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Kultur für alle

Kultur für alle

Gedenkrede zum Tode des bedeutenden Frankfurter Kulturpolitikers Hilmar Hoffmann

Von Ina Hartwig*

Wir erinnern heute an einen großen Mann. Nicht nur die beeindruckende, olympische Gestalt Hilmar Hoffmanns war groß – auch seine Visionen und seine Durchsetzungskraft waren es.

Das Museumsufer Frankfurt, auf das wir so stolz sind und das weit über die Stadt hinausstrahlt, es würde ohne Hilmar Hoffmann nicht existieren. Allein 15 Museen wurden in seiner 20-jährigen Amtszeit als Frankfurter Kulturdezernent eröffnet. 1,4 Milliarden Mark seien seinerzeit in die Kultur geflossen, heißt es. Hoffmann hatte eben nicht nur Ideen, er wusste sie auch zu finanzieren; und der begnadete Geldeintreiber setzte dabei nicht allein seinen erfahrungsgesättigten Verstand ein, sondern in erheblichem Maße auch seinen Charme, dem wenige sich entziehen konnten.

Ich gebe zu, auch ich konnte mich seinem Charme nicht entziehen, als ich ihn im Sommer vor zwei Jahren persönlich kennenlernen durfte in seiner Oberräder Schreibstube. Er sollte, leider nur noch für eine kurze Zeit, zu einem verlässlichen Berater und Unterstützer im Hintergrund werden. Zum legendären Charme und dem legendären Selbstbewusstsein kam noch etwas hinzu, das mich vor allem berührte: eine Zartheit der Seele, die ich so nicht erwartet hatte. Nach all den Erfolgen, Ehrungen und trotz seines einschüchternden Ruhms, saß dort ein nahbarer, aufmerksamer Mann, dem nichts gleichgültig war und der noch mit über neunzig regen Anteil nahm am politischen Geschehen seiner Wahlheimatstadt Frankfurt.

Zu den Umständen, unter denen Hilmar Hoffmann seine wegweisende Kulturpolitik entfalten konnte, gehörte sein ausgezeichnetes Verhältnis zum städtischen Kämmerer, der nicht einmal seiner Partei angehörte. Ihn vermochte er davon zu überzeugen, dass Kulturförderung keineswegs eine freiwillige Aufgabe ist, sondern dass sie sich rechnet: „Der Kämmerer gibt den Künsten, was er aufgrund ihres gesellschaftlichen Nutzens langfristig im Sozialhaushalt wird einsparen können!“ schrieb er in „Kultur für morgen“.

Auf diesen Schachzug muss man erst einmal kommen: Kultur vermindert Sozialausgaben! Das war irgendwie genial und entsprach natürlich ein Stückweit dem Zeitgeist, der unser Land und ganz besonders Frankfurt bis heute so lebenswert und es auch erfolgreich macht. Denn „Kultur für alle“, diese berühmt gewordene Forderung eines alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen ansprechenden Kulturangebotes musste in der Aufbruchsstimmung der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erfunden werden.

Ich bin mir sicher, dass Hilmar Hoffmann auch deshalb so mitreißend wirkte, weil ihm die Freiheit der Kunst heilig war. Und weil er in der Kunst ein das menschliche Leben bereicherndes Element sah. Als drittes kam hinzu: Hoffmann war an den Veränderungsmöglichkeiten von Kunst interessiert – sie sollte nicht statisch sein, nicht kanonbeflissen, nicht biedermeierlich; es sollte vorangehen im Geist des Experiments und der Avantgarde und der Öffnung und der Emanzipation.

Wie wir wissen, hatte Hilmar Hoffmann in Walter Wallmann einen Oberbürgermeister an seiner Seite, der sich ganz der Maxime verpflichtet fühlte, nach der „Kulturpolitik das wichtigste Ferment der Kommunalpolitik“ sei. Parteiübergreifendes Netzwerken entsprach dem Geschick beider Männer.

Und doch ist auch dies wahr: Wenn Hilmar Hoffmann zwar selten explizit Parteipolitik machte, so war er doch ein Linker, ja, er war – bei aller Einzigartigkeit – durchaus ein typischer Sozialdemokrat seiner Generation, also der Kriegsgeneration; einer Generation, die ihre demokratischen Überzeugungen auf dem Trümmerhaufen der eigenen Biografie und der Geschichte errichtet haben. Typisch für diese Generation scheint mir auch zu sein, dass sie aus der Traumatisierung heraus eine erstaunliche Schaffenskraft mobilisieren konnte.

Hilmar Hoffmann, dessen Tod uns immer noch tief erschüttert, war Jahrgang 1925. 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, machte er achtzehnjährig Abitur und trat in die NSDAP ein. Eine Woche später begann er seinen Kriegsdienst bei den Fallschirmjägern. Er war als junger Mann ein begeisterter Nationalsozialist und er hat das nie verheimlicht. Und er hat aus diesem katastrophalen Irrtum Schlüsse gezogen – für die Kunst, für die Kultur, auch für die Gesellschaft, in der er leben wollte.

So hat er hier an diesem Ort, am Schauspiel Frankfurt, in den 1970er Jahren ein Mitbestimmungsmodell eingeführt: Der „autoritäre“ Intendantenposten wurde abgeschafft, Entscheidungen fällte ein Dreierdirektorium aus einem Regisseur, einem Bühnenbildner und einem Schauspieler, die sich an die Beschlüsse der Vollversammlung halten mussten.

Ich habe davon gesprochen, dass beides typisch sei für die Generation Hilmar Hoffmanns, nämlich die enorme Kraft, aber vor dem Hintergrund des biografischen Bruchs. Hilmar Hoffmann, dem ein afroamerikanischer GI geholfen hatte, als er in der Normandie verwundet worden war, und der dann in der Kriegsgefangenschaft Englisch lernen konnte: Er hat die richtigen Schlüsse aus dem erlebten Zivilisationsbruch gezogen.

Mein Bild einer modernen, sich ihrer Verantwortung stellenden, aber auch einer lebensfrohen, neugierigen, sich anderen Kulturen öffnenden Bundesrepublik ist geprägt worden von Männern wie Hilmar Hoffmann. Dafür bin ich unendlich dankbar, und ich bin sicher, ich spreche für viele andere mit. Nun kommt es darauf an, dieses Erbe nicht nur einfach zu bewahren, sondern zu retten und fortzuführen.

Hilmar Hoffmanns mutiger Optimismus soll weiterhin die Leitlinie sein in einer sich wandelnden Welt; einer Welt, die von einer höchst beunruhigenden Identitätskrise erschüttert wird, bei der man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, alte Gespenster kämen wieder über uns. Ist der aufbrechende Hass die Wiederkehr des Verdrängten – oder eine neue Qualität der Feindschaft, der Spaltung, der Abwehr gegen das Andere? Wir wissen es noch nicht.

Aber so viel ist sicher: Mehr denn je kommt es darauf an, das Nichtidentische zuzulassen und zu akzeptieren. Es kommt darauf an wiederzuentdecken, dass wir nie ganz mit uns selbst identisch sind. Denn der Andere ist immer schon Teil unserer selbst. Jeder Einzelne ist für sich bereits eine Vielheit. Wenn eine Gesellschaft offen ist, für alle da ist, können sich diese Vielheiten fruchtbar ergänzen. Die Kunst und die Kultur können dabei helfen, diese wichtige Botschaft der Moderne nicht zu vergessen.

In diesem Sinne verneige ich mich vor Hilmar Hoffmanns Vermächtnis.

* Abdruck der Rede, die Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig anlässlich der Gedenkveranstaltung zum Tod von Hilmar Hoffmann am 21. August im Schauspiel Frankfurt gehalten hat.

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