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Hessen dreht „grün“

Hessen dreht „grün“

Zwei Produktionen aus Hessen beweisen, dass es geht

Von Birgit Schweitzer

Die Not zur Tugend gemacht hat die Neopol Film bei den Dreharbeiten zu „Eine Handvoll Wasser“ in der Regie von Jakob Zapf mit Jürgen Prochnow in der Hauptrolle. Der Film wurde nachhaltig gedreht, was als Nebeneffekt das kleine Budget entlastete. So konnten zum Beispiel Kosten für Mietwagen durch Fahrgemeinschaften und die nahegelegene Unterbringung von Teammitgliedern mit gleichen Arbeitszeiten reduziert werden. Durchgeplant hatten dies Produzent Tonio Kellner und Aufnahmeleiterin Caroline Dyrek Hand in Hand mit dem Team. Das Thema Nachhaltigkeit betraf alle Bereiche der Filmproduktion, angefangen bereits beim Drehbuch. Es wurde papierlos gearbeitet. „Natürlich war das nicht immer streng umsetzbar, zum Beispiel bei den Arbeitsversionen der Darstellerinnen und Darsteller“, so Kellner. Aber auch Dispos gab es nur digital. Darüber hinaus wurden energiesparende LED-Lampen und feste Stromanschlüsse statt umweltbelastender Dieselgeneratoren eingesetzt. Die strikte Mülltrennung sowie die wasserfreien Komposttoiletten von Nowato waren weitere Facetten. Auch Szenenbild und Kostüm verbanden Kreativität mit Nachhaltigkeit. Möglichst wurde keine Neuware angeschafft, sondern auf den Fundus unter anderem der Kostümbildnerin Susanne Roggendorf zurückgegriffen oder ansonsten in Second Hand Läden eingekauft. Für die Einrichtung des Hauptmotivs, einem Einfamilienhaus, hielten gebrauchte Möbel her, regional besorgt. Da in Frankfurt und Umgebung kein öffentlich zugänglicher Fundus existiert, lief dies über eBay Kleinanzeigen und über Sozialkaufhäuser, denen das Gekaufte wieder zurückgespendet wurde. Ein wesentlicher Aspekt beim „Grünen Drehen“ ist grundsätzlich das Thema Catering und das diesbezügliche Verhalten des Teams am Set. Der nachhaltige Caterer reichte die Speisen auf abwaschbarem Geschirr und hatte eine Getränkeanlage an Bord, an der die wiederverwendbaren Trinkflaschen der Teammitglieder mit Getränken gefüllt werden konnten. Dies habe ein massives Umdenken erfordert und sei nicht selten eine Herausforderung für die Crew im Drehstress gewesen, wie Kellner berichtet. „Man stellt sich stets die Frage, wie oft man seine Kaffeetasse spült und ob die kurze Zeit in den Drehpausen reicht, sich am weiter entfernten Cateringwagen die Flasche aufzufüllen. Da war schon erhöhte Kommunikation nötig, aber das Team hat es mit guter Laune genommen.“. Nachhaltig zu drehen bedeutet überdies, soziale Verantwortung zu übernehmen und für eine faire Gage zu sorgen. Obwohl für einen Film mit kleinem Budget wie diesem – von HessenFilm mit 500.000 Euro gefördert – nach Tarifvertrag für Debütfilmproduktionen nur 50 Prozent der Gage hätten gezahlt werden müssen, ist diese Marge doch überschritten worden. „Wir haben im Schnitt zwischen 70 und 80 Prozent bezahlt“, berichtet Kellner. Die Neopol Film hat im Rahmen ihrer gegebenen Möglichkeiten gehandelt. An Grenzen ist Kellner gestoßen in Bezug auf die Finanzierbarkeit von Elektrofahrzeugen und die Leihverfügbarkeit von Generatoren, die den neuesten Standards bezüglich Rußpartikelfiltern entsprechen, falls mal kein Feststrom verfügbar war. Zusammenfassend ist dieses Projekt, das sich gerade in Postproduktion befindet, in Hinsicht Nachhaltigkeit gelungen. Gerne möchten Kellner und Zapf dies intensivieren und sich zukünftig bei größeren Projekten vorab beraten lassen, „sodass wir alles im Rahmen der Finanzierbarkeit Machbare umsetzen können“. Auch der Hessische Rundfunk (hr) ist inzwischen auf den Nachhaltigkeitszug aufgesprungen. Der Mittwochsfilm „Die Luft, die wir atmen“ (AT) unter der Regie von Martin Enlen, dessen Dreharbeiten in Frankfurt und Oberreifenberg stattfanden, ist die erste klimafreundliche Filmproduktion des hr – mit viel Aufwand von Produktionsleiter Dominik Diers geplant – mit Ökostrom, Fahrrädern und LED-Schweinwerfern am Set über Catering mit regionalen und vegetarischen Speisen bis hin zu Bio-Kosmetik in der Maske und Requisiten vom Flohmarkt. In dem Fall hat eine Anschubförderung der Fernsehdirektorin Gabriele Holzner den Start für das „Grüne Drehen“ im Hessischen Rundfunk gegeben. Doch die grüne Seele schützt auch vor Corona nicht. Wegen der Epidemie mussten die Dreharbeiten kurzerhand ausgesetzt werden.

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