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Der deutsche Film im Mittelmaß

Der deutsche Film im Mittelmaß
Eine Debatte über die Zukunft des deutschen Films beim Frankfurter Festival Lichter
Von Alexander Jürgs

Der deutsche Film, so das Urteil vieler Beobachter, ist im Mittelmaß gelandet. Ambitionierte Projekte haben kaum noch eine Chance. Filmschaffende fordern deshalb lautstark einen Aufbruch. Die Debatte über die Zukunft des deutschen Films ist voll im Gange, angestoßen vom Frankfurter Festival Lichter mit einem großen Symposium im vorigen Jahr, das in der diesjährigen Filmschau nun fortgesetzt worden ist.

Der Filmjournalist und Kritiker Rüdiger Suchsland sitzt auf einem Klappstuhl, einen Laptop auf dem Schoss, und formuliert, was sich in der deutschen Filmlandschaft ändern muss. „Wir brauchen mehr Geld“, sagt er. Oder: „Wir brauchen mehr Streit, mehr Wettbewerb.“ Oder: „Wir brauchen mehr Lobbyarbeit fürs Autorenkino, für gewagte Filme.“ Und er sagt auch: „Wir müssen darüber streiten, welche Filme wir unseren Kindern zeigen wollen.“

Suchslands Liste ist lang. Sie zeigt, dass ein Aufbruch dringend nötig ist. Die Paneldiskussion, auf der der Filmkritiker seine Thesen vorbringt, versteht sich als Teil dieses Veränderungsprozesses. Eingeladen dazu haben die Macher des Frankfurter „Lichter Filmfests“. Drei Diskussionsrunden unter dem Motto „Zukunft Deutscher Film“ hatten sie für die diesjährige Ausgabe des Festivals auf die Beine gestellt.

In der Runde, in der Rüdiger Suchsland seine Forderungen und Gedanken vorträgt, sitzen auch Vertreter aus der Politik: Hartmut Ebbing, kulturpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der FDP, und Martin Rabanus, Sprecher für Kultur und Medien in der SPD-Fraktion. Von ihnen wollen die Filmschaffenden wissen, wie die gewünschten Veränderungen umgesetzt werden können, welche Chancen sie damit in der Politik haben.

Eine andere Diskussionsrunde beschäftigt sich mit der Lage von Kulturfestivals und anderen Kulturinstitutionen: Welchem Erfolgsdruck sind sie ausgesetzt? Wie finden sie ihren Platz im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Druck und künstlerischer Ambition? In der dritten Runde kommen Regisseure und Regisseurinnen zu Wort. Eingeladen wurden Filmemacher, deren Werke auch in der dazugehörigen Filmreihe „Zukunft Deutscher Film“ laufen, die es geschafft haben, einen Kontrapunkt zum deutschen Durchschnittskino zu setzen.

Denn das ist das große Problem: Gewagtes, Außergewöhnliches und Formatsprengendes hat es in den Kinos, bei den Sendeanstalten und bei der Filmförderung oft allzu schwer. Rüdiger Suchsland nennt ein Beispiel: Andreas Dresens Bio-Pic „Gundermann“. Dresen musste viele Jahre kämpfen und bei unzähligen Bedenkenträgern Überzeugungsarbeit leisten, um das Geld dafür zusammenzubekommen. Nun aber geht der von der Kritik gefeierte Film über den DDR-Liedermacher Gerhard Rüdiger Gundermann als Favorit ins Rennen um den Deutschen Filmpreis: In zehn Kategorien wurde er nominiert.

Mit den drei Diskussionsrunden auf dem Filmfest setzen die „Lichter“-Organisatoren eine Debatte fort, die bereits bei der vorherigen Ausgabe des Festivals, im April 2018, intensiv geführt wurde. Ein Zukunftskongress fand damals im Frankfurter Zoo-Gesellschaftshaus statt, drei Tage lang diskutierte die Branche darüber, was zu tun ist, damit in hiesigen Kinos nicht nur das Mittelmaß eine Chance bekommt.

Die Initialzündung dafür kam von einem Altmeister des deutschen Films: „Heimat“-Regisseur Edgar Reitz, der auch schon zu den Unterzeichnern des „Oberhausener Manifestes“ gehörte, in dem junge Filmemacher bereits 1962 mutig einen radikalen Wandel in der Filmszene forderten. Vier starke Thesen hatte Reitz formuliert. Erstens: Der deutsche Gremienfilm hat ausgedient. Zweitens: Das Fernsehen muss sich vom Kinofilm komplett zurückziehen. Drittens: Wir brauchen das Kino als Ort der Filmkultur. Und schließlich: Wir fordern Filmbildung in allen Schulen.

Ausgehend von Reitz’ Thesen stand am Ende des Kongresses ein Ergebnispapier: die „Frankfurter Positionen“, ein Katalog aus Forderungen und Ideen, der nicht als festes Regelwerk, sondern als Impulsgeber verstanden werden soll (nachzulesen auf www.zukunft-deutscher-film.de). Nicht jeder, der damals dabei war, wird wohl jeden Punkt der „Frankfurter Positionen“ uneingeschränkt unterstützen, doch dass ein Wandel unabdingbar ist, ist längst gemeinsamer Nenner.

Die Diskussion wird mittlerweile breit geführt, nicht nur in Frankfurt, sondern auch beim Filmfest und beim DOK.fest in München, bei den Hofer Filmtagen, auf der Berlinale in Berlin. Und sie wird sicherlich weitergehen.

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