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Katalysatoren der regionalen Filmpraxis

Katalysatoren der regionalen Filmpraxis
Wohin steuern die deutschen Filmhäuser und Filmwerkstätten?
Von Reinhard Kleber

Wenn es hier um die Rolle der Filmhäuser geht, sind nicht die Produktionsfirmen gleichen Namens in Berlin oder München gemeint oder Kinos, die sich Filmhaus nennen wie die in Saarbrücken, Nürnberg oder Lübeck. Auch nicht große Sammelinstitutionen wie das Filmhaus in Berlin, das die Deutsche Kinemathek und die Deutsche Film- und Fernsehakademie beherbergt, oder das Deutsche Filmhaus in Wiesbaden, in dem unter anderem die Murnau-Stiftung und die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) sitzen.

Gemeint sind vielmehr Einrichtungen wie das 1989 gegründete Filmhaus Frankfurt, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Kunstform Film und die regionale Film- und Kinopraxis zu fördern. In der Regel kümmern sie sich um Aus- und Fortbildung, Geräteverleih, Produktionsberatung, Nachwuchsförderung und politische Interessenvertretung der Filmschaffenden. Manche betreiben auch Kinos, Filmclubs und Festivals. So organisiert etwa die Filmwerkstatt Münster das Filmfestival Münster.

Die Filmhäuser und –werkstätten finanzieren sich zumeist aus öffentlichen Zuschüssen, Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Entstanden sind sie ab Ende der 70er Jahre als Keimzellen für ein unabhängiges, selbstbestimmtes Filmschaffen jenseits des Mainstream. 1976 wurde die Filmwerkstatt Düsseldorf gegründet, 1978 die Medienwerkstatt Freiburg und 1979 das Filmhaus Hamburg. Es folgten 1981 das Kölner Filmhaus und die Filmwerkstatt Münster, 1982 das Filmhaus Bielefeld.

Aus den Gründungszusammenhängen heraus setzen die Filmhäuser unterschiedliche Akzente, haben im Lauf der Zeit zuweilen aber auch ihre Strukturen und Profile geändert. So etwa die legendäre Medienwerkstatt Freiburg. Der eingetragene Verein besteht seit 1978 und wurde von politischen Aktivisten gegründet, um mit eigenen Videofilmen in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen und politische Aufklärungsarbeit zu leisten, kurz: Gegenöffentlichkeit herzustellen. Heute versteht sie sich als lokales Medienzentrum mit einem gemeinnützigen Bereich, zu dem das SchulFilmForum, das Videoarchiv und Videoprojekte mit Jugendlichen gehören, sowie einem gewerblichen Bereich mit Geräteverleih, Filmschnitt und DVD-Herstellung.

Auf die Aus- und Fortbildung konzentriert sich der gemeinnützige Verein filmArche, den junge Berliner Filmschaffende 2002 in Neukölln gründeten. In der ersten selbstorganisierten Filmschule Europas kommen mehr als 200 Filmemacher regelmäßig zusammen, um sich gemeinsam fortzubilden und Filme zu drehen. Die filmArche bietet Ressourcen für ein fundiertes dreijähriges Studium in Fächern wie Drehbuch, Regie, Kamera, Montage, Produktion und Dokumentarfilmregie. Mit Beginn des ersten Semesters werden die Studierenden automatisch Vereinsmitglieder, wobei sie Arbeitsgruppen und Workshops nach ihren persönlichen Schwerpunkten organisieren können.

Dagegen hat die Filmwerkstatt Düsseldorf einen stark künstlerisch geprägten Hintergrund: Sie ging aus der Filmgruppe Düsseldorf, hervor, die engen Kontakt zur Filmklasse an der dortigen Kunstakademie hielt. Seit 1992 ist sie ein eingetragener Verein, dessen Programm auf drei Säulen beruht, wie der erste Vorsitzende Jan Wagner erläutert. "Die erste betrifft die Produktion und umfasst Technikverleih, Arbeitsstipendium, Filmlaboratorium. Die zweite ist das Seminarprogramm mit der Jungen Filmwerkstatt, und die dritte beinhaltet das Ausstellungs- und Kinoprogramm mit Masterclasses, Vortragsreihen und Filmveranstaltungen." Zur Positionierung der Werkstatt sagt Wagner: "Wir sind in der Schnittmenge von Kunst und Film zu Hause. Die hat sich aber über die Jahre stark verändert." Noch vor 15 Jahren habe man im Labor meist klassische Kunstfilme von fünf Minuten Laufzeit betreut. Durch die leicht verfügbare digitale Technik würden die Filme heute länger und narrativer und gingen auch auf Festivalreise.

Bei der Finanzierung gibt sich Wagner vorsichtig. "Die Lage ist nicht prekär, aber auch nicht wirklich sicher, weil die Zuwendungen nicht institutionalisiert sind. Bei der Stadt haben wir zwar einen relativ sicheren Status, weil wir da eine eigene Etatstelle haben. Beim Land NRW entscheidet aber alle zwei Jahre eine Jury, ob die Förderung fortgesetzt wird."

Zu den jüngeren Filmhäusern zählt die 1995 gegründete Filmwerkstatt München, eine Selbsthilfeinitiative der Filmschaffenden, die sich als gemeinnütziger Verein der Förderung der regionalen Independent-Filmszene verschrieben hat. Seit 2003 unterstützt oder produziert sie kurze und lange Filme, seit 2008 konzentriert sie sich auf die Weiterbildung.

Durch die Herstellung von Filmen, meist in Koproduktion mit der örtlichen Filmhochschule, habe man "Dinge gelernt, die in der eigenen Ausbildung nicht vorkamen, insbesondere wie man angesichts knapper finanzieller Mittel trotzdem Filmprojekte realisieren kann", sagt Vorstand Martin Blankemeyer. "Dieses Wissen weiterzugeben war der Ausgangspunkt unseres Seminar- und Lehrgangsangebots, mit dem wir unvermutet offene Türen eingerannt haben, weil es etwas Vergleichbares in München vorher nicht gab."

Abgesehen von besonderen Projekten finanziert sich die Werkstatt ausschließlich aus Teilnehmerbeiträgen der Weiterbildungskurse. "Wenn es uns weiterhin gelingt, ein zufriedenstellendes Seminar- und Lehrgangsangebot aufzustellen, sehe ich nicht, warum das nicht wie bisher wahrgenommen werden sollte und somit unsere Einnahmen nicht gesichert sein sollten."

Und welche Perspektiven sieht die Filmwerkstatt für die nächsten Jahre? Dazu Blankemeyer weiter: "Die effektivste Maßnahme gegen den Fachkräftemangel sind in unseren Augen kostenfreie, aktuelle und gut durchdachte Bachelor- und Masterstudiengänge an staatlichen Hochschulen. Hier stellen wir erfreut fest, dass selbst ein kleiner Verein wie wir von renommierten Institutionen als möglicher Kooperationspartner gesehen wird, weil wir Kompetenzen entwickelt haben, die an den Hochschulen fehlen. Uns in diese Richtung zu engagieren und irgendwann sogar eigene Münchner-Filmwerkstatt-Kooperationsstudiengänge anzubieten, wie es etwas unsere Freunde von Raindance in London bereits tun, ist eine extrem spannende Option."

Eine besonders wechselvolle Geschichte hat das Kölner Filmhaus, das 1981 als Zentrum für Medienbildung, Kinokultur und Filmschaffen in Köln gegründet wurde. 1998 zog es in ein aufwendig renoviertes Bahngebäude in der Nähe des Mediaparks. Mit zeitweise mehr als 400 Mitgliedern stellte der Trägerverein bundesweit die größte freie Initiative von Filmschaffenden dar. 2012 musste der Verein jedoch Insolvenz anmelden und wurde aufgelöst. 2013 fiel die Immobilie zurück an die Stadt.

Im Juli 2019 billigte der Stadtrat das Konzept einer neuen Initiative, bei der die Scope Institute gGmbH, eine gemeinnützige Bildungseinrichtung für Film und digitale Medien, federführend die Fortbildung und Filmbildung im Haus organisieren soll. Das eingebaute Kino sollen künftig Joachim Kühn und Dirk Steinkühler bespielen, die zusammen bereits das benachbarte Arthouse-Kino Filmpalette betreiben. Kühn hatte den Kinosaal mit 99 Sitzen bereits 1998 bis 2006 programmiert.

Eine neue Betreibergesellschaft namens Filmhaus Köln mit fünf Gesellschaftern wurde kürzlich gegründet. "Wir arbeiten an einem Vertrag, den wir bis Jahresende dem Rat vorlegen wollen", berichtet Kühn. Die Schlüsselübergabe ist für Januar angedacht. Der Kinobetrieb soll im Frühjahr 2020 anlaufen und der Seminarbetrieb dann im Herbst."

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