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Das Ende eines Branchenblattes

Das Ende eines Branchenblattes
Von Claus Wecker

Überraschend kam die Nachricht dann doch: Die älteste deutsche Filmzeitschrift Filmecho/Filmwoche mit Sitz der Redaktion in Wiesbaden hat im Dezember 2020 nach 73 Jahren ihr Erscheinen eingestellt. Ein Nachruf.

Mit ihrer Mischung aus Nachrichten von Produzenten, Verleihern und Kinos, also von Aktuellem aus der Branche und Kritiken zu den anlaufenden Filmen, ähnelte das Filmecho ein wenig der amerikanischen Variety – was die Redaktion vermutlich als eine Auszeichnung angesehen hätte. Nur dass die Filmkritiken in dem biederen deutschen Blatt immer schonender waren als im amerikanischen Vorbild. Verrisse suchte man vergeblich, denn redaktionsintern waren sie tabu. Die Besprechungen waren auf die Kinos zugeschnitten, in denen man entscheiden musste, ob ein Film auch kommerziell interessant war. Und mit den Verleihfirmen, die große Anzeigen, vor allem auf dem Titelblatt, schalteten, wollte es sich die Redaktion ohnehin nicht verderben.

Keine Hilfe von HDF KINO
Die Zeitschrift war also in erster Linie auf die Kinos zugeschnitten, sie war nun einmal das offizielle Organ des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater, der sich im Zeitalter der Abkürzungen nun HDF KINO nennt. Dieser Verband hat in den Zeiten der blühenden Kinolandschaften finanziell vom Filmecho profitiert, jetzt, als es sich zum Zuschussunternehmen entwickelt hatte, war HDF KINO nicht bereit, seinem offiziellen Organ in der Hoffnung auf bessere Zeiten über die Coronakrise hinwegzuhelfen. Sehr zurückhaltend ließ der Verlag Host Axtmann verlauten, dass er sich nun aus strategischen Gründen „aus der Filmwirtschaft zurückziehen“ und sich fortan auf die Themenschwerpunkte Ernährung, Gesundheit und Sport konzentrieren wolle. Es sollte einem Wirtschaftsunternehmen nicht verübelt werden, sich aktuellen Trendthemen zuzuwenden. Die arbeitslose Redaktion veröffentlichte jedenfalls am 23. Dezember im Internet „Eine letzte Meldung ...“, eine Todesanzeige in eigener Sache. Nun ist das Ende dieses Branchenblattes mehr als ein einfacher Zeitschriftentod. Denn es diente eben vor allem als wichtige Informationsquelle. Jede Woche und zu Corona-Zeiten alle zwei Wochen gab es in einem Medium konzentriert alle wichtigen Nachrichten.

Die Historie
Im Jahr 1947 ist die Zeitschrift als Film-Echo in Hamburg gegründet worden. Es war das offizielle Organ des Verbandes der norddeutschen Filmtheater, der von der britischen Militärregierung in Anbetracht der politischen Bedeutung von Filmen initiiert worden war. Dementsprechend beschränkte es sich auf die norddeutsche Region. Seit 1950 residieren der Verlag und die Redaktion in Wiesbaden. Dort hatte sich 1948 der Verband der Filmverleiher (VdF) gegründet, der 2007 nach Berlin umzog. Der aktuelle Titel des Blattes hat sich 1962 durch die Fusion mit der Zeitschrift Die Neue Filmwoche, Nachfolgerin der zwischen den Kriegen erschienenen Filmwoche, ergeben. In Wiesbaden entstand in der frühen Nachkriegszeit mit dem Deutschen Filminstitut (DIF), der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) und der Filmbewertungsstelle (FBW) sowie der Murnau-Stiftung ein Schwerpunkt der Branche in Deutschland. Der verblasst nun, auch nach der Zusammenlegung des DIF mit dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt unter dem neuen Kürzel DFF.

... und wie es weitergeht
Sofern nach den beiden Corona-Pausen der Kinobetrieb wieder in den gewohnten Gang kommt, bleibt Wiesbaden wenigstens im Bereich der Arthousekinos ein Leuchtturm. Neben der prächtigen Caligari FilmBühne und dem Murnau Filmtheater mit seinem einmaligen Angebot an deutschen Filmklassikern aus dem Archiv der Stiftung kümmert sich das rührige Ehepaar Kreck im Schloss Biebrich um aktuelle Autorenfilme in Originalfassungen. Dem Filmecho wird ein Comeback wohl nicht vergönnt sein. Die Zeiten sind vorbei, als in den Kino-Büros die Zeitschrift samt Verleihkatalog, kurz „der Axtmann“ genannt, auf dem Schreibtisch lagen und als unverzichtbar für die Programmplanung galten. Informationen gibt es zuhauf im Internet, eine Startliste von der AG-Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater unter www.programmkino.de. Die Konkurrenz, das Branchenblatt Blickpunkt:Film, lasst sich seinen Service auch im Internet bezahlen und bleibt so am Leben – vorläufig.

Veröffentlicht in GRIP 63 – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt. Erschienen am 14.07.2021

GRIP 63 Titel