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Von der Pflicht zur Kür

Zum Sendestart von rheinmaintv
Von Dieter Brockmeyer

Der neue Fernsehkanal rheinmaintv hat das geschafft, was ihm viele nicht so recht zutrauen wollten: Den Termin für den Sendestart am 27. Oktober letzten Jahres auch einzuhalten. Seitdem, so belegen erste erhobene Zuschauerzahlen, erfreut sich das neue regionale Angebot wachsender Beliebtheit. Doch, und da sind sich alle Beteiligten einig, jetzt fängt die Arbeit eigentlich erst an.

Ein erstes Highlight, das den Sender gut eine Woche später so richtig beim Publikum anbringen sollte, war auch gleich Programm und das in doppelter Hinsicht. An das 25jährige Bühnenjubiläum der regionalen Altkultband Rodgau Monotones hatte sich der findige Neusender angehängt, und hatte somit gleich eine Kundenveranstaltung von wahrhaft regionaler Bedeutung. „Das ist im Prinzip genau das, was wir wollen, zusammen mit den Machern aus der Region für die Region da sein“, so die Zusammenfassung von rheinmaintv-Geschäftsführer Ralph Bibo.

Dabei hat der Termin tatsächlich auf der Kippe gestanden, wenn auch aus rein technischen Gründen, wie Bibo betont. Die vollautomatisierte Sendeabwicklung, die in dieser konsequenten Konfiguration weltweit so zum ersten Mal eingesetzt wird und die Kosten auf ein Niveau senkt, auf dem bisher nur Hörfunk gemacht werden konnte, funktionierte lange nicht so, wie sie sollte und wurde kurzfristig noch einmal ausgetauscht. Der Einbau war sekundengenau gerade erst zum Sendestart abgeschlossen worden und konnte insofern nur ungetestet zur ersten Sendung an den Start gehen. Als Folge stimmten die Übergänge nicht, der Bildschirm wurde plötzlich schwarz oder der Ton hatte ein Knacken. „Ich kenne niemand, der sich auf ein solches Experiment eingelassen hätte. Aber wir hatten keine andere Wahl“, erinnert sich Bibo. Inzwischen mausert sich die neue Technik zu einem echten internationalen Showcase. So habe man unter anderem bereits einen Sender aus Japan zu Besuch gehabt, der sich die Konfiguration im Betrieb habe ansehen wollen, freut sich der Geschäftsführer.

Unter diesen Prämissen muss man feststellen, dass dann alles doch vergleichsweise glatt ging. Die technischen Probleme bekam man sukzessive innerhalb der nächsten beiden Wochen in den Griff. Und dass die Entscheidung, den Termin nicht zu verschieben, wahrscheinlich richtig war, zeigt sich an der Pressereaktion zum Sendeauftakt: Akribische Fehlerprotokolle, denen man eine gewisse Genüsslichkeit kaum absprechen konnte, fanden sich unter anderem in der Frankfurter Rundschau. Da war etwa von „Volontärsfernsehen“, die Rede, weil die Redakteure des Senders erst auf das völlig neue Konzept trainiert werden mussten, ihre Beiträge als sogenannte Videojournalisten vollkommen eigenständig zu erstellen, von Kamera über Schnitt bis Tonmischung.

Was die Kritik dabei offensichtlich übersehen wollte: Die eingesetzten Redakteure haben bereits langjährige Medienerfahrung, einige arbeiteten unter anderem bereits für etwa CNN in den USA. Bibo findet trotzdem einen positiven Aspekt in diesen Attacken: „Alle haben sich nur an diesen technischen Fehlern aufgehängt, die, wenn man andere Sender so genau unter die Lupe nehmen würde, selbst dort passieren würden. Es hat nie jemand behauptet, dass unsere Programme schlecht sind. Wir scheinen da also etwas richtig gemacht zu haben.“

Und wieder geben ihm die ersten Zahlen, die von dem renommierten internationalen Werbeforschungsinstitut Nielsen errechnet wurden, recht. In den ersten vier Wochen zogen die Zuschauerzahlen kontinuierlich an und lagen am Ende des Erhebungszeitraums bei etwa 411.000 Zuschauern in der Woche, was einem Schnitt von etwa 58.000 am Tag entspricht. Damit lag die durchschnittliche Zuschauerzahl bereits nach einem knappen Monat deutlich höher, als die im Business Plan angesetzte Größe von 30 000. Grund für das gute Abschneiden ist sicher auch, dass entgegen der ursprünglichen Planung der Sender bereits beim Sendestart auf dem digitalen ASTRA Satelliten aufgeschaltet wurde und somit in ganz Deutschland und Europa frei zu empfangen ist. Rund 10 Prozent der Zuschauer schauen bereits über Satellit.

Das Marktforschungsinstitut Nielsen sorgt dafür, dass rheinmaintv auch weiterhin regelmäßig mit den eigenen Nutzungsdaten präsent sein wird. Das ist auch nötig! Die Werbewirtschaft will überzeugt werden. Und Nischenangebote haben es, gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten, erwiesenermaßen besonders schwer. Neben der schleppenden Konjunktur muss auch gegen das im Vorfeld schlechtgeredete Image angegangen werden. Das Szenario mit öffentlich vorgetragenen Argumenten gegen den Ballungsraumsender gleicht dem vor der Einführung des kommerziellen Hörfunksenders FFH. Auch damals gab es mit den Zeitungsverlegern eine um die Lizenz konkurrierende Gruppierung. Erst als die Weichen für den kommerziellen Hörfunk gestellt waren und die Verleger an dem Projekt beteiligt wurden, änderte sich die öffentliche Diskussion. Auch beim Ballungsraum-TV waren die Verleger mit einem eigenen Lizenzantrag angetreten und nahmen die Lizenzvergabe an das konkurrierende rheinmainkonsortium schließlich nur deshalb klaglos hin, weil die einsetzende Flaute in der Werbebranche eine Konzentration auf das Kerngeschäft nahe legte. Umso unwillkommener ist jetzt freilich die zusätzliche Konkurrenz um Werbekunden.

Darüber hinaus macht das allgemeine Image, dem das Ballungsraumfernsehen unterliegt, es leicht, Zweifel zu schüren. Das Genre gilt als extrem unprofitabel. Ein Eindruck, der durch Insolvenzen der letzten Jahre, wie beispielsweise der drei großen Ballungsraumsender der Kirch-Gruppe in Hamburg, Berlin und München, noch gemehrt wurde. Dabei wird übersehen, dass Kirchs primäres Interesse nicht die Profitabilität der Sender war, sondern vielmehr weitere Absatzkanäle für seine Lizenzserien zu schaffen. Und auch das Baden Württemberger BTV lässt sich kaum als Beleg für mangelnde Zukunftsaussichten heranziehen, denn die Lokalangebote waren solange profitabel, bis man dort auf die Idee kam, sich zum bundesweiten TV-Anbieter weiterentwickeln zu wollen. Kleine, außerhalb ihres Sendebereichs kaum wahrgenommene, Lokalsender hingegen schlagen sich recht wacker.

So ist es auch unbestritten, dass es sich auf diesem Feld entscheiden wird, wie lange es rheinmaintv in dieser Form geben wird. Die ersten Zahlen seien positiv, betont Bibo. Man habe schon in den beiden Monaten nach Sendebeginn etwa doppelt so viel eingenommen wie geplant. „Es gibt aber keine Garantie dafür, dass es so weitergeht“, gibt sich der Regional-TV-Macher betont realistisch. Der Blick auf rheinmaintv bleibt also weiter spannend.

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