Wir helfen Ihnen Ihre Visionen zu verwirklichen!

Klimaschutz am Set und im Kino

Klimaschutz am Set und im Kino

Branchenübergreifende Fördertöpfe helfen dabei, Umweltschutz in die betriebliche Praxis umzusetzen

Von Birgit Heidsiek

Die Nutzung von erneuerbaren Energien, effizient eingesetzte Produktionsmittel, ressourcenschonende Mobilität, Wiederverwendung von Kostümen, stromsparende Leuchtmittel, Vermeidung von Einwegplastik, Lebensmittel regionaler Herkunft sowie Abfallmanagement – die zahlreichen Möglichkeiten nachhaltiger Maßnahmen sind in Deutschland inzwischen bei vielen Produktionsunternehmen, Sendern, Förderern und Kinobetrieben angekommen. Seitdem die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) 2012 den Grünen Drehpass ins Leben gerufen hat, wurden rund 150 Produktionen mit dem Öko-Label ausgezeichnet. Inzwischen ist das Thema auch von anderen regionalen Filmförderungen von Berlin über Baden-Württemberg bis Bayern adaptiert worden. Dank der Fridays for Future-Bewegung ist das Bewusstsein für Klimaschutz in der Filmbranche gewachsen. Produzentenverbände formulieren Selbstverpflichtungserklärungen, Sender legen Modellprojekte auf, und das Amt der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) will die Filmbranche künftig in die Pflicht nehmen, bestimmte Umweltstandards einzuhalten. Zu diesem Zweck wird zunächst eine Pilotphase gestartet, in der sich 20 Film- und Serienproduktionen für ein Zertifikat qualifizieren können, sofern sie sich an den vorgegebenen ökologischen Kriterien orientieren. Eine zusätzliche Förderung wird es im Rahmen dieses Pilotvorhabens, dessen Umsetzung die Filmförderungsanstalt (FFA) übernimmt, nicht geben. Die Zertifizierung der grünen Produktionen anhand der ökologischen Maßstäbe soll von einem wissenschaftlichen Institut begleitet werden. Mittelfristig plant das BKM weitere Schritte, denn das freiwillige Zertifikat soll in das Filmförderungsgesetz (FFG) einfließen. Im Rahmen einer Novelle des FFG ist eine Regelung vorgesehen, die es der FFA ermöglichen soll, verbindliche Nachhaltigkeitskriterien in ihr Fördersystem einzubetten. Die Regelung im neuen FFG soll auch innerhalb der Laufzeit des Gesetzes für eine kontinuierliche Anpassung offen sein. Die Pilotphase mit dem freiwilligen Zertifikat eröffne die Möglichkeit, von den verschiedenen Maßnahmen zu lernen und zu prüfen, welche Kriterien das Zertifikat tragen. „Wir wollen nicht nur das Vorhandene zertifizieren, sondern gemeinsam besser werden“, sagt Jan-Ole Püschel, der als Ministerialdirigent beim BKM die internationale Zusammenarbeit im Medienbereich leitet. Das bundesweite Zertifikat soll für rund 20 Produktionen vergeben werden, zu denen Kino- und Fernsehfilme, Serien und Einzelstücke, Dokumentar- und Spielfilme, kleine und große Produktionen sowie Blockbuster und Arthousefilme gehören sollen. „Die FFA wird die durchführende Einheit sein, die versuchen wird, die bürokratischen Hürden bei der Umsetzung des grünen Zertifikats niedrig zu halten“, versichert der FFA-Vorstand Peter Dinges. Bislang beschränken sich die nachhaltigen Maßnahmen bei Filmproduktionen oftmals auf leicht umsetzbare Lösungen wie die Versorgung der Teammitglieder mit wiederverwendbaren Wasserflaschen und Kaffeebechern, die Bildung von Fahrgemeinschaften sowie Mülltrennung. Allerdings ist die Aufstellung von Behältern für verschiedene Abfallströme bei einem Aufkommen von 50 kg Abfall pro Woche nach der novellierten Gewerbeabfallverordnung in Deutschland ohnehin seit August 2017 gesetzliche Pflicht. Die meisten CO2-Emissionen bei Filmproduktionen werden in der Regel in den Bereichen Energie und Transport generiert. Um sie zu senken, gehören der Einsatz emissionsarmer Fahrzeuge sowie die Reduzierung von Dieselgeneratoren am Set zu den Anforderungen im Kriterienkatalog. Im Bereich der mobilen Stromversorgung sind für Filmcrews bisher allerdings nur erste Prototypen von Hybridbatterien und gasbetriebenen Generatoren verfügbar, die noch getestet und weiter optimiert werden. Da die Anschaffung der emissionsarmen Stromversorger Investitionen in sechsstelliger Höhe erfordert, aber bisher nur eine marginale Nachfrage danach bestand, war die Akquisition für Equipmentverleiher kein rentables Geschäftsmodell. Eine ähnliche Situation besteht im Transportbereich. Lastfahrzeuge mit Elektro- oder Gasantrieb werden von Autovermietungen aufgrund mangelnder Nachfrage kaum vorgehalten, die obendrein noch durch das schlecht ausgebaute Tankstellennetz ausgebremst wird. Während die Umsetzbarkeit nachhaltiger Maßnahmen in der Film- und Fernsehproduktion im Energie- und Transportbereich schnell an die Grenzen stößt, können Kinos von breiten Infrastrukturmaßnahmen im Bereich Gebäudeeffizienz profitieren. Um die angestrebten Klimaziele zu erreichen, gibt es branchenübergreifend Fördertöpfe für Sanierungsprogramme und Nutzung von Innovationen, um den CO2-Fußabruck zu verkleinern. Zudem besitzen Kinos den Vorteil, dass sie allein aufgrund ihrer Grundstruktur nachhaltiger sind. Während eine Filmproduktion mit der Entwicklung eines Drehbuchs beginnt und über wenige Wochen oder Monate zu 100 Prozent aufgebaut werden muss, aber nach Drehschluss schnell wieder auf Null zurückgefahren wird, ist bei den Filmtheatern eine Kontinuität gegeben. Sowohl für kleine Einzelhäuser als auch für große Multiplex-Ketten gibt es eine große Bandbreite an Möglichkeiten, um ihren Betrieb effizienter zu gestalten. Mit Investitionen wie dem Einbau einer modernen Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung lassen sich die Energiekosten erheblich senken. Eine Investition, die sich mittelfristig auszahlt, kann auch der Einbau eines neuen Heizsystems sein. Das Potential im Bereich Energieeffizienz, das vom Stromsparen durch Lichtausschalten bis hin zur Strom- und Wärmeerzeugung mit dem hauseigenen Blockheizkraftwerk reicht, ist gigantisch. Der Energieverbrauch im Kino kann nicht nur gesenkt werden, sondern Strom, Wärme und Kälte lassen sich aus sogar erneuerbaren Energiequellen speisen. „Wir sind mit der FFA einen Schritt vorangegangen, um der Branche aufzuzeigen, welches Potential darin liegen kann, auf eine Nachhaltigkeitsstrategie zu setzen“, erklärt der FFA-Vorstand Peter Dinges. „Mit dem Grünen Kinohandbuch geben wir den Kinobetreibern einen Überblick über bestehende Anforderungen und praktische Lösungen, von denen wir diverse Maßnahmen im Rahmen der FFA Kinoförderung unterstützen.“ Die Bandbreite an Themen reicht von der Energieeffizienz von Gebäuden, dem Ökodesign von elektrischen Geräten und Lüftungssystemen, dem Einsatz von erneuerbaren Energien bis hin zu einem nachhaltigen Angebot im Concession-Bereich und einer damit verbundenen Müllvermeidung. Im Concession-Bereich testen einige Kinobetriebe inzwischen neue Lösungen, um Einwegplastik von der Kinotheke zu verbannen. Während kleinere Kinos die Getränke oftmals in Flaschen und Gläsern servieren, erfordert ein Mehrwegbechersystem in Multiplexkinos eine Logistik mit entsprechenden Spülkapazitäten. „Wir sehen uns in der Verantwortung, wenn es Alternativen zum Einwegsystem gibt“, erklärt Andreas Hufer, Gesamtbetriebsleiter F & B der Kinopolis- Gruppe, die derzeit in ihrem Dolby Cinema in München ein Mehrwegbechersystem testet. Ein Thema sind auch die an der Concession-Theke angebotenen Produkte, die oftmals nicht nur einen hohen Zucker- und Fettgehalt aufweisen, sondern Palmöl enthalten und obendrein in Plastik verpackt sind. Seit das Cinema & Kurbelkiste in Münster beim Einkauf die von Greenpeace erstellte Company-Scorecard anlegt, sind Palmöl- Produkte bei ihnen auf der schwarzen Liste gelandet. Nachhaltigkeit im Kinosaal zahlt sich aus, denn mit dem sparsamen Einsatz von Ressourcen können Filmtheater Geld sparen und sogar einen Imagegewinn verzeichnen. Klimaschutz wird für Kinos immer mehr ein Thema. Im Rahmen des Zukunftsprogramms können Kinobetreiber seit März 2020 bei der FFA Förderung für umweltschonende Verfahren beantragen. Die Modernisierung von Heizungs-, Klima- und Lüftungsanlagen wird ebenso gefördert wie Investitionen in Photovoltaik, LED-Beleuchtung oder die Schaffung von Fahrradstellplätzen. Bei der Umsetzung sämtlicher Maßnahmen wird auf die Empfehlungen des Grünen Kinohandbuchs der FFA verwiesen.

GRIP61