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Jetzt – nach so vielen Jahren

Jetzt – nach so vielen Jahren
Eine Retrospektive des Frankfurter Filmemachers Pavel Schnabel
Von Claudia Prinz

Es hätte kaum bessere Ausstellungsräume geben können als die ehemalige Wohnung Johann Wolfgang Goethes in der Altstadt von Weimar. In diesem verwinkelten Fachwerkbau zeigt die seit 1988 bestehende ACC Galerie auf ihren zwei Etagen normalerweise Bildende Kunst. In der ersten Filmretrospektive in der Geschichte der Galerie konnte man sich nun von November 2018 bis Februar 2019 das Werk Pavel Schnabels anschauen.

Die Ausstellung umfasste nicht nur 1.070 Filmminuten, sondern auch zahlreiche Fotos, Dokumente, Objekte, Kameras, Ton- und Lichtequipment, Plots und Drehbücher, Reaktionen von Zuschauern, von Medien und Gremien, sowie Angedachtes, Abgelehntes, Verworfenes, Ungesehenes und noch Geplantes, und nicht zu vergessen alle Preise und Ehrungen. So entstand ein Einblick in 50 Jahre Filmschaffen, der Permanentdurchlauf eines cineastischen Lebenswerks.

Die einzelnen Räume, in denen die Filme gezeigt wurden, waren zeitgeschichtlich und inhaltlich durch Accessoires und Referenzen dem jeweiligen Thema angepasst und machten die Rezeption für die zahlreichen Zuschauer, die teilweise mehr als einmal kamen, zu einem extra Vergnügen.

„Wir wollten eine Situation schaffen“, sagt Galerieleiter Frank Motz, „in der sich der potentielle Besucher drei Monate lang ein Bild von Pavel Schnabels Lebenswerk machen konnte. Die Idee war, dass die Besucher hier durch die Galerie mäandern, die etwas Kafkaesk-Labyrinthisches hat, und dort hängen bleiben, wo Interesse geweckt wird. Unser Anliegen war es, eher eine Situation wie in der Bildenden Kunst herzustellen, die wir hier üblicherweise zeigen, nämlich die Filme in Endlosschleifen laufen zu lassen“. Auf Anfrage konnte ein Film natürlich auch jeweils auf Anfang gestellt werden, und man konnte ihn ganz normal chronologisch anschauen.

Weimar als Ausstellungsort war kein Zufall, sagt der Galerieleiter Frank Motz. Seit 1989 hat Pavel Schnabel die Stadt regelmäßig aufgesucht und hier drei Filme gedreht: „Die Wende am Karl-Marx-Platz“, „Karl Marx und seine Erben“ und 1991 die 95minütige Dokumentation „Brüder und Schwestern“, ein Langzeitportrait von sechs Protagonisten aus Weimar. Pavel Schnabels Vater, ein böhmischer Jude und Linker in der Tschechoslowakei, war 1939 ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt und erst 1945 befreit worden.

„An Pavel Schnabels Filmen faszinierte uns vieles“, wie Motz sagt. "Etwa seine sachte Kameraführung, dass er sich nicht wertend über die Protagonistinnen und Protagonisten erhebt, sondern die Leute einfach ausreden lässt, aber auch das Einzelschicksal, das er immer wieder unter die Lupe nimmt. Es sind Geschichten von Vertreibung, Verschleppung, Flucht, Emigration, Asyl, die uns vor allem auch aus heutiger Sicht interessiert haben.“

Pavel Schnabel ist inzwischen ein guter Freund der Galerie. Für seine Langzeitdokumentation "Brüder und Schwestern" kam er immer wieder nach Weimar, unter anderem auch 1990 zu den ersten freien Wahlen in der DDR. Das fiel auch in eine Zeit, in der sich Motz und sein Team stark für das Haus engagieren mussten. Sie hatten das Gebäude 1987 besetzt und wollten es auch behalten. Da kam ihnen ein Film wie „Brüder und Schwestern“ sehr gelegen, weil sie damit auch an die Öffentlichkeit gehen konnten.

Auch finanziell half ihnen Pavel Schnabel zweimal aus der Patsche. So basiert diese Ausstellung nicht nur auf einer künstlerischen und kulturellen Verquickung, sondern es ist eine Seelenverwandtschaft von Schaffensraum zu Schaffensraum entstanden, die in der gesamten Ausstellung zu spüren war.

Viele Menschen in Weimar kennen Pavel Schnabel inzwischen. Er hat dort eine richtiggehende Fan-Gemeinde. Sein Film „Brüder und Schwestern“ wird in regelmäßigen Abständen gezeigt, anlässlich von Jubiläen oder anderen besonderen Ereignissen.

Zur Zeit bemüht sich Frank Motz darum, für die perfekt konzipierte Ausstellung weitere Galerien im Bundesgebiet zu begeistern, denn es wäre wirklich schade, wenn das Gesamtwerk Pavel Schnabels nur dieses eine Mal gezeigt worden wäre.

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