, das Thema Diversität im Film anzugehen. Zusammen mit der Filmförderung Hamburg Schleswig Holstein (FFHSH) ist sie Mit¬glied geworden in der „Anti Racism Task Force in European Film“. Anna Schoeppe, Geschäftsführerin der HessenFilm, hat den akuten Handlungsbedarf gesehen und möchte die integrierende Kraft des Mediums Film nutzen, um eine Veränderung herbeizuführen: „Wir sind eine Institution und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“ Bereits im letzten Jahr wurde von Patrick Schaaf, Leiter der Standortentwicklung und Kommunikation, eine neunköpfige Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Fünf Kolleg*innen der HessenFilm und vier Vertreter*innen der hessischen Filmbranche beschäftigen sich in Kleingruppen mit Diskriminierungsformen sowie diversitätsbezogenen Themen und planen Maßnahmen. Dazu widmet sich Dilan Yildirim als wissenschaftliche Mitarbeiterin zusätzlich Diversitätsfragen. Eine erste Maßnahme ist das Autor*innenstipendium im Rahmen des STEP-Programmes mit dem Schwerpunkt Diversität. Entweder sollen die Autor*innen oder das eingereichte Thema divers sein.

Diversity Checklist
Die FFHSH hat für Förderanträge eine „Diversity Checklist“ entwickelt. Es wird darin abgefragt, ob die Geschichte etwa den Alltag in der dritten Lebensphase, Geschlechterrollen oder Migration und Vertreibung behandelt. Spielen Menschen mit Behinderung und People of Color eine Rolle? Geht es auch um sexuelle Identitäten und den sozioökonomischen Status der Protagonist*innen? Die Rollen- und Teambesetzung wird ebenfalls nach diesen Aspek¬ten abgefragt. Auch muss begründet werden, durch welche Ansätze in der Figurenentwicklung klischeehafte Rollenbilder vermieden werden sollen.
Anna Schoeppe ist mit der Hamburger Filmförderung im Austausch. „Zwar führt dies zu einer Sensibilisierung der Antragstellenden und der Jury. Ich bin mir aber nicht hundertprozentig sicher, ob eine Checkliste das beste Mittel ist“, meint sie. Deshalb sei ihre Vorgehensweise zunächst, eine interne Fortbildung mit und im Austausch mit der Branche abzuhalten, um einen Rahmen zu schaffen – was dann auch die Förderentscheidungen beeinflussen werde. Ein Problem sieht Schoeppe darin, zu entscheiden, wann eine Person stereotyp dargestellt werde. Dafür Kriterien zu entwickeln, sei ein sehr komplexer Prozess.

Filme sollen gesellschaftliche Realität darstellen
Anna Schoeppe fasst ihre Strategie so zusammen, dass Filme aus Hes¬sen verstärkt Geschichten erzählen sollen, die der gesellschaftlichen Realität und der Internationalität des Standortes Hessen entsprechen, und das Arbeitsumfeld fairer werden soll. „Wenn hinter der Kamera mehr Menschen mit diversesten Hintergründen in die Position versetzt werden, ihre Geschichten zu erzählen, wird das automatisch Einfluss auf das haben, was vor der Kamera passiert.“ Als ein positives diverses Filmbeispiel nennt Schoeppe Borga, ein Drama von Regisseur York-Fabian Raabe über einen jungen Ghanaer, der sich in Deutschland ein neues Leben in Wohlstand erhofft. Auch Courage wurde von HessenFilm gefördert, ein Dokumentarfilm des Regisseurs Aliaksei Paluyan. Er hat Mitglieder einer Untergrund-Theatergruppe in Minsk während der Massenproteste 2020 in Belarus mit der Kamera begleitet.

Storytelling jenseits der Stereotype
Migrationsperspektiven hätte selbst der deutsche Mainstreamfilm und das Fernsehen schon entdeckt, stellten die an dem Panel „Storytelling Beyond Stereotypes“ teilnehmenden Filmschaffenden fest. Diese würden jedoch ungewollt oft die schlimmsten Klischees reproduzieren und das Gegenteil von dem bewirken, was eigentlich erreicht werden sollte. Die Produzentin und Autorin Raquel Kishori Dukpa, die unter anderem an der Jugendserie Druck mitgeschrieben hatte, wünschte sich Figuren, in denen die vermeintliche Herkunft nicht das zentrale Element sei. Der nächste Schritt, Diversität in seiner Gänze zu erreichen, sie als etwas Natürliches, der Gesellschaft Innewohnendes zu zeigen, ist, diverse Persönlichkeiten als natürliche Protagonist*innen von Geschichten auszuwählen. Es ginge darum, sie als Mitglieder der deutschen Gesellschaft zu zeigen, ohne eine irgendwie geartete „Andersartigkeit“, ein vermeintliches „Woanders hingehören“ herauszustellen. Dies passiere, obwohl die Protagonist*innen ihren Lebensmittelpunkt vielleicht schon seit mehr als einer Generation in Deutschland haben.

Degeto unterzeichnet Charta der Vielfalt
Der Hessische Rundfunk (hr) war der erste Sender, der bereits 20 Jahre vor der aktuellen Diskussion mit Dennenesch Zoudé eine schwarze Kommissarin im „Polizeiruf 110“ besetzte. Jörg Himstedt, Leiter der Spielfilmabteilung des hr, sagt: „Wir geben keine Absichtserklärungen zur Diversity, wir machen es einfach.“ Mit ALL YOU NEED, der ersten deutschen queeren Serie der ARD, begibt sich die Degeto auch auf den Weg zu mehr Diversität. Die sechsteilige Dramedy-Serie, in der Mediathek abrufbar, erzählt die Geschichte von vier schwulen Männern und ihrer Suche nach Geborgenheit und Liebe. Am 1. Mai unterzeichnete Thomas Schreiber, Geschäftsführer der ARD Degeto, die Charta der Vielfalt und setzte damit ein Zeichen: „Die ARD Degeto hat es sich zur Aufgabe gemacht, unsere heutige bunte und vielfältige Gesellschaft in ihren Filmen und Serien auf unterhaltsame, emotionale und packende Art und Weise abzubilden. Damit möchten wir dazu beitragen, Verständnis für unter¬schiedliche Lebensentwürfe zu schaffen.

Veröffentlicht in GRIP 63 – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt. Erschienen am 14.07.2021

GRIP 63 Titel