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Eine mehr als dreißigjährige Erfolgsgeschichte

Eine mehr als dreißigjährige Erfolgsgeschichte
Porträt des Frankfurter Kinomachers und Filmproduzenten Kurt Otterbacher
Von Claudia Prinz

So einfach wie zufällig kann eine Initialzündung fürs Kino sein: Ein Mann stand mit einem schweren schwarzen Pappkarton am Bahnhof Frankfurt-Griesheim, als Kurt Otterbacher mit seinem Fahrrad vorbeikam und anbot, die Kisten auf seinem Gepäckträger zu transportieren. Der schwarze Karton enthielt 35-mm Filmrollen und der Mann entpuppte sich als Theaterleiter eines Kinos in Alt-Griesheim. Er schenkte Otterbacher ein paar Eintrittskarten und machte ihn damit zum Dauerbesucher.

Als dann an der Frankfurter Universität die Schließung des Filmstudios (später Pupille) wegen Besuchermangels drohte, übernahm Otterbacher, inzwischen Mitglied des AStA, kurzerhand das Kino: „Da standen diese schönen, fast neuen Bauer B12 Projektoren herum“, erinnert er sich. „Einer aus dem Organisationsteam brachte mir das Vorführen bei und ich wollte dann einfach nicht, dass der Laden kaputtgeht. Dem AStA schwatzte ich 7.000 Mark ab und von Hilmar Hoffmann bekamen wir zusätzlich 7.000 DM.“

Otterbacher suchte sich ein paar ebenso filmbegeisterte Leute, und gemeinsam brachten sie das Kino zum Laufen. Die Pupille war in dieser Konstellation nun plötzlich oft ausverkauft. Ein Grund dafür war auch die Werbung mit der eigenen Programmzeitschrift, aus der später das Strandgut-Magazin wurde.

Einer der ersten Filme, die damals gezeigt wurden, war „Andromeda – tödlicher Staub aus dem All“ von Robert Wise, ein Science-Fiction-Film über ein Virus, das alles Leben vernichtet. 300 hartgesottene, sonst stets lebhafte und unruhige Linke verstummten während des Films, saßen schließlich mucksmäuschenstill in ihren Kinosesseln und seufzten am Ende des Films gemeinsam und wie in einem Atemzug erleichtert auf.

Große Erfolge waren auch „1789“ von Ariane Mnouchkine und dem Théâtre du Soleil oder „Mai 68“. Auch eines der ersten Schwulenfilm-Festivals kam enorm an, weniger dagegen eine der ersten Russ- Meyer-Retros.

1977 hatten Kurt Otterbacher, Reinhard Brundig und zwei weitere Gesellschafter die strandfilm-Theaterbetriebs GmbH gegründet. Mit dem Kino Harmonie betrieben sie einige Jahre eines der erfolgreichsten Programmkinos Deutschlands. „Die Harmonie lief noch besser als die Pupille“, erinnert sich Otterbacher. „Da hatten wir manchmal an einem Tag vier ausverkaufte Vorstellungen, also rund 1.200 Zuschauer. ,Wallraff‘ (Undercover bei der Bild-Zeitung) und die ,Rocky Horror Picture Show‘, das waren die großen Renner.“

1980 gingen Brundig und Otterbacher je eigene Wege, die Harmonie wurde später verkauft. Da hatte Otterbacher schon einige Jahre als Filmgeschäftsführer und Produktionsleiter hinter sich, und so lag die Idee nahe, die Filmtheaterbetriebsgesellschaft in eine Filmproduktion umzuwandeln.

Als neue Gesellschafter traten die beiden Autoren und Regisseure Dieter Reifarth und Bert Schmidt in die Firma ein. Bereits die erste gemeinsame Produktion (zunächst noch für die Schmidt/Reifarth GbR), der Kurzfilm „Bücher“, über den inzwischen verstorbenen Buchhändler Alfons Streibel, schaffte es 1987 in den Wettbewerb der Berlinale.

Der Rest ist eine über 30-jährige Erfolgsgeschichte der strandfilm- Produktions GmbH, die nicht zuletzt dem Geschäftsführer Kurt Otterbacher und seinen Rechentalenten zu verdanken ist. Er kam schon in den sechziger Jahren, während seiner Lehre bei der Farbwerke Hoechst AG, mit der EDV in Berührung und wurde dort zum Programmierer ausgebildet. Später, nach dem Abitur am Hessenkolleg, war ihm das auch bei seinem Volkswirtschaftsstudium nützlich.

Für viele Filme der strandfilm GmbH gab es Preise, fast alle erhielten das Prädikat „Besonders wertvoll“ oder „Wertvoll“. Es entstanden Drehbücher, Dokumentar- und Kurzfilme, die mit und ohne öffentliche Förderung realisiert wurden. Im Durchschnitt produzierte strandfilm zwei bis drei Filme im Jahr, überwiegend Dokumentarfilme. Auch als Line Producer trat die Firma in Erscheinung: 2011 für Rohfilm Berlin bei der internationalen Koproduktion „Lore“, einem Spielfilm von Cate Shortland, und 2012 bei dem Non-Fiction Drama „Das radikal Böse“ von Stefan Ruzowitzky für Wolfgang Richter, von docMovie, Darmstadt.

Drei Dokumentarfilme kamen 2017 ins Kino, von denen zwei vor allem durch ihre O-Töne bestechen: Jean Améry gibt in „Die Tortur“ all jenen eine Stimme, die im Schweigen und der Starre ihrer Traumata lebenslang eingeschlossen sind. In „Barstow“ von Rainer Komers liest der Dichter und Häftling Stanley „Spoon“ Jackson, der 1977 eine lebenslange Haftstrafe ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung antrat, Ausschnitte aus seiner Autobiografie „By Heart“. Die dritte Produktion, die 2017 herauskam, war dann „Die Sonneninsel“ von Thomas Elsaesser, eine Hommage an seinen Großvater Martin Elsaesser, den Erbauer der Frankfurter Großmarkthalle.

An welchem Film hat ihm die Arbeit am meisten Spaß gemacht? „Einer davon war jedenfalls ,Der Panzerknacker‘ von Peter Dörfler“, sagt Otterbacher, ein Film über eine Gangsterbande aus Hessen, die Geldtransporter überfiel und dabei die Wachleute mit Panzerfäusten bedrohte, um, wie Otto, der Protagonist, im Film erzählt, den Gedanken an Gegenwehr erst gar nicht aufkommen zu lassen.

„Die Arbeit mochte ich deswegen, weil wir, ein kleines Team von um die sechs Leuten, etliche Wochen lang mit dem Film als Hauptlebensinhalt beschäftigt waren – von morgens um Sechs bis nachts um Zwei. Nach dem letzten Drehtag haben wir in der Nacht noch abgebaut, aufgeräumt und das Equipment am Morgen bei MBF abgeliefert. Da hatten wir dann 48 Stunden auf dem Buckel. Es war sehr befriedigend.“

Über geplante Projekte möchte Kurt Otterbacher nicht sprechen, das bringe Unglück, nur so viel, dass er seinen Schwerpunkt vom Tagesgeschäft mehr auf Stoffentwicklung und Nachwuchsförderung verlegen wird.

Filmografie (Ausschnitt)
Auswahl von Filmen der letzten 20 Jahre

BARSTOW, CALIFORNIA Dokumentarfilm, HD, 76 Min., D 2017
Buch, Regie: Rainer Komers

SONNENINSEL Dokumentarfilm, HD, 89 Min., D 2017
Regie: Thomas Elsaesser

DIE TORTUR Dokumentarfilm, HD, 58 Min., D 2017
Regie: Dieter Reifarth

RUHRURBIA.RUHR RECORD Dokumentarfilm, HD, 30+45 Min., D 2014
Buch, Regie: Rainer Komers

MEIN NAME UND ICH Dokumentarfilm, HD, 86 Min., D 2013
Buch, Regie: Birgit Lehmann, Ole Weissenberger

HAUS TUGENDHAT Dokumentarfilm, HD, 116 Min., D 2013
Buch, Regie, Schnitt: Dieter Reifarth / Nominiert für den Bundesfilmpreis 2014

DAS RADIKAL BÖSE Non-Fiction Drama, HD, 106 Min., D/A 2012
Buch, Regie: Stefan Ruzowitzky / Line Producing, Projektkoordination, Auf¬nahmeleitung für docMovie, Darmstadt

LORE Spielfilm, 35mm, 108 Min., D/AUS/UK 2011
Buch, Regie: Cate Shortland
Line Producing, Projektkoordination für Rohfilm, Berlin

THE BIG EDEN Dokumentarfilm, HD, 88 Min., D 2010,
Buch, Regie: Peter Dörfler (In Koproduktion mit Rohfilm, Berlin und ZDF/ARTE)

ACHTERBAHN Dokumentarfilm, HD, 88 Min., D 2009
Buch, Regie: Peter Dörfler (In Koproduktion mit Rohfilm, Berlin und ZDF/ARTE)

BLUES MARCH – SOLDAT JON HENDRICKS Dokumentarfilm, HD, 82 Min., D 2009
Buch, Regie: Malte Rauch

DER PANZERKNACKER Dokumentarfilm, HD, 87 Min., D 2005
Buch, Kamera, Regie: Peter Dörfler / Im Auftrag von ZDF/ARTE
Ausgewählt TopTen NonFiction 2006 der Cologne Conference

DIE MITTE Dokumentarfilm, 35mm, 85 Min., D 2004
Buch, Regie, Schnitt: Stanislaw Mucha
Prädikat: besonders wertvoll. Hessischer Filmpreis 2004

ABSOLUT WARHOLA Dokumentarfilm, 35 mm, 80 Min., D 2001
Buch, Regie: Stanislaw Mucha (In Koproduktion mit PANDORA)

EIN KLEINER FILM FÜR BONN Dokumentarfilm, Digital Betacam, 115 Min., D 2000
Buch, Regie: Klaus Wildenhahn (In Koproduktion mit ZDF/3sat)

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