Wir helfen Ihnen Ihre Visionen zu verwirklichen!

Die Richtung stimmt

Die Richtung stimmt

Nachhaltigkeit als Herausforderung für die hessischen Kinos

Von Erwin Heberling*

Während dieser Artikel entsteht, sind die Kinos geschlossen. Soll man sich in diesen Tagen mit Nachhaltigkeit beschäftigen? Soll der Preis für nachhaltiges Kino 2020 überhaupt ausgerichtet werden? Doch gerade jetzt könnte dies angebracht sein, geht es doch beim nachhaltigen Kino um nichts anderes als die Zukunftsfähigkeit der Filmtheater. So wird es nun auch in 2020 eine Preisverleihung geben, wenn wahrscheinlich auch nur in virtueller Form. Seit 2016 gibt es den Nachhaltigkeitspreis für Filmtheater. Nach drei Preisvergaben in jährlicher Abfolge wurde 2019 vereinbart, die Auszeichnung nur noch alle zwei Jahre stattfinden zu lassen. Das „Jahr dazwischen“ wird unter Hinzuziehung von Experten für Einzelanalysen und individuelle Beratungen genutzt, um anhand von sogenannten Referenzkinos die verschiedenen Potentiale weiterzuentwickeln und Best- Practice-Beispiele aufzugreifen. Auf diese Weise kamen 2019 Referenzkinos zusammen, die in ihrer Zusammenstellung das Spektrum der hessischen Kinolandschaft widerspiegelten: das Frankfurter Mal Seh’n, das Traumstern in Lich, die Lumos Lichtspiele Nidda, das Kommunale Kino Weiterstadt und das Witzenhausener Capitolkino. Unterschiedliche Kinos mit unterschiedlichen Anforderungen für eine nachhaltige Entwicklung. Während in alten Gebäuden wie in Lich und Witzenhausen bauliche Maßnahmen zur Verbesserung von Heizung und Belüftung oder zwecks barrierefreiem Zugang aufgrund der Beschaffenheit der Häuser große und kostenintensive Ausmaße mit sich bringen, sind die erst vor fünf Jahren erbauten Lumos Lichtspiele in Nidda schon fast auf dem neuesten Stand. Umso erfreulicher, dass es seit Ende 2019 auch in Witzenhausen vorangeht: Dank Investitionsförderung wird eine Solaranlage angebracht, im nächsten Schritt ist der Einbau eines besucherfreundlichen Foyers vorgesehen. Im Kommunalen Kino Weiterstadt wiederum hängen bauliche Fragen von der Kommune ab, in deren Besitz das Kino ist. Hier wurden jetzt regelmäßige Treffen zwischen Bürgermeister und Kinoteam vereinbart, um das Haus gemeinsam nachhaltiger zu gestalten. In allen Referenzkinos waren Mobilität der Besucher, Neuaufstellung des Concessionbereichs, nachhaltige Druckerzeugnisse, Recycling und das Erstellen von Klimabilanzen inklusive CO2-Einsparpotentiale und Kompensationskosten wichtige Themen. In einigen Punkten gab es schnelle Fortschritte. Andere Bereiche wie Mobilität benötigen dagegen einen längeren Atem. Auch das Ziel eines „CO2-neutralen Kinos“ ist kurzfristig nicht zu realisieren. Für die Lumos Lichtspiele wurde als erster Schritt eine detaillierte Klimabilanz erstellt. Wie steht es daneben um die ökonomische Nachhaltigkeit? Ähnlich wie das KoKi Weiterstadt verfügt das Mal Seh’n Kino in Frankfurt nur über einen Saal und hat damit begrenzte Möglichkeiten, mit höheren Besucherzahlen die wirtschaftliche Situation zu verbessern. So geriet das Mal Seh’n – wie auch das Kino Traumstern – im Kinokrisenjahr 2018 in große wirtschaftliche Nöte. Nachhaltige, zukunftsfähige Geschäftsmodelle für Kinos, deren Stärken neben ihrem Programm in ihrer soziokulturellen Bedeutung liegen, benötigen jedoch finanzielle Absicherung. Eine kulturpolitische Aufgabe, der sich auch der in Vorbereitung befindliche hessische Masterplan Kultur widmen muss. Und wie sieht schließlich der Aspekt der kulturellen Nachhaltigkeit aus? In der Nachhaltigkeitsdiskussion kommt der Kultur nicht selten ein zentraler Stellenwert zu, dem soziale, ökonomische und ökologische Belange untergeordnet werden. Kultur wird dabei als Kommunikations- und Handlungsmodus verstanden, durch den gesellschaftliche Werte und Leitbilder produziert, hinterfragt und verändert werden. Für so verstandene kulturelle Nachhaltigkeit, die über das Filmprogramm hinausgeht, finden sich Belege in allen Referenzkinos. Sehr weit ist auf diesem Weg das Kino Traumstern, das als Teil eines beispielhaften Netzwerks aus lokalen Initiativen, Theater- und anderen Künstlergruppen das soziale und kulturelle Leben in der mittelhessischen Kleinstadt nachhaltig prägt. Die Richtung stimmt. Der Weg aber ist – nicht zuletzt angesichts der gegenwärtigen Corona-Krise – durchaus noch weit.

* Der Autor ist Geschäftsführer des Film- und Kinobüros Hessen

GRIP61