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Das nackte Überleben

Das nackte Überleben

Die Kinos in der Corona-Krise

Von Claus Wecker

„Zuhause bleiben!“ heißt die Parole angesichts der Corona-Pandemie. Das trifft ganz besonders die Kinos, die ohnehin einen schweren Stand gegen die Streamingportale wie Netflix, Disney und andere haben. Das gemeinsame Filmerlebnis, mit dem die Filmtheater werben, wurde nach staatlicher Anordnung untersagt, und von den Betreibern konnte man allenthalben hören, dass gerade in den Arthouse-Kinos die Anzahl von älteren Besuchern infolge der Ansteckungsgefahr bereits vor dem sogenannten Shutdown zurückgegangen ist. Neben der Sorge um die eigene Gesundheit bewegt die Kinobetreiber jetzt also auch die um ihre finanzielle Existenz, zumal keine Entschädigungsansprüche an die Behörden bestehen und Versicherungen generell nicht haften. Die Politiker sind also gefragt, und sie haben für ihre Verhältnisse recht zügig reagiert. Für kleine Betriebe mit nur wenigen Beschäftigten wie etwa auch private Theater, Buchhandlungen, Verlage oder Galerien sind die Länder zuständig, die laut Kulturstaatsministerin Monika Grütters „einfach näher dran sind“. Mit Zuschüssen, die nicht zurückgezahlt werden müssen, sollten Mieten und andere laufende Kosten erst einmal gedeckt werden. Die größeren Betriebe konnten für ihre Angestellten Kurzarbeit und über das Nadelöhr ihrer Hausbanken KfW-Kredite beantragen. Auf der Internetseite www.hessenfilm.de wurde für das Land Hessen ein Hilfspaket von insgesamt 7,5 Milliarden Euro angekündigt, das für Freiberufler, Solo-Selbständige, Einrichtungen und Kleinstunternehmen, auch im kulturellen Bereich, vorgesehen ist. Die hessische Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn (Die Grünen) sprach ihrerseits von einem aktuellen Nachtragshaushalt in der Größenordnung von einer Milliarde Euro, um den der Landtag gebeten werde. „Darin wird als Zielgruppe auch der Kulturbereich enthalten sein. Auch die geplante Erweiterung des Garantie- und Bürgschaftsrahmens des Landes und die bereits beschlossenen Liquiditätshilfen durch Steuerstundung kommen Kulturschaffenden zugute.“ Weiterhin erwähnte sie ein Nothilfeprogramm des Bundes für Solo-Selbständige und Kleinstunternehmen, mit dem das Landesprogramm, das mit dem Nachtragshaushalt beschlossen werden sollte, abgeglichen werde. „So stellen wir sicher, dass niemand vergessen wird, auch und insbesondere nicht im besonders betroffenen Kulturbereich“, versicherte sie. Angesichts des komplexen Geflechts, dem das ganze Produktions-, Verleih- und Abspielwesen der Branche unterliegt, stellt sich mittlerweile heraus, dass die vollmundig angekündigten Hilfen viel zu knapp bemessen sind. Die deutsche Kinobranche schätzt den wöchentlichen Verlust auf 17 Millionen Euro. Die Mieten sind gerade in Frankfurt hoch, und rund zwei Drittel der in den Kinos Beschäftigten sind Minijobber, für die das Kurzarbeitergeld nicht vorgesehen ist. Auch die angesparten Rücklagen für Notfälle und die begrüßenswerten Eigeninitiativen, wie Gutscheinaktionen, die mehrere Kinos über ihre Internetseiten ins Leben gerufen haben, werden die Existenz der Häuser nicht sichern. Trotzdem sollen zwei originelle Versuche hier erwähnt werden: Antje Witte, die in Bockenheim das Kino Orfeo‘s Erben leitet, will zu jedem 50-Euro-Gutschein für das dem Kino angeschlossene Restaurant einen Kinogutschein gratis hinzufügen. Das Mal Seh‘n Kino im Nordend nimmt zudem an einer Aktion des kleinen Grandfilm-Verleihs teil, der die Kampagne #supportyourlocalcinema gestartet hat, indem er auf der Video-on-Demand-Plattform Vimeo Filme für das Streamen im Heimkino veröffentlicht. Die Einnahmen werden zwischen Verleih und Partner-Kinos geteilt. Doch wie wird es weitergehen, sind die Kontaktverbotsmaßnahmen erst einmal aufgehoben? Wieviel Vorlauf brauchen die Häuser für Programmankündigungen und neue Starttermine? Mit einer frühzeitigen Öffnung mit Desinfizieren nach jeder Vorstellung, Temperaturkontrolle der Besucher am Eingang und limitiertem Einlass möchte sich Christopher Bausch, der in Frankfurt die Harmonie und das Cinéma betreibt, nicht anfreunden. „Lieber die Füße stillhalten und abwarten und sich Gedanken machen, wie wir bei Wiedereröffnung den Kinobesuch attraktiv gestalten können.“ Vermutlich aber wird man um solche Hygienelösungen bei ersten Teilaufhebungen des existenzgefährdenden Zustands nicht herumkommen. Die Förderung einer kulturellen Infrastruktur, auch aus öffentlichen Mitteln, war vor der Krise ein politisches Ziel von allen Parteien. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch nach der Krise noch gilt. Schließlich bekommt der Staat ja vom Kinobetrieb etwas an Steuern zurück, nicht jedoch von den Streamingdiensten, woran die Arthouse- Betreiber in einem Notruf an

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