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Die Nostalgie des Augenblicks

Die Nostalgie des Augenblicks
Ein Porträt des in Frankfurt beheimateten Filmemachers und Fotografen Heiko Arendt
Von Gunter Deller

Eine leise Melancholie zieht sich durch das Werk des 1965 geborenen Filmemachers und Fotografen Heiko Arendt. Mitte der 1980er Jahre zog er von Unterfranken zum Studium nach Frankfurt. In dem Super 8-Film „Im Glasgarten“ von 1990 reflektiert er nun über seine prekäre Wohnsituation. Und der plötzliche Tod eines Musikerkollegen der gemeinsamen Hippie-Rockband aus Jugendtagen lassen ihn vermehrt in die ländliche Heimat zurückkehren. Dieses Gefühl von Wehmut über Verluste, aber auch der Wunsch des Bewahrens oder, etwas dem Vergessen zu entreißen, ist bis heute wesentliche Triebfeder seines Schaffens.

Aber zunächst war der Weg nach Frankfurt auch verbunden mit der Entdeckung des Mediums Film, zunächst des Super 8-Formats. Die Materialität des analogen Films scheint die gefilmten Menschen und Dinge bereits mit einer Patina zu überziehen, die hinzugefügte Tonspur zeugt von Arendts feinem Gespür für Musik. Prägend waren in Frankfurt die Filmseminare und regelmäßigen Besuche im Kommunalen Kino. Er begann seine Tätigkeit als Filmvorführer im gerade erst gegründeten Mal Seh’n Kino, später auch im Kino des Filmmuseums und auch als Mitarbeiter des Filmarchivs im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum (DFF) in Wiesbaden.

Mit der handlichen Super 8-Kamera taucht er ein in das turbulente Stadtleben, aber auch in die Rückzugs- und Ruhezonen der Parks. In ruhiger Beobachtung und entschleunigter Montage entfaltet sich der Frankfurter Ostpark als Sammelbecken multikultureller Freizeitgestaltung. Der Günthersburgpark mit seiner Wasserspielanlage erweist sich als Tummelplatz ausgelassen spielender Kinder. Aus diesem Material entstand im Umkopierprozess auf 16mm der Film „In Summer“, ein wirbelnder schwarzweißer Tanz zwischen fotografischer Momentaufnahme und filmischer Bewegung.

Die Zeit scheint angehalten, wir befinden uns in einem schwebenden Zwischenzustand zwischen Ankommen und Abfahren, wie in „Grand Harbour“, dem impressionistischen Kurzporträt einer südeuropäischen Hafenstadt.

In Heiko Arendts Fotografien ist der konzentrierte Blick dann ganz zum Stillstand gekommen, so bewegt und bewegend ihre Motive auch sind. Da gibt es eine Serie großformatiger Porträts, nah dran und in Augenhöhe mit den Menschen entstanden. Für eine Ausstellung des Deutschen Filmmuseums hat er die „Menschen hinter der Kamera“ mal vor die Kamera geholt. Im Museum der Weltkulturen präsentierte er „Stätten der Andacht, Orte der Begegnung“ und entdeckte die teils verborgenen Orte Frankfurter Religionsgemeinschaften.

Das Historische Museum zeigte eine Fotoserie, die den Schauplätzen nachspürt, die der Protagonist aus Orhan Pamuks Roman „Schnee“ in Frankfurt aufsucht. „Transit Frankfurt. Gesichter des Hauptbahnhofs“ porträtiert Menschen, die ebendort leben und arbeiten, aber auch Ankommende und Abreisende.

Das Insistieren aller Fotoarbeiten auf dem Schwarzweiß erzeugt eine zeitlose Präsenz und ermöglicht dynamische Bildkompositionen. Aus einer fotografischen Beschäftigung mit dem Frankfurter Hauptfriedhof heraus entwickelte sich der Film „Post Mortem“, der Mitarbeiter und die Arbeitsabläufe im Krematorium dokumentiert. Ein Film, der sich Zeit nimmt und genau hinschaut, wo man es eigentlich nicht möchte. Was bleibt, wenn dieser letzte Weg gegangen ist und der Körper entsorgt wurde?

„Was bleibt...“ so der Titel des folgenden Films, in dem der Filmemacher an den Ort seines Zivildienstes, einem Seniorenheim, zurückkehrt, wo er 10 Jahre zuvor einer blinden alten Dame aus Büchern vorlas und eine rege Konversation führte, die er auf Super 8 und Tonband aufgezeichnet hatte. Mit einprägsamer Stimme rezitiert die Seniorin Gedichte, eine ausdrucksstarke Erscheinung. Sie ist inzwischen verstorben; zurück bleiben zwei Kisten mit Alben, Schallplatten und Büchern. Auch ihre Pflegerin erinnert sich und zusammen ergibt sich eine nachdenklich stimmende Reflexion über die Unterschiedlichkeit von Erinnerungen vor dem Hintergrund individueller Erfahrungen.

Die Begegnung mit der 1917 geborenen Edeltraud Engelhardt dürfte von ebensolcher Eindrücklichkeit gewesen sein. Nach dem Krieg wurde sie in Frankfurt heimisch und begann in den 1970er Jahren in filigraner Handarbeit Scherenschnittfilme nach Märchenvorlagen anzufertigen. 1997 beobachtete Heiko Arendt sie an ihrem letzten, unvollendet gebliebenen Werk „Münchhausen“.

Von der Rohzeichnung bis zur Bild für Bild millimetergenau animierten Szene verfolgen wir in „Edeltraud Engelhardts Welt der Schatten“ die einzelnen Arbeitsschritte und hören ihre Erläuterungen. Um ihr Werk zu erhalten und als DVD zugänglich zu machen, hat Heiko Arendt zusammen mit den Erben eine Digitalisierung durchführen lassen. In der Folge gab es einige Aufführungen ihrer Filme, einmal sogar mit Live-Musik der Formation The OhOhOhs.

In seinen aktuellen Arbeiten tritt eine Beschäftigung mit der Frankfurter Stadtgeschichte in den Vordergrund, und es ist faszinierend, wie sich dabei Gegenwart und Vergangenheit überlagern. In „Zum Beispiel Frankfurt am Main“ erzählt Lotte-Lu Gerlich-Kirch vom Alltag als junge Frau während des 2.Weltkriegs, vor und nach der Bombardierung. Die Kombination mit aktuellen Stadtbildern, beispielsweise während der Bombenentschärfung 2017, für die ein ganzes Viertel geräumt werden musste, aber auch mit historischem Material, lassen das Bild einer zerstörten Stadt vor Augen entstehen, das noch gar nicht so lange her ist.

Im Zuge der verklärenden historisierenden Altstadtrekonstruktion wird ein wichtiger Beitrag. Geschichte ganz unmittelbar gegenwärtig in dem Film „Julius Meyer. November 1938“, der einen präzisen Erinnerungsbericht des Frankfurter Rechtsanwalts zur Grundlage hat und der auf intensive Weise vom Schauspieler Jochen Nix eingesprochen wird. Hunderte von Juden wurden damals in der Frankfurter Festhalle für den Abtransport in die Konzentrationslager zusammengetrieben und misshandelt. Die heutigen Aufnahmen des Ortes erzeugen im inneren Auge eine starke Präsenz der ungeheuerlichen Ereignisse in der Jetztzeit.

Kurz vor der Fertigstellung steht das Projekt einer Spurensuche nach Ludwig „Lux“ Oswalt, der 1942 als Opfer der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ gewaltsam aus seiner Wohnung in der Bettinastraße geholt und in einem Massentransport von der Frankfurter Großmarkthalle aus in den besetzten Osten deportiert wurde. Ein erschütternder letzter Abschiedsbrief und viele weitere Dokumente und Fotos befinden sich bei der Schauspielerin Ruth Oswalt, der Tochter seines älteren Bruders. Sie lässt in ihren Erzählungen den Lebensweg des Onkels lebendig werden, zusätzlich kommen Experten und Historiker zu Wort, die ergänzende Informationen zur Verfolgung der Frankfurter Juden beitragen.

Geschichte ist kein Abstraktum sondern wird in persönlichen Schicksalen sichtbar, beispielsweise durch geschickte Reinszenierungen von historischen Fotografien. Immer ist es die Nähe zu den Menschen und die Wertschätzung ihrer Einzigartigkeit, die Heiko Arendts Arbeiten auszeichnet. Und immer auch Trauerarbeit und das innige Anliegen, nicht zu vergessen.

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