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Im Würgegriff des Virus

Im Würgegriff des Virus
Wie die Film- und Kinobranche in Frankfurt gegen Corona kämpft
Von Reinhard Kleber

Die Coronavirus-Pandemie hat auch die Filmschaffenden und die Kinobetreiber*innen in Hessen in eine tiefe Krise gestürzt. Nach dem Lockdown im Frühjahr durften die hessischen Kinos ab Mai den Spielbetrieb unter strengen Beschränkungen wieder aufnehmen, die Verleiher konnten in begrenztem Umfang Filme herausbringen, und Dreharbeiten für Film- und Fernsehproduktionen liefen unter Auflagenwieder an.

Dabei leisteten diverse Hilfsprogramme von Bund, Land und Filmförderung wichtige Unterstützung, auch wenn einige Player dabei durchs Netz fielen. Doch die befürchtete zweite Corona-Welle kam mit Macht und einem exponentiellen Anstieg der Neuinfektionen. Deswegen haben die Behörden Freizeiteinrichtungen ab November erneut stillgelegt, darunter die Kinos.

Bereits im April brachte die HessenFilm und Medien GmbH eine Soforthilfe in einer Größenordnung von 480.000 Euro für hessische Kinos auf den Weg. 54 Betriebe profitierten von dem Paket, das in der Spitze bis 10.000 Euro betragen konnte.

Im Mai dann legte die Landesregierung ein Kulturpaket im Volumen von 50 Millionen Euro auf, das etliche Hilfsmaßnahmen für die Kulturwirtschaft bündelt. Unter dem Slogan „Hessen kulturell neu eröffnen“ umfasst es drei Phasen. Die Phase 1 (Sofort helfen) hielt Soforthilfen für Festivals und andere große Veranstaltungen bereit, die wegen der Pandemie ausfielen oder nur online stattfinden konnten.

Unter dem Schlagwort „Übergang meistern“ stellte die Phase 2 Arbeitsstipendien für freiberufliche Künstler*innen und 1,3 Millionen Euro an Hilfen für Festivals in Aussicht.

Im Juli lief die Phase 3 des Kulturhilfspakets mit dem Titel „Innovativ neu eröffnen“ an. Hier soll Kultureinrichtungen, Spielstätten und Künstler*innen beim Neustart des Betriebs geholfen werden. Die Landesregierung hat dafür 500 Fondspakete mit einem Pauschalbetrag von je 18.000 Euro ausgegeben. Antragsberechtigt waren auch Häuser, die die Gelder beispielsweise für Marketingausgaben zum Neustart oder für Umbauten verwenden können, die zur Einhaltung der Corona-Auflagen erforderlich sind.

Außerdem wurden im August Projektstipendien für Einzelkünstler*innen, freie Gruppen, Kulturvereine und -unternehmen ausgelobt. Hier waren auch Filmschaffende und Filmfestivalorganisatoren antragsberechtigt. Die Stipendien sollen helfen, künstlerische Projekte zu realisieren, die während der Corona-Pandemie entstanden sind und inhaltlich oder formal neue Wege gehen.

Anders als viele Bundesländer verzichtete Hessen darauf, die Prämien seiner Kinopreise in der Corona-Krise zu erhöhen. Zur Begründung erklärte Ministerin Dorn: „Unsere Kinopreise kommen nur einem Teil der Branche zugute. Wir zeichnen damit Kinos aus, die besonders wertvolle Programmarbeit leisten. Die Krise trifft aber alle Kinos mit gleicher Wucht.“

Der Bund stellte ebenfalls einen breiten Strauß an Finanzhilfen bereit. Kleine und mittelständische Unternehmen der Medienbranche konnten die Überbrückungshilfe des Bundeswirtschaftsministeriums in Anspruch nehmen, für die 25 Milliarden Euro im Etat eingestellt wurden.

Im Mai legte CDU-Politikerin Monika Grütters, Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM), mit Blick auf die Corona-Krise und anlässlich des 50 Jahre-Jubiläums des Kinoprogrammpreises einen einmaligen Sonderpreis in Höhe von fünf Millionen Euro auf. Pro Leinwand gab es 10.000 Euro. Voraussetzung war, dass das Kino in den Jahren 2017, 2018, 2019 zumindest einmal einen BKM-Preis erhalten hat.

Im August erhöhte Kulturstaatsministerin Grütters die Fördermittel für das im März gestartete Zukunftsprogramm Kino I um fünf Millionen Euro auf 22 Millionen Euro für 2020. Dieses Hilfspaket ist für Arthouse-Kinos und kleinere Kinos im ländlichen Raum bestimmt.

Zugleich unterstützte Grütters die Kinobranche in Corona-Not mit dem Zukunftsprogramm II, das sich an Kinos richtet, die die Voraussetzungen des Programms I nicht erfüllen. Ziel ist es, Kinos bei pandemiebedingten Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen zu helfen. Im Rahmen des Programms NEUSTART KULTUR stehen dafür 40 Millionen Euro zur Verfügung. Insgesamt sind hier für die Filmbranche nun 165 Millionen Euro vorgesehen.

Aus dem gleichen Topf wies die BKM im August der Filmförderungsanstalt 30 Millionen Euro zu; davon sind zehn Millionen für die „flankierende Unterstützung“ der Verleihförderung der FFA bestimmt, eine weitere Million Euro für den Filmvertrieb. Im September gab die BKM zudem bekannt, dass die Mittel für den German Motion Picture Fund zur Förderung von Serienproduktionen auf künftig 30 Millionen Euro verdoppelt werden.

Schließlich wurde vom Bund der Ausfallfonds I mit 50 Millionen Euro beschlossen, der coronabedingte Ausfallschäden bei Dreharbeiten absichern soll. Er gilt allerdings nur für die Produktion von Kinofilmen und HighEnd-Serien und läuft bis Ende Juni 2021.

Zwar war bei Inkrafttreten des Ausfallfonds I schon eine komplementäre Förderung durch Länder und Sender für TV-Produktionen angedacht. Dieser Ausfallfonds lässt auf sich warten, was vor allem in Produktionshäusern, wie der Frankfurter U5, die sich auf gängige TV-Formate konzentrieren, für Unmut sorgt.

Auch die in Frankfurt ansässige ARD Degeto Film wartet auf eine Neuregelung. Der Ausfallfonds sei zwar „ein erster guter Aufschlag der Politik“, decke jedoch nur 15 Prozent des gesamten Produktionsvolumens in Deutschland ab, sagt Geschäftsführerin Christine Strobl. „Deshalb arbeiten wir weiter intensiv daran, dass es auch für die TV-Produzenten, die 85 Prozent des Produktionsvolumens ausmachen, zu einer Absicherung durch einen sogenannten Ausfallfonds II kommt.“

Oliver Arnold, der zum Jahreswechsel die Co-Geschäftsführung der U5 übernimmt, geht davon aus, dass noch im November eine Entscheidung fällt. „Wir hoffen alle, dass dieser Ausfallfonds dann spruchreif ist und in Kraft tritt. Es ist ein bundesweiter Topf, der aber auf Länderebene entschieden werden muss.“

Es gibt auch Produktionsfirmen, die nicht von der Corona-Pandemie betroffen sind, zumindest bisher. So die Firma des Frankfurter Produzenten Daniel Zuta. „Wir hatten weder Projekte in der Vorbereitung noch im Dreh oder der Postproduktion.“ Daher habe er keine Hilfsanträge gestellt, sagt Zuta.

Als erstes Bundesland erlaubte Hessen bereits im Mai, die Filmtheater wieder zu öffnen. Längst nicht alle nutzten diese Freiheit sofort, unter anderem weil zuerst noch Corona-Auflagen erfüllt werden mussten und zunächst keine aktuellen Filme bereitstanden. So nahm das Arthouse- Kino Mal Seh‘n im Nordend erst Ende Juni den Betrieb wieder auf.

Das größte Hindernis war für viele Kinobetreiber die 1,50 m-Abstandsregelung. „Damit waren nur 25 Prozent der Sitzkapazität verfügbar“, klagt Christopher Bausch, Chef der Arthouse-Kinos Harmonie und Cinema in Frankfurt, die Anfang Juli wieder öffneten. „Wir haben zum Glück ein Stück weit die Großstadt gemerkt. Am Abend und am Wochenende waren wir bei dieser Kapazität oft ausverkauft, auch mit kleinen Arthouse-Filmen. Aber: Es rechnet sich von vorne bis hinten nicht.“ Bauschs Unternehmen hat bisher 10.000 Euro von der HessenFilm und 18.000 Euro aus dem Kulturpaket erhalten und zudem einen Antrag auf Überbrückungshilfe beim Bund gestellt. Was Bausch jedoch vermisst, ist ein „generelles Strukturprogramm“ wie in Bayern.

Für problematisch hält er den ab November angeordneten zweiten Lockdown und hofft, dass wenigstens danach in Hessen die Abstandsregel von 1,50 Metern fällt, „damit wir dann wenigstens eine schwarze Null schreiben können.“

Auch die Kinokette Cinestar, die in Frankfurt zwei Multiplex-Kinos betreibt, steht unter großem Druck. „Die positiven Signale, die zuletzt von den Filmen ,Tenet‘, ,After Truth‘ und ,Jim Knopf‘ ausgingen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage in Anbetracht von Abstandsregelungen und vielen verschobenen Filmen äußerst kritisch ist. Umso mehr freuen wir uns aber, dass wir Unterstützung seitens einiger Verleihfirmen wie Constantin bekommen“, sagt Sven Träger, Area Manager für die Region Frankfurt.

Bei den bisherigen Hilfsprogrammen ist Cinestar leer ausgegangen. „Sämtliche Fördertöpfe, auf Bundes- wie auf Länderebene, waren ausschließlich kleinen und mittelständischen Kinounternehmen vorbehalten. Dies ist ein unhaltbarer Zustand, denn diese Krise trifft alle Kinos gleichermaßen“, beklagt Träger.

Und einige Filmtheater haben vorerst überhaupt auf eine Wiedereröffnung verzichtet, wie etwa die Frankfurter E-Kinos. „Wie andere Kinos haben auch wir ein massives Minus“, sagt Geschäftsführerin Gabriele Jaeger. „Wenn wir öffnen würden, würde es noch größer werden. Schon allein, weil wir die Mitarbeiter aus der Kurzarbeit holen müssten. Unter diesen Bedingungen kann man keinen Gewinn erzielen.“ Neben dem Kurzarbeitergeld hat das Familienunternehmen die Soforthilfe und die Überbrückungshilfe des Bundes in Anspruch genommen.

Doch nicht nur die Kinowirtschaft leidet unter den Corona-Beschränkungen, sondern ebenso die Filmverleiher, wie Julia Peters, Co-Chefin vom jip-Filmverleih aus Frankfurt, sagt. „Wir mussten Kinostarts verschieben, zum Teil ins nächste Jahr. Die Reduzierung der Plätze in den Häusern hat zu einem Einbruch der Einnahmen geführt.“ Und erschwerend komme eine Erfahrung für einen Independent-Verleih hinzu: „Filme, die nicht im Mainstream und als große Arthouse-Filme eingeschätzt werden, haben es nun noch viel schwerer, ins Programm der Kinos zu gelangen, was sich auf die Wahrnehmung der Filme insgesamt auswirkt.“

Und wie sind die Aussichten in der Produktionswirtschaft für 2021? Für die ARD Degeto Film konstatiert Strobl: „Es gab Wochen, in denen wir um unseren Programmbestand besorgt waren. Aber wir holen kräftig auf. Es ist das große Ziel, unser Auftragsvolumen in diesem Jahr wie auch im nächsten Jahr so weit wie möglich zu erreichen, allerdings werden die coronabedingten Mehrkosten für Hygienemaßnahmen und den Rettungsschirm natürlich für die Programmbeschaffung fehlen, so dass es zwangsläufig in 2021 zu mehr Wiederholungen im Programm kommen wird.“

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