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Immerhin geht es weiter

Immerhin geht es weiter
Mit Corona-Schutzmaßnahmen kann wieder gedreht werden, aber es verteuert jede Produktion
Von Birgit Schweitzer

Manchmal ist das Leben wie im Film. Dass das öffentliche Leben im Frühjahr komplett lahmgelegt wird, hätte niemand bisher für möglich gehalten. Laufende Dreharbeiten wie zu dem Film des Hessischen Rundfunks (hr) „Die Luft, die wir atmen“ (AT), mussten abgebrochen werden. Fiction Produktionsleiter Dominik Diers und seine Kollegen Uli Dautel und Robert Malzahn waren nach einem längeren Drehstopp mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert.

„Es war unsere wirtschaftliche und moralische Verpflichtung, mit dem Drehen wieder anzufangen“, sagt Dominik Diers. „Am Anfang wurden die Drehbücher noch coronakonform umgeschrieben wie bei der Vorlage für den hr-Mittwochsfilm ,Immer noch Freunde‘ von David Ungureit.“ Herausgekommen ist ein Kammerspiel mit Justus von Dohnányi und Ulrich Matthes in den Hauptrollen.

Als im Sommer die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, gingen als erstes zwei freie Produktionen an den Start, mit selbst entwickelten Hygienekonzepten, angelehnt an die der Berufsgenossenschaft. Im Juli entstand in Dorfweil im Hochtaunuskreis der Kurzfilm „Klabautermann“, ein Ausflug der Schauspielerin Anke Sevenich ins Regie- und Produktionsfach.

Ausführend produziert wurde der Film von Tonio Kellner (Neopol Film): „Wir hatten von vornherein schon gute Voraussetzungen im Setting. Die Familienferienstätte in Dorfweil diente als Motiv für ein Pflegeheim. Das Team war für die fünf Drehtage dort untergebracht, so dass wir quasi wie in einer sicheren Quarantäne waren.“ Ein grundsätzliches Infektionsrisiko sorgte allerdings dafür, dass die Hauptrolle des Pflegeheimbewohners, die ein 93-jähriger Schauspieler spielen sollte, umbesetzt werden musste.

Neben der heute üblich gewordenen Bildung von Clustern von drei Abteilungen, Technik, Produktion und Schauspieler, die getrennt arbeiten und sich nicht durchmischen, sowie der Einhaltung der AHA Regeln (Abstand, Hygiene und Alltagsmaske) wurden die Schauspieler*innen sowie die Regisseurin und Regieassistentin vorab auf Corona getestet.

Auf Tests, Cluster und Quarantäne setzte auch Nachwuchsregisseur Christian Schäfer. Ursprünglich wollte er seinen Debütlangfilm „Trübe Wolken“ im Frühjahr drehen. Mitten in der Vorproduktion überraschte ihn ein Anruf, dass die Drehgenehmigungen aufgrund der Pandemie nicht mehr erteilt werden können. Dass in der Filmbranche wochenlang Stillstand herrschte, war für ihn wiederum ein Vorteil: Team und Schauspieler waren frei für seinen Low-Budget-Film. Er konnte im Juli einen neuen Anlauf nehmen.

Nur wer in der Woche vor Anreise und am Anreisetag einen negativen Corona-Test vorweisen konnte, durfte zum Kernteam stoßen, das ebenfalls in Quasi- Quarantäne in einem komplett gebuchten Hotel residierte. „Dadurch wird man dem Film Corona nicht ansehen“, erklärt Schäfer. Heute müssen Drehbücher nicht mehr umgeschrieben werden, berichtet auch Produktionsleiter Dominik Diers. Das größte Risiko tragen die Darsteller, die Szenen mit direktem Körperkontakt, Anschreien oder Küssen spielen müssen. Bis kurz vor dem Take werden die Masken aufbehalten, und die Dauer des intensiven Kontakts wird begrenzt.

Nicht nur in der Filmbranche hat sich durch die Pandemie ein neuer Beruf entwickelt, der des Hygienebeauftragten. Das alles bedeutet aber viel Aufwand. „Ohne Mehrkostenförderung wäre mein Film nicht möglich gewesen“, meint Schäfer, der unter anderem mehr Drehtage benötigte. Wobei die höchsten Kosten, so auch Diers, durch die Corona-Tests auflaufen. Tests vor der Anreise und während der Filmaufnahmen für jede Person, zwei Mal wöchentlich, „da können schnell Kosten zwischen 30.000 bis 100.000 Euro zustande kommen“.

Beim hr wurde eine AG Pandemie gebildet, die die aktuelle Lage beurteilt und Empfehlungen gibt. „Wir arbeiten immer noch mit unserem ersten Hygienekonzept, das wir in Anlehnung an das der Bundesliga entwickelt haben“, erzählt Diers. Bisher haben sie damit keinen einzigen Coronafall gehabt.

Inzwischen gibt es Maßnahmenkonzepte zum Beispiel von der Initiative „Wir sind 1 Team“ und Empfehlungen zu Arbeitsschutzstandards der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM). Immerhin geht es weiter. So ist auch der abgebrochene hr-Film unter Corona-Schutzmaßnahmen noch abgedreht worden.

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