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Wohin geht die Reise?

Wohin geht die Reise?
Die Filmverleiher als Transmissionsriemen zwischen Produktion und Kino
Reinhard Kleber

Besucherschwund im Kino, Serienboom, Premium-Heimkino-Equipment, Streamingdienste, immer neue YouTube-Kanäle, Virtual Reality: Es gibt viele Herausforderungen für die Filmbranche. Das bekommen auch die Verleiher zu spüren, die traditionell eine Vermittlerposition einnehmen: Sie erwerben von den Produktionsfirmen oder Weltvertrieben die Auswertungsrechte für ihr Territorium und beliefern die Kinos gegen eine Verleihmiete mit Filmkopien. Ihr Aufgabenfeld reicht von der Synchronisation beziehunsgweise Untertitelung der Filme über die Altersfreigabe, Festivalauftritte, Marketing, Werbematerialien bis hin zur Disposition und Öffentlichkeitsarbeit. In Deutschland haben sich die Verleihfirmen in zwei Verbänden zusammengeschlossen: dem Verband der Filmverleiher (VdF) und Arbeitsgemeinschaft der unabhängigen Filmverleiher (AG Verleih).

Schickte der Verleih im analogen Zeitalter noch 25 bis 30 Kilogramm schwere Kartons mit 35 mm-Filmkopien in die Kinos, so liefert er heute in der Regel verschlüsselte Digital Cinema Packages (DCP) auf Festplatten, oder er sendet das Signal direkt per Kabel, Internet oder Satellit auf die Server der Kinos. Aus der Ära des Zelluloidfilms stammt noch der Brauch, dass der Verleih mit einer bestimmten Kopienzahl den Kinostart plant: Während kleine Arthouse-Filme oft nur mit zehn Kopien auftreten, laufen manche Blockbuster mit mehr als 900 Kopien an und belegen so jede fünfte deutsche Leinwand.

Für die Bereitstellung des Films und begleitender Materialien zahlen die Kinos eine Leihmiete. Der entsprechende Satz pro verkaufter Eintrittskarte reicht von etwa 45 Prozent bei kleinen Filmen bis zu rund 53 Prozent bei umsatzstarken Blockbustern.

In der Regel schließen Verleih und Kino einen Verleihvertrag, der Rechte und Pflichten beider Seiten festlegt. Vor allem die großen Studios bestehen dabei darauf, dass der Film in möglichst vielen Vorstellungen am Tag eingesetzt wird. Oft ist eine Prolongationspflicht fixiert: Die Kinos sind verpflichtet, einen Film weiterzuspielen, wenn er am Wochenende zuvor eine bestimmte Zuschauerzahl erreicht hat. Derartige Regelungen bergen immer wieder Konfliktstoff zwischen beiden Parteien bei der Frage, wie denn ein Film optimal ausgewertet werden kann.

Bei jedem Verleih spielt die Disposition eine Schlüsselrolle für die Kooperation mit den Kinos, sie legt zum Beispiel mit den Kinos fest, in welchen Häusern und Sälen ein Film am besten aufgehoben ist. Heutzutage beauftragen etliche Verleiher spezialisierte Agenturen oder anderen Verleihfirmen mit dem Booking and Billing, also der Vermietung und Abrechnung.

Jürgen Lütz, Inhaber des Verleihs Film-Kino-Text und zugleich Kinobetreiber in Bonn und Köln, nutzt den Service der Berliner Agentur Die Filmagentinnen. Seine Begründung: "Ich habe vieles ausgelagert. Mir ist es wichtig, auch mal sechs Monate keinen neuen Film rausbringen zu müssen. Ich will nicht ständig gezwungen sein, eine stehende Struktur mit Mitarbeitern am Laufen zu halten." Andere ähnlich große Verleiher wie Mindjazz und w-film in Köln bevorzugen die inhouse-Lösung, um die optimale Kontrolle über die Auswertung zu behalten, und investieren entsprechend in Personal und Infrastruktur.

Während sich die deutschen Verleiharme der US Major Studios mit wenigen Ausnahmen auf Hollywood-Produktionen konzentrieren, haben mittelständische Verleiher wie X Verleih oder Universum Film oft deutsche Filme im Programm. Viele Kleinverleiher profilieren sich dagegen mit Arthouse-Filmen, bestimmten Genres oder regionalen Schwerpunkten. So setzt etwa Rapid Eye Movies auf Asiatisches, MEC Filme auf Titel aus Nahost, Kinostar auf türkisches Programm oder Real Fiction auf Dokumentarisches.

Eine Sonderrolle fällt hierzulande dem nichtgewerblichen Filmverleih zu. Hierzu werden die Rechte der Verleiher von diesen an spezialisierte Dienste unterlizensiert. Einrichtungen wie die Landesfilmdienste, der Bundesverband Jugend und Film (BJF), Matthias-Film oder das Katholische Filmwerk stellen für die Bildungsarbeit Filme zur Verfügung, heute jedoch eher auf DVD, BlueRay oder als Stream, denn auf 16 mm Film.

In Deutschland nutzen die Filmverleiher gerne die Verleihförderung der Filmförderinstitutionen, um ihre Titel mit einem größeren Werbeaufwand bessere Chancen zu verschaffen. Allerdings beklagen die Verleiher hier eine wachsende Schieflage: Während die öffentliche Produktionsförderung von Filmen stetig wächst, stagniert die Verleihförderung. VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn betonte kürzlich in einem Interview: "Ohne angemessene Investitionen in die Vermarktung wird man keinen Blumentopf gewinnen. Diesbezüglich wurden leider vor allem auf der Ebene der kulturellen Filmförderung des Bundes die Weichen völlig falsch gestellt." Die Konstruktion beim Bundesministerium für Kultur und Medien (BKM) sei nicht sachgeecht, wenn der Fokus nur auf der Produktionsförderung liege. "Wir sprechen mittlerweile von jährlich rund 20 Millionen Euro kultureller Filmförderung und 300.000 Euro Verleihförderung." (Näheres noch hierzu im Beitrag auf Seite 8)

Ein weiteres Problem, das den Verleihern deutscher Filme auf den Nägeln brennt, ist der Fakt, dass diese in der Regel als Koproduktionen mit den Sendern entstehen, die sich einen Großteil der Auswertungsrechte sichern, gerade auch beim Pay-TV. Die Filmproduzentin und Ex-SPIO-Präsidentin Manuela Stehr kritisiert, dass dies im Grunde dazu führt, "dass vom Verleih erwartet wird, die von ihm aufgebrachte Garantie und die hohen Herausbringungskosten alleine aus dem Kinogeschäft zu refinanzieren". Das könne aber nicht mehr funktionieren. "Innerhalb der vergangenen zehn Jahre sind die zu erwartenden Besucherzahlen für deutsche Kinofilme um ganze drei Viertel geschrumpft. Was vor einem Jahrzehnt noch 100.000 Zuschauer gemacht hat, schafft heute vielleicht noch 25.000."

Schon seit Jahren klagen viele Kinos und Verleiher über eine zunehmende Filmflut, ein Phänomen, das die Digitalisierung noch verstärkt hat. In manchen Wochen laufen so viele Filme an, dass kaum einer von ihnen genug Aufmerksamkeit bekommt, um sich herumzusprechen. "Die Filme kannibalisieren sich leider zu oft gegenseitig", bilanziert Lütz, der auf das Beispiel des sehr poetischen Films von Robert Guédiguian "Das Haus am Meer", verweist. "Ich hatte den Starttermin für März schon im September 2018 auf der Filmkunstmesse Leipzig festgelegt. Natürlich kommen dann im Startkalender noch weitere Filme hinzu. In diesem Fall waren das "Frau Mutter Tier", "Goldfische", "Fathers and Sons"und "Vorhang auf für Cyrano". Weitere sehr sehenswerte Arthousetitel, die sich aber die Aufmerksamkeit gegenseitig streitig machen. Das Resultat war fatal. Die Zuschauerzahlen für "Das Haus am Meer" in Aachen waren desaströs und in Kiel und Leipzig mies."

Insgesamt findet Lütz, dass das Verleihgeschäft im vergangenen Jahrzehnt viel schwieriger geworden ist. "Die Kopienschnitte nehmen radikal ab. Als ich früher mit dem Verleih Schwarzweiß neue Produktionen herausgebracht habe, hatten wir normalerweise Starts mit einem Schnitt von 300 Besuchern am ersten Wochenende, egal ob es 20 oder 60 Kopien waren. Heute kann man heilfroh sein, wenn man 100 Besucher erreicht. Das kann auch nicht mehr lange so weitergehen. Nicht umsonst bekommen die Multiplexe Panik und versuchen, sich mit Billigangeboten, das heißt Eintritspreisen von 5,99 Euro zu retten."

Dass es immer schwieriger wird, überhaupt noch Aufmerksamkeit für einen anspruchsvollen Arthouse-Film zu generieren, hat auch Konsequenzen für das Angebot. Lütz sieht sich gezwungen, konfliktärmere Filme herauszubringen. "Viele Besucher achten doch sehr auf einen gelungenen Abend. Da tun sich Problemfilme schwer. Wenn ich eine ernsthafte Doku wie 'Nachlass' über die Erinnerungen von Kindern und Enkeln von Nazi-Tätern und Holocaust-Überlebenden herausbringe, kommt kaum noch jemand ins Kino. Die Zeiten, in denen das für manche noch eine Art Pflichtprogramm war, die sind vorbei. Definitv."

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