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Aus der Notlösung wird eine Chance

Aus der Notlösung wird eine Chance
Wie sich Filmfestivals durch Corona zu Online-Events wandeln
Von Birgit Schweitzer

In der Pandemie-Zeit suchen Filmfestivals nach Alternativen, ihr Programm dennoch präsentieren zu können. Jedoch werden auf Festivals nicht nur Filme uraufgeführt, sondern es sind auch Orte der Begegnung und Vernetzung. Die Qual einer Entscheidung, das Festival abzusagen oder online stattfinden zu lassen, hatte im Lockdown im Frühling als erstes das LICHTER Filmfest. Schließlich entschied die Festivaldirektion Johanna Süß und Gregor Maria Schubert, das Programm vom 21. bis 26. April auf der Plattform Festival Scope als Videos on Demand bereitzustellen.

Ein Streaming kostete acht Euro und das Kontingent war auf 300 Abrufe pro Film gedeckelt. Auf diese Weise wurde es wie in einem Kino gehandhabt, in dem die Saalplätze auch ausverkauft sein können. Die Einnahmen teilten sich die Rechteinhaber, das Festival und die Festivalkinos. Interviews mit Filmschaffenden und Panelgespräche zum Jahresthema „Macht“ wurden als Podcasts und Videokonferenzen aufgezeichnet.

„Wir haben noch nie so viel positiven Zuspruch bekommen“, meint Schubert als Fazit. „Mitten im Lockdown hatten die Leute auch mit Einsamkeit zu kämpfen. Es war ja nicht so, dass alle quietschvergnügt auf dem Sofa saßen.“ LICHTER diente so als Vorreiter für andere Festivals. Den Kongress Zukunft Deutscher Film, der parallel hätte laufen sollen, wollte sich Schubert indes nicht ausschließlich online vorstellen; so ist dieser Block verschoben worden.

Ein Onlinefestival bedeutet nicht, Filme einfach online zu stellen. Mit jeder*jedem Filmschaffenden muss neu verhandelt werden. Davon weiß auch Csongor Dobrotka ein Lied zu singen, der die Seriale im Juni als Digital Live Event veranstaltete. Dobrotka war schon früh mit dem Thema Corona befasst. „Ich kam im März vom Buenos Aires Series Festival und hatte bereits die Aufregung im Ausland um das Virus mitbekommen. Daher hatte ich schon früh die Entscheidung getroffen, eine alternative Lösung zu finden. Unser Festival ist sehr international ausgerichtet. Mir war klar, dass viele Gäste nicht anreisen werden können.“

Alle Förderanträge mussten umgeschrieben werden und hinter den Kulissen kam eine Maschinerie in Gang. 50 Heimarbeiter*innen im Videochat begannen beharrlich zu werkeln, um das Event auf die Beine zu stellen. „Mit den Partnern, der 24-köpfigen Jury, allen teilnehmenden Filmleuten und den 57 Gastredner*innen des Begleitprogramms zu kommunizieren, war eine Herausforderung, die besonders viel Zeit und Flexibilität erforderte, insbesondere wegen der verschiedenen Zeitzonen“, erzählt Dobrotka.

Technisch war jedoch zuerst die Hürde zu nehmen, dass im Frühjahr jegliches Streaming-Equipment ausverkauft war. Die Award-Ceremony in Spielfilmlänge wurde zum Teil vorproduziert, damit während des Live-Streamings alles reibungslos klappt. Das Red Carpet Event flimmerte vor der Preisverleihung live über die Bildschirme. Eine aufwendige Planung und Organisation war es, 120 Filmemacher*innen zur gleichen Zeit zugeschaltet zu haben, die auf dem virtuellen roten Teppich kurze Interviews gaben.

Während zum Beispiel das 20. Nippon Connection Filmfestival in seiner digitalen Ausgabe im Juni sein Filmprogramm über die Streaming- Plattform Vimeo für fünf Euro je Film zur Verfügung stellte und die Filme auf diese Weise rund 25.000 Mal abgerufen wurden, setzte Dobrotka auf einen kostenlosen Abruf und erhielt damit eine enorme Reichweite. Insgesamt konnten während der Seriale über 110.000 Videoaufrufe der 107 Episoden und Pilotfilme von digitalen Serien gezählt werden und der Kanal in der Videmic App erhielt mehr als 2.900 Abonnenten.

Neben der Official Selection fanden Live Videokonferenzen und Online-Panels im Rahmenbranchenprogramm Seriale Pro statt. Die nächste Seriale plant Dobrotka als hybrides Event. „Vor allem die Serienfolgen möchte ich, wenn möglich, auch wieder auf die große Leinwand ins Kino bringen, denn das macht die Seriale aus.“ Andere Festivals wie die Hofer Filmtage haben dieses Jahr schon erfolgreich auf ein duales Modell gesetzt.

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