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Dokumentarfilmerin mit Doppelbegabung

Dokumentarfilmerin mit Doppelbegabung

Eine Begegnung mit der Frankfurter Regisseurin Melanie Gärtner

Von Claudia Prinz

Melanie Gärtner interessierte sich, wie man sich leicht denken kann bei einer leidenschaftlichen Dokumentarfilmerin, bereits in der Schule für Film. So ergriff sie nach dem Abitur auch sofort die Gelegenheit zu einem einjährigen Praktikum bei der Filmproduktionsfirma Realfilm in Ludwigshafen, wo sie unter anderem den Umgang mit Technik und Schnittprogrammen lernte. Und sie hatte einen hervorragenden Mentor: den Kameramann, Drehbuchautor und Regisseur Thomas Ibach, der sie in einer nicht-institutionellen Weise mit Filmgeschichte bekanntmachte. Bei ihm fing sie Feuer, als sie zum ersten Mal einen Dokumentarfilm sah, der nicht der üblichen Machart entsprach: „Die Markus Family“ von Elfi Mikesch. „Dieser Film hat mir eine Form des Erzählens gezeigt, die ich bis dahin nicht kannte“, erinnert sich die 38-Jährige. „Für mich waren damals Dokumentarfilme Dokumentationen oder Reiseberichte und ich dachte: Wow! So kann man Filme also auch erzählen. Das war ein richtiges Erweckungserlebnis. Ich war sofort infiziert vom Virus Dokumentarfilm und dachte, das ist das Wundervollste, was man machen kann.“ Es dauerte aber noch eine ganze Weile, bis sie ihr erstes eigenes Vorhaben realisierte, denn sie hatte noch andere Interessen, die sie vertiefen wollte. So kam sie 2001 erst einmal nach Frankfurt und begann Literaturwissenschaft und Ethnologie zu studieren. In die Ethnologie konnte sie ihre Liebe zum Film sehr gut integrieren und experimentierte in der Visuellen Anthropologie autodidaktisch mit Fotografie und Video. Durch die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen entdeckte sie ihre zweite Leidenschaft: das Reisen. Ihr Studienschwerpunkt war Westafrika, wo sie in vielen Forschungsprojekten unterwegs war, die sie mit ihren audiovisuellen Arbeiten gut verknüpfen konnte. Als sie mit dem Studium eigentlich schon fertig war, wurde ein Projekt über Stoffkünstler in Mali an sie herangetragen. Bis dahin waren ihre Pläne auf journalistisches Arbeiten zugelaufen, sie hatte bereits verschiedene Praktika in diesem Bereich hinter sich und für die Deutsche Welle und den Hessischen Rundfunk (hr) gearbeitet. Aber diesem Angebot konnte sie nicht widerstehen und es machte ihr so viel Spaß, dass sie sich nun ihrer ersten Liebe, dem Dokumentarfilm, voll zuwandte. Auf einer ihrer Mali-Reisen lernte sie auch eine junge Frau kennen, die ihr spontan anbot, bei ihrer Familie zu übernachten, als sie am Flughafen gestrandet war. Daraus entwickelte sich eine enge Freundschaft, die sie immer wieder nach Mali zu ihrer „Adoptiv-Familie“ zurückführte und die bis heute besteht. Nach dieser Erfahrung schlug sie das Angebot für ein journalistisches Volontariat aus, denn sie hatte ihren Film „Im Land dazwischen“ begonnen – ihr erstes eigenes Projekt. Das Thema: Migranten im europäischen Randgebiet. „Ich spürte, wenn ich das jetzt nicht mache, dann mache ich es vielleicht nie mehr“, ist Melanie Gärtner sicher. „Es war der entscheidende Punkt in meinem Leben, an dem ich den Faden wieder aufgreifen wollte. Es dauerte eine Weile, aber ich habe die Aufgabe geschafft.“ Das erste Projektgeld erhielt sie damals von der Hessischen Filmförderung. Nur eine kleine Summe, die ihr aber immerhin ermöglichte, das Konfliktfeld in Ceuta gründlich zu untersuchen. Das war ihre Eintrittskarte zu weiteren Fördermitteln, denn der Film reüssierte bei etlichen Festivals. So war er beispielsweise 2012 für den Deutschen Menschenrechtsfilmpreis nominiert und gewann 2013 den ersten Preis beim LICHTER Filmfest. Für ihre erste Produktion war das ein großer Erfolg, der sie anspornte und die Weichen für ihren Berufsweg als Dokumentarfilmerin stellte. Ihr zweites Talent, das Schreiben, vernachlässigte sie aber nicht dabei. Das journalistische Arbeiten – sie hatte inzwischen auch ein Journalistikstudium absolviert – war ihr immer wichtig und ist bis heute ihr zweites berufliches Standbein geblieben. Aufbauend auf „Im Land dazwischen“ schrieb sie 2015 den aufwendigen Reportageband „Grenzen am Horizont“, in dem sie die familiären Hintergründe der drei so unterschiedlichen Protagonisten des Films ausführlich schildert. Parallel dazu arbeitete sie an ihrem Film „Yves‘ Versprechen“. Die Titelperson hatte sie bei ihren Recherchen in Ceuta kennengelernt. Der Film erzählt die Geschichte von Yves aus Kamerun, der sich schon zum zweiten Mal illegal in Europa aufhält. Zweimal kam er im Schlauchboot von Marokko nach Spanien. Nach der ersten Flucht wurde er entdeckt und nach Kamerun abgeschoben. Ohne sich seiner Familie zu offenbaren, machte er sich zum zweiten Mal auf den Weg. Er wollte an dem Versprechen seiner Familie gegenüber festhalten, in Europa Erfolg zu haben und seine Verwandten zu unterstützen, irgendwann. Melanie Gärtner verfolgt Yves‘ Spur zurück nach Kamerun und zeigt dabei ein komplexes Netz sozialer Beziehungen. „Yves’ Versprechen“, mit zahlreichen Preisen gekürt, feierte 2017 auf der IDFA Weltpremiere und lief 2019 bundesweit in den Kinos. „Von meiner Seite ist die Auseinandersetzung mit dem Migrationsthema sehr davon geprägt, dass ich in die Hintergründe einsteige“, betont Melanie Gärtner. „Mir ist es wichtig, Themen sichtbar zu machen, die in den Mainstreammedien nicht so oft aufgegriffen werden und sie dicht zu erzählen, so wie die Familiengeschichte in „Yves‘ Versprechen“. In der Hinsicht sind das Genre Dokumentarfilm und überhaupt das filmische Erzählen unvergleichlich. Für mich ist der Dokumentarfilm immer noch die Königsdisziplin.“ Melanie Gärtner ist seit 2009 mit ihrer Firma m-eilenweit – film text fotografie als freie Autorin und Regisseurin tätig. In der regionalen Arbeit engagiert sie sich filmpolitisch im Verband für die Junge Generation Hessischer Film, im Filmhaus Frankfurt und im Film- und Kinobüro Hessen. Seit 2018 ist sie eine der Regionalsprecherinnen der AG DOK und organisierte im Februar federführend den 1. Hessischen Dokumentarfilmtag.

Filmografie (Ausschnitt)

„Yves‘ Versprechen“ 2017, Buch, Regie Kinodokumentarfilm über die Unmöglichkeit des Zurückkehrens - First Appearance Competition IDFA 2017 - Yarha Festival du 1er Film 2018 - Special Jury Award – Golden Tree Filmfestival 2019 - 2. Platz „Bester Film“ – WaLa Internationales Filmfestival 2019

„Malaysia for me …“ 2016, Regie, Kamera Webdoku über afrikanische Studierende in Malaysia

„Just Another Chinese Guy“ 2015, Regie, Kamera Webdoku über die chinesische Community in Südafrika

„Im Land Dazwischen“ 2012, Regie, Kamera Dokumentarfilm über Migranten im europäischen Randgebiet - Nominierung Deutscher Menschenrechtsfilmpreis 2012 - 1. Preis LICHTER Filmfest 2013 - Publikumspreis Grenzland-Filmtage Selb 2013 - Popp & Bergmann Nachwuchspreis 2014

„Bogolan“ 2009, Kamera, Co-Regie Dokumentation über Künstler in Mali

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