| rheinmaintv und hr schicken im Wettlauf um die besten Gechichten VJ's ins Rennen Von Alexander Scherer Deutschland ist im Superlativen-Fieber. Ob Superstars oder Elite-Unis, auf der Suche nach der selig machenden Wende ist bald jedes Mittel bzw. jede noch so absurde Idee recht. Rettung jedoch scheint kaum in Sicht. Selbst das Fernsehen, des Deutschen zweitliebstes Kind, muss sparen. Zwar wurde für das Jahr 2005 eine Erhöhung der Rundfunkgebühren empfohlen, aber die geplanten 1,09 Euro liegen weit hinter den Erwartungen von ARD und ZDF zurück, die sich nach wie vor gezwungen sehen, weiter einzusparen. Seit längerem wird von politischer Seite gefordert, dass die Anstalten nicht nur sparen, sondern auch Strukturreformen zulassen sollen. Wollen die Sender, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, trotz ihrer finanziellen Zwänge, den Kampf um den Zuschauer nicht verlieren, müssen sie flexibel bleiben. Alternativen müssen her, und es gibt sie: Die Geheimwaffe lautet Videojournalismus. Doch was genau verbirgt sich dahinter? War früher für aktuelle Berichterstattung ein Team, bestehend aus Autor / Regisseur, Kameramann, Kameraassistent sowie Cutter, üblich, so erledigt der Videojournalist heute alle diese Jobs in Personalunion. Sicher keine leichte Aufgabe. Aber eine, die im Fernsehen nicht ganz unbekannt ist - arbeiten doch viele Nachrichtenagenturen und Zulieferfirmen schon seit Jahren auf dieser Basis. Mittlerweile hat der Entwicklungsschub in der DV-Technik leistungsstarke Kameras wie auch leicht zu bedienende non-lineare Schnittsysteme für PCs hervorgebracht. Nun will der Hessische Rundfunk unter den öffentlich-rechtlichen Sendern die Vorreiterrolle übernehmen und lässt neuerdings regelmäßig VJ-Produktionen in seinen Programmen laufen. Begonnen hatte man vor zwei Jahren, als man auf die schon durch den BR 1994 erprobte Idee einstieg, die Regionalkorrespondenten mit kompakten DV-Kameras auszurüsten, um nicht nur O-Töne, sondern auch aktuelle Bilder zu bekommen. Nach einer intensiven Schulungs- und Testphase gibt es beim hr jetzt 20 Videoreporter, die nicht nur drehen, sondern das Material auch selbst schneiden. Sie liefern Beiträge für Hessen aktuell, Hessenschau, Hessentipps und Maintower. Parallel dazu fanden erste Testreihen im Frankfurter Funkhaus statt, um auch die aktuelle Berichterstattung vor Ort mit Videoreportern zu betreiben. Daraus hat der HR jetzt eine "DV-Strategie" entwickelt, die die Umstellung der aktuellen News-Akquise auf DV-Kameras und das Pilotprojekt Videojournalismus vorsieht. Zunächst musste noch Überzeugungsarbeit im Sender geleistet werden, was natürlich politisch heikel gewesen sei, wie Bettina Schmidt-Matthiesen und Bernd Kliebhan, Koordinatoren des VJ-Projektes einräumen. Von Anfang an habe man daher auf Transparenz gesetzt und mit allen Beteiligten ausführlich gesprochen. Danach durften 10 Fernsehredaktionen, vor allem aus dem aktuellen Bereich, 30 Leute auswählen, darunter hauptsächlich Redakteure aber auch Kameraleute und Cutter. Für die Konzeption und Durchführung der Ausbildung hatte man niemand geringeres als den „Guru“ des Ein-Mann-Fernsehens Michael Rosenblum als Trainer verpflichtet, der auch für die BBC die VJ-Ausbildung übernommen hat. Ausgestattet mit einem aufwendigeren Equipment und begleitet von einer Mentorengruppe ging es September 2003 in ein sogenanntes "Bootcamp", in dem die Trainees ein dreiwöchiges Intensivtraining erhielten. Am Ende sollten sie vollständige Beiträge produzieren können. Mittlerweile sind die Trainees wieder in die Redaktionen zurückgekehrt und befinden sich jetzt in einer Testphase mit Betreuung, in der sie bis Juni 2004 Erfahrungen sammeln sollen. Bisher werden die Erwartungen offenbar noch übertroffen: 90 - 95 Prozent des Materials seien sendefähig erklärt Kliebhan stolz. Trotzdem will man keine eins zu eins Vergleiche mit der konventionellen Produktion. Ebenso will man nicht alles umstellen, sondern VJ’s sinnvoll einsetzen, um das Programm zu ergänzen. Neue Sendungen wie CT, das Computermagazin, zum Beispiel wären ohne VJ’s gar nicht finanzierbar gewesen. Optimierung statt Maximierung lautet das neue Credo und in der Tat wird die Arbeit des Hessischen Rundfunks innerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems wachsam verfolgt. Von Nasenrümpfen über teilnahmsloses Schulternzucken bis zu interessiertem Nachfragen reiche das Spektrum an Reaktionen, so die Verantwortlichen. Aber auch hier will man auf Transparenz setzen und hofft, dass das HR-Beispiel das Eis in der ARD bricht und die Ausbildung institutionalisiert. Doch der hr steht nicht mehr allein auf hessischer Flur: Seit Oktober 2003 sendet aus Bad Homburg das neue Ballungsraumfernsehen rheinmaintv. Hier wird, ausgenommen Sportübertragungen, Studioproduktion oder Zulieferungen, die redaktionelle Arbeit komplett mit Videojournalisten bestritten. Dies könne nur funktionieren, weil man gleichzeitig in neue Aufnahme- und Produktionsverfahren investiert habe, so Johannes Friedel, Leiter der Produktion und Technik bei RMTV. Die VJ's spielen ihr fertiges Material direkt auf einen Server, der 300 Stunden Speicherkapazität und eine unterbrechungsfreie Stromversorgung besitzt. Den klassischen MAZ-Betrieb mit analogen Bändern gibt es bei rheinmaintv nicht. Von Aufnahme über Produktion bis zur Sendung und Archivierung läuft alles digital. 16 Volontäre befinden sich zur Zeit im Traineeprogramm zum VJ. Für die Zukunft sind neben der aktuellen Berichterstattung noch eine Reihe von Formaten geplant, von Bildungsformaten über Kulturhistorie bis zu Automagazinen. Man denkt sogar an eine Art Journalistenschule, vielleicht zusammen mit dem hr. Ob der allerdings mitspielen will, ist fraglich, denn rmtv wird als ernst zu nehmender Konkurrent gesehen. Rheinmaintv sieht sich eher als Ergänzung, als Sender für die Region. "Wir wollen keinen Blut- und Sperma-Journalismus" betont Oliver Dütschke, Chefredakteur von rmtv. Man wolle den Zuschauern Lebenshilfe anbieten können und ein Forum für die Meinungsvielfalt sein, sprich ein Fernsehen ganz nah für die Bürger produzieren. Im Videojournalismus sieht man daher die ideale Produktionsform, um dieses Versprechen einzulösen. Keine Frage, was hr und rmtv mit ihren VJ's jetzt starten, ist spannend und lässt viel für die Zukunft erwarten. Kündigt sich hier vielleicht das ersehnte Superfernsehen, ja gar die digitale Revolution an? Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten und gerade der Videojournalismus steht im Kreuzfeuer der Kritik: Man sieht in ihm nicht nur einen Jobkiller, da die Sender weniger Teams und Schnittplätze anmieten müssen, sondern befürchtet auch, dass die Qualität der Programme leidet. Um das zu vermeiden, arbeiten beim hr die Trainees zur Hälfte als VJ, zur anderen Hälfte im klassischen 3 Mann-Team. Bei rmtv setzt man auf ein Rotationsverfahren, bei dem die VJ’s nicht ständig im aktuellen Schwerpunkt, sondern auch in anderen Redaktionen eingesetzt werden. Vor allem setzen beide Sender aber auf eine intensive, durch Mentoren gestützte Betreuung ihrer angehenden Videojournalisten. Dennoch kann der VJ nicht alles ersetzen, denn auch in Zukunft wird es die Nachfrage nach Produktionen geben, die bedingt durch technischen Anspruch und Zielsetzung nur im Team herstellbar sind. Richtig eingesetzt, kann der Videojournalismus aber eine Komplettierung des Programmangebotes bedeuten. Zudem können schneller Dinge erprobt werden. Das finanzielle Risiko ist gering, Fehlversuche, die einen nicht zu unterschätzenden Lerneffekt haben, sind eher erlaubt. Für den Nachwuchs bedeutet diese Entwicklung eine echte Chance. Doch auf Dauer kann der Videojournalismus nur dann ein Erfolg werden, wenn er nicht ausschließlich zur Kostenersparnis genutzt wird, sondern seine Vorteile ausspielen kann. Wenn die VJ’s die nötige Zeit und Unterstützung erhalten, um sauber und gut zu arbeiten, könnte es vielleicht wieder ein Fernsehwunderland geben, in dem seine Macher nicht aus Angst vor Neuem erstarren, sondern etwas wagen wollen und dürfen. Ansonsten müssen wir die alten Container-Konzepte - Der Bachelor, Dschungelshow, Superstars - weiter ertragen und auch die nächste Staffel "Deutschland sucht - verzweifelt - das Superfernsehen" anschauen.
zurück zur Übersicht (dummy) |