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Digitale Wahrheiten

Digitale Wahrheiten
Die Bewegtbildschau B3 unter dem Leitmotiv „Truths“
Von Daniel Güthert

Immerhin 147.000 Besucher reklamierte die Biennale des bewegten Bildes (B3) für sich, als sie 2019 erstmals auf der Buchmesse als Partnerin im Ausstellungsforum The Arts+ antrat. An solche Höhenflüge war 2020 freilich nicht mehr zu denken angesichts der durch Corona eingetrübten Verhältnisse.

Beirren lassen wollten sich die Organisatoren gleichwohl nicht. Fast trotzig war man gewillt, sich dieser ungeahnten Herausforderung zu stellen. „Wir haben die aktuelle Konstellation vor allem als Chance begriffen, via Internet weltweit zu agieren, zusätzliche Teilnehmer und Besuchergruppen anzusprechen und neue Formate zu entwickeln“, so Bernd Kracke, Präsident der HfG Offenbach und künstlerischer Leiter der B3.

So fand die Bewegtbildschau, die sich dem Leitmotiv „Truths“ (Wahrheiten) widmete, als vornehmlich digitaler Showroom statt. Alle Beiträge, auch alle Masterclasses und Konferenzen waren online abrufbar. Zum einen umfasste der Parcours ein Kunstprogramm, das rund 40 Teilnehmer aus der ganzen Welt, überwiegend aus den USA, versammelte, die sich mit ihren Arbeiten aus den Bereichen Kunst, Video, Games und VR daran machten, das Terrain des Geschichtenerzählens neu zu durchmessen. Große Namen waren dabei wie Frederico Solmi mit seinen maskenhaft-bunten Gestalten oder Alice Bucknell, deren Architekturfilm „E-Z Kryptobuild“ herausstach. Beiträge, die jenseits ästhetischer Positionen geradewegs auch die gesellschaftlichen Fragen nach Wahrheit aufwarfen.

Zum anderen empfahl sich die Biennale mit einem 40 Titel umfassenden Filmprogramm, das am Bildschirm, aber auch live mit Publikum in der Astor Film Lounge zu erleben war. Indes mehr als eine Handvoll Besucher fand sich in keiner der Vorstellungen ein. Und das, obzwar hochkarätige Produktionen an den Start gegangen sind, wie der Klassiker „A Bigger Splash“ von 1973 über David Hockney (Regie: Jack Hazan), die faszinierende Spurensuche nach dem Künstlermythos Banksy („Banksy Most Wanted“, 2020, Aurélia Rouvier, Seamus Haley) oder die beiden Gewinner im Wettbewerb, die Dokumentation über den Comic- Frosch Pepe „Feels Good Man“ (Arthur James) und das Debüt von Gavin Rothery „Archive“.

Und was traditionell den Höhepunkt der Biennale darstellt, die feierliche Verleihung der BEN-Kunstpreise, mutierte coronageschuldet in diesem Jahr zu einem reinen Online-Auftritt, allerdings so niveaulos und holprig, da tat das steife Englisch der Moderatoren noch sein Übriges. Warum wird nicht wenigstens ein*e Muttersprachler*in für die Gastgeberrolle engagiert, wenn es denn auf Englisch sein soll? Den Preisträgern, unter anderem Hollywoodstar Willem Dafoe als einflussreichster Künstler in der Kategorie Bewegtbild und Anne Imhof als bedeutendste Künstlerin für ihr Gesamtkunstwerk, ist man damit nicht gerecht geworden. Und den Interessenten im Netz wohl auch nicht.

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