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„Man musste sich organisieren“

„Man musste sich organisieren“

Thomas Frickel blickt auf die Geschichte der AG DOK zurück, die er als Vorsitzender 34 Jahre beeinflusste

Von Andrea Wenzek

Während der Berlinale feierte die AG DOK ihr 40-jähriges Jubiläum. Zeitgleich verabschiedete sich Thomas Frickel nach 34 Jahren aus der Führung des größten Berufsverbands der deutschen Filmbranche, dem künftig Susanne Binninger und David Bernet in einer Doppelspitze vorstehen werden. Im Gespräch mit GRIP blickt der Rüsselsheimer Filmregisseur auf seine jahrzehntelange Verbandsarbeit zurück.

GRIP: Wie stand es bei der Gründung der AG DOK um den Dokumentarfilm?
Thomas Frickel: Er kam im kommerziellen Kino so gut wie gar nicht vor, nur im Fernsehen. Damals gab es aber eine lebendige nichtkommerzielle Szene, die mit ihren ratternden 16mm-Projektoren politische Filmarbeit gemacht hat. Unsere Treffpunkte waren damals die noch junge Duisburger Filmwoche und die Kurzfilmtage Oberhausen. Dort kristallisierte sich heraus, dass man sich organisieren muss. 1979 hatte sich bereits das Hamburger Filmbüro gegründet und die erste selbstverwaltete Filmförderung erstritten. Ansonsten gab es nur das Kuratorium junger deutscher Film. Die FFA hatte mit dem Dokumentarfilm damals überhaupt nichts am Hut. Eine unserer Grundforderungen war, dass wir ein Mitspracherecht in allen Filmförderungseinrichtungen erhalten. Und wir wollten natürlich, dass dokumentarische Arbeit anständig bezahlt wird. Forderungen, die aktuell immer noch gelten.

War die AG DOK auch in Hessen aktiv?
Wir haben uns hier mit Aktionen regelmäßig eingemischt. Zum Beispiel verteilten Hannes Karnick und ich Anfang der Neunziger vor der Filmpreisverleihung Flugblätter, die der damals zuständigen Ministerin Evelies Mayer ein „Armutszeugnis“ ausstellten, weil sich in der hessischen Filmpolitik überhaupt nichts bewegte. Oder es gab zusammen mit dem Filmbüro Hessen eine Aktion, bei der hessische Filmemacher am Frankfurter Hauptbahnhof demonstrativ mit Koffern in einen Zug nach Köln eingestiegen sind. Die Message lautete: Wir müssen auswandern, um unsere Projekte zu realisieren. In der Filminitiative Hessen kämpften wir lange um die heutige, besser aufgestellte Filmförderung, die auch erkannt hat, dass Hessen ein wichtiger Dokumentarfilm-Standort ist. Von unseren bundesweit rund 940 Mitgliedern leben und arbeiten immerhin 80 in Hessen.

Und aktuell?
Dieses Jahr haben wir erstmals den Hessischen Dokumentarfilmtag durchgeführt. In neun hessischen Kinos liefen zeitgleich Dokfilme unter dem Motto „Näher an der Wirklichkeit“. Der Tag zog viele Besucher an, aber nur, weil uns HessenFilm Gelder für eine entsprechende Marketingkampagne zur Verfügung gestellt hat. Es hat sich wieder einmal gezeigt, dass den Kinos generell die Mittel und das Personal fehlen, um Programme zu kuratieren und ihr Publikum auf solche speziellen Filme hinzuweisen.

Staatsministerin Monika Grütters sprach beim Festakt von Ihnen als „die laut vernehmbare, ja unüberhörbare Stimme der Dokumentarfilmkunst“. Auch dank Ihres Kampfgeistes hat die AG DOK zahlreiche Erfolge verbuchen können.
Zum Beispiel haben wir uns Sitze in den Aufsichtsgremien der Verwertungsgesellschaften VG Wort, VFF und VG Bild-Kunst erstritten. Außerdem wurden wir nach langen Bemühungen 1998 in den Verwaltungsrat der FFA aufgenommen. Wir sind Gesellschafter von German Films – nach neunjähriger Auseinandersetzung mit der Vorgängerinstitution, der Exportunion des deutschen Films. Im Reglement des Deutschen Filmpreises gibt es auf unser Betreiben hin inzwischen auch die Dokumentarfilmkategorie. Und wir haben gerichtlich erstritten, dass der deutsche Dokumentarfilm mit einem eigenen Messestand auf dem Filmmarkt der Berlinale präsent ist.

In Ihrer Kritik steht auch die Programmpolitik der öffentlich-rechtlichen Sender.
Ja – leider behandeln die Sender unsere Filme immer noch unter Wert. Mein letzter Film „Wunder der Wirklichkeit“ ist so ein Beispiel. Der Hessische Rundfunk hatte ein einmaliges Senderecht, und man programmierte den Film am 30. Dezember nachts um 1:30 Uhr. Die Anstalten sind laut Programmauftrag aber der Vielfalt verpflichtet, denn es müssen ja auch alle Haushalte dafür bezahlen. Vielfalt wird jedoch nicht dadurch erreicht, dass man bestimmte 
Sendungen in entlegenen Kanälen und zu absurden Sendezeiten versteckt.

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