| Ein Portät des Filmemachers und Fotografen Gunter Deller von Martin Loew Gunter Deller ist ein vielbeschäftigter Mensch: Filmemacher und Fotograf, Programmgestalter im Kino "Mal seh´n" im Frankfurter Nordend, Vorführer im Kino "Orfeo´s Erben" und immer wieder auf internationalen Filmfestivals, in Mannheim - Heidelberg, Wien und - aus persönlicher Verbundenheit - in Weiterstadt. Das Interesse für Film ist bei ihm nicht durch die Vorstufe des intensiven Kinobesuchs geprägt. In ländlicher Region aufgewachsen, spielte Kino keine große Rolle. Drei Jahre besucht er ein katholisches Internat in Bayern, wo Fernsehen und Kinobesuche zudem stark reglementiert waren. Die Schüler durften Filmwünsche einreichen - der Rektor entschied, was gesehen wurde. Ein Film pro Woche. Gunter Deller machte viele Vorschläge. 1978 wechselte er dann auf eine Gesamtschule in Hessen und kaufte sich - 15 Jahre alt war er da - von seinem ersten selbstverdienten Geld eine Super-8-Kamera. Eine ungewöhnliche Art, die neugewonnene Freiheit zu erkunden. Die ersten filmischen Gehversuche wurden gemeinsam mit einem Jugendfreund unternommen. Drehbücher und Storyboards wurden entworfen, Szenen ausgearbeitet, Kameraeinstellungen geprobt. Nach ersten technischen Schwierigkeiten entstehen Filme wie "Blütenbesucher" und "Geistreich". Aber schon bald wurde das Spiel mit Situationen und Motiven wichtiger als das Erzählen einer linearen Geschichte. Das zwischen 1983 und 1987 realisierte Psychodelic-Road Movie "Traumfahrt Magic Bus" beginnt zwar zunächst als Story einer Clique von Hippies, die Omas Haus erben und dort einziehen wollen, wechselt aber im Verlauf des Films auf eine Traum- oder Rauschebene, bei der Deller alle Tricks, die mit S-8 überhaupt möglich sind, ausprobiert hat. Montage und Schnitt, die Überblendungen und Verfremdungen greifen, was die technischen Fertigkeiten angeht, seinen späteren Filmen voraus und stellen die Darstellungen der Drogentrips noch aus Filmen wie "Der Höllentrip" oder "Easy Rider" in den Schatten. 1987 zieht er nach Frankfurt. Hier entsteht der Film "Kein Mensch, der / Keine Stätte, wo", der bis heute bei der Landesbildstelle im Verleih ist und der in seiner existenzialistisch angehauchten Konfrontation mit der Stadt bereits als Prototyp der späteren Werke angesehen werden kann. 1988 beginnt seine Tätigkeit als Vorführer im "Mal seh´n", seit 1989 zusätzlich im "Orfeo". "1989 war ein entscheidendes Jahr", sagt Gunter Deller. Seine Bewerbung für die Filmklasse der Städelschule wurde zwar abgelehnt, aber den Kontakt und die Auseinandersetzung mit dem Leiter der Städelschen Filmklasse Kubelka empfindet er noch heute als eine große Erfahrung. Noch im selben Jahr drehte er den Film "Räume", der später auf der Frankfurter Filmschau mit großem Erfolg gezeigt wurde. Dann kam - zusammen mit den Filmemachern Andrzej Klamt, Vladimir Majdanzic, Ingo Behring und Luke McBain - die Gründung der Filmgruppe "Halbtotal", die eine Reihe von Tourneen organisierte und mit einem Kurz- und Experimentalfilmprogramm an die Öffentlichkeit trat - teilweise mit Piratenaktionen wie jener, als nach Ablauf des normalen Open-Air-Kino-Programms am Main schnell der Super-8-Projektor aufgebaut und die große Leinwand für das vergleichsweise winzige S-8-Bild genutzt wurde. Ebenfalls 1989 dann die Zulassung zum Studium an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, mit dem späteren Schwerpunkt Film, zunächst bei Urs Breitenstein, später bei Helmut Herbst. "Die solide handwerkliche Ausbildung bei großer stilistischer Freiheit" war es, die er dort schätzen lernte. Film zu begreifen als Projektion von veränderlichen Licht- und Farbintensitäten, in einer zeitlich-metrischen Struktur und zum anderen die Kombination unterschiedlicher Bildebenen durch Mehrfachbelichtungen, Einkopierungen oder Einzelbildmontagen, das sind die zwei zentralen Punkte seiner Arbeiten. Beide Techniken verfolgt er mit der Absicht, "visuelle Erkundungen städtischer Räume zu unternehmen und in eine Art innere halluzinatorische Landschaft zu verwandeln". So werden nächtlich illuminierte Imbißbuden zu Südseeinseln ("Inseln"), die Straßen Frankfurts zu Traumpfaden, zu "anderen Orten", nüchterne Betonarchitekturen verschachteln sich flickernd zu illusionären Zwischenräumen ("Fluchten") oder orientalische Reiserinnerungen werden von exotischen Kindheitsbildern überlagert ("Von hier aus"). Sein zweiter Schwerpunkt, die Fotografie, die er an der HfG im Nebenfach bei Clemens Mitscher studierte, öffnet ihm die Augen für städtisches Leben, führt zu fotografischem Sehen beim Film und verleitet zum "Sammeln" von Bildern: Es ist die Abkehr vom streng formalistischen, strukturellen Vorgehen. Zwischen 1995 und 1999 macht Deller fast nur Fotoarbeiten. Es folgen Ausstellungen in Zusammenhang mit der Fotoklasse der HfG und in Zusammenarbeit mit Kunst FFM. Besonders beeindruckend ist seine Dia-Installation, bei der sechs in einem weißen Gazezelt aufgebaute, timergesteuerte Projektoren die Zeltwände in einen Reigen von Bildern verwandeln. Es ist der sich ständig verändernde Kontext und die gegenseitige Beeinflussung, die aus den einzelnen Alltagsszenen eine Welt im Kopf des Betrachters entstehen läßt, die in ihrem Rhythmus dichterische Kraft entfaltet. Ein Fotobuch ist in Planung.
Auftrieb nach längerer Pause von der Filmtätigkeit kam durch den Auftrag, beim Eisler-Projekt "Winterspruch" mitzuwirken und für das Lied "Im Blumengarten" einen Film zu machen. Das Strukturieren der Bilder anhand der bereits fertigen Musik sei eine Herausforderung gewesen. Die Kooperation mit dem Musiker Marcel Daemgen setzt sich in "Schattengrenze", Dellers Diplomfilm, fort."Schattengrenze" wurde von der strandfilm Produktions GmbH produziert und gerade die Zusammenarbeit mit Dieter Reifarth, so Deller, sei ihm immer wieder Ansporn gewesen. Der Film erhielt gerade auf dem 16. Internationalen Kurz-Film-Festival in Hamburg eine lobende Erwähnung. Seit 1997 macht Deller das Programm des Kinos "Mal seh´n", anfangs aus Gefälligkeit dem damaligen Pächter gegenüber, bald als full-time-Job, unterbrochen von Pausen, wenn das Studium und die Filmarbeit zu viel Zeit in Anspruch nahmen. Seit das Kino im Mai 1999 wieder vom Verein geleitet wird, ist er als Mitglied des Vorstandes gemeinsam mit Ariane Hofmann für das Programm zuständig. Er will beim Publikum ein Bewußtsein für Filme jenseits des Mainstream wecken und das schon mehrfach totgesagte "Mal seh´n", lange Zeit das einzige Programmkino im Frankfurter Stadtgebiet, fest in der Frankfurter Kinoszene etablieren. Mit einer Mischung aus Erstaufführungen, Wiederaufführungen und das Nachspielen von Filmen, die zu kurz in Frankfurt gezeigt wurden, soll dies erreicht werden. Er empfindet es als befriedigend, ein gutes Programm zu gestalten. Gleichzeitig vermittelt ihm die Tätigkeit im Kino die Realität zum Filmmarkt. Experimentalfilme, der Schwerpunkt seiner künstlerischen Tätigkeit, kommen in diesem Programm selten vor. "Das Publikum ist ein anderes geworden", sagt Deller. Noch 1990 zog das "Halbtotal"-Filmprogramm an einem Wochenende mehr als hundert Besucher ins "Mal seh´n", mittlerweile sind solche Besucherzahlen undenkbar. Aber wer weiß. Das Filmhaus wird im Herbst einen Abend mit Filmen von Gunter Deller im Kino "Mal seh´n" organisieren. Vielleicht werden es wieder so viele. FILMOGRAFIE (Auswahl): "Blütenbesucher", 12 min, S-8, Farbe, 1979 "Traumfahrt - Magic Bus" , 94 min, S-8, Farbe, 1983 - 87 "Kein Mensch, der / Keine Stätte, wo" , 12 min, S-8, Farbe, 1987/88 "Closer", 6 min, S-8, Farbe, 1988 "Räume", 6 min, S-8, Blow up 16 mm, Farbe, 1989 "Skizzen", 12 min, S-8, Farbe, 1990 - 92 "Fluchten", 5 min, 16mm, s/w, 1993 "Inseln", 4 min, 16mm, s/w, 1994 "Andere Orte" , 8 min, 16mm, s/w, 1994 "Von hier aus" , 8 min, 16mm, Farbe, 1995 "Im Blumengarten" (Teil des Eisler-Projekts "Winterspruch"), 2 min, 16mm, Farbe, 1999 "Schattengrenze", 9 min, 16mm, s/w, 1999 "Der Blick ins Freie" , von Heiko Arendt für das Filmhaus Frankfurt organisiert, stellte 1993 im "Mal seh´n" ein Programm mit Filmen von Gunter Deller vor. "Besäß' ich Gut und Geld der Welt Rückt ich's nicht raus für ´ne Rolex ganz ohne Sinn gäb ich es hin für'n Film aus Gunter Dellers Bolex" R.F.
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