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Virtual Reality - Real Virtuality

Ein Porträt der Filmemacherin und Medienkünstlerin Rotraut Pape

Von Gunter Deller

Rotraut Pape - seit 2001 Professorin an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach - freut sich. Ihrem Fachbreich Film und Video wurde gerade eine beachtliche Summe zuerkannt: "Endlich ein Etat, mit dem dringend notwendige Anschaffungen wie elektronische Schnittplätze und Kameras möglich sind." Denn längst haben auch hier die digitalen Medien Einzug gehalten. Dennoch werden die Filmanfänger weiter in der traditionellen Technik des 16mm-Films geschult. Auch wenn am Ende ein Video herauskommt, so zeigt sich in den studentischen Arbeiten diese grundlegende Materialkenntnis im gleichberechtigten Einsatz von digitalem Video, Computeranimation, 16mm- und dem Super-8 Film. Das Ziel sei eben der interdisziplinäre Umgang mit den medialen Möglichkeiten zwischen analog und digital, der auch den künstlerischen Werdegang von Rotraut Pape bestimmt und sicherlich mit zu ihrer Berufung an die HfG beigetragen hat – an eine Hochschule, die sich seit jeher in guter Bauhaus-Tradition einer Vernetzung der Künste verpflichtet fühlt.

Als die waschechte Berlinerin 1975 an die Kunsthochschule Hamburg kam, saß sie monatelang vor einer weißen Leinwand, bis ihr klar wurde, dass ihrem Interesse an Bewegung und Veränderung in der Zeit nur mit dem bewegten Bild beizukommen war. Video steckte damals noch in den Kinderschuhen, die Geräte waren unhandlich und saubere Schnitte fast unmöglich. Pape nutzte deshalb zunächst das Medium als realtime-Aufzeichnungsgerät für minimalistische Rauminszenierungen, begann aber parallel, sich auf 16mm die Finger wund zu schneiden. Im kurzen Video "90° in Berlin" (1977) und dem langen 16mm-Film "90°" (1980) wurde die gesamte Wohnungseinrichtung an die Wand genagelt und mit gekippter Kamera aufgenommen; im Video "Lover Man" (1977) und im Film "Souterrain" (1978) wird durch veränderliche Spiegelarrangements eine Wohnung durchmessen, ohne dass sich die Kamera selbst bewegt hätte. Diese frühen Arbeiten hinterfragen unsere Wahrnehmung, sie stellen Ordnungen auf den Kopf und sind gedacht als "Rekonstruktionen von Denkprozessen".

Der Zusammenbruch von Ordnung findet seine exzessive Darstellung in "Flieger dürfen keine Angst haben" (1984), der, wie auch andere ihrer 16mm Filme, auf der Berlinale präsentiert wurde: Ein einstürzendes übervolles Wandregal, ein von einem Auto in den Raum über die Kamera hinweg durchfahrenes Bücherregal wird kombiniert mit der Dekonstruktion linearen filmischen Erzählens - die Hauptfigur durchläuft verschiedene Identitäten und Handlungsabläufe gehorchen keiner narrativen Logik - in erster Linie aber war dieser Film eine beginnende Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Bild und Ton, denn Ausgangspunkt waren 4 Musikstücke von Holger Hiller. So sei jede künstlerische Artikulation – egal ob als Film, Installation, Objekt oder auch Performance - für sie das Resultat einer Untersuchung, zu verstehen als Prozesscharakter.

Ihre umtriebige Arbeitsweise entspricht dem Puls der Zeit Anfang der 80er Jahre, als "Punk in der Luft lag und Baader/Meinhof noch nicht unter der Erde waren". Um nicht im Schneideraum zu vereinsamen und "ein Stück Risiko ins Leben zurückzubringen", gründete Rotraut Pape zusammen mit ihren Kommilitonen Andreas Coerper, Eschi Fiege, Oliver Hirschbiegel und Kai Schirmer die Performancegruppe "M. Raskin Stichting Ens.", mischte eine "veräußerlichte Form gesellschaftlicher Ordnungssysteme mit provokativer Anarchie" und arbeitete bis 1987 unter dem Titel "Studies on Entertainment" zu unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Geheime Nacht- und Nebelaktionen wechselten ab mit aufwendigen Spektakeln im musealen Rahmen (unter anderem "Biennale de Paris" "The Kitchen", New York, "steirischer herbst" Graz, "documenta 8" Kassel).

Aus Elementen der Performances entstand die fünfkanalige Videoskulptur "Der Tempel der Vernunft" (1986), die in zahlreichen Kunstvereinen ausgestellt war. Angelehnt an den Film "Tron" realisierte Pape als "Rotron" (1982) eine Soloperformance für die Kamera, in der sie mit übernatürlich hoher heliumgetränkter Stimme ein Wesen verkörperte, das in einem "Programm" existiert und das Pentagon anspeichern will. Die Arbeit fand Verbreitung in dem ersten internationalen Videomagazin "INFERMENTAL", das der ungarische Filmemacher Gabor Body begründete und dessen zweite sechsstündige Ausgabe von Pape und Hirschbiegel realisiert wurde. Video wurde nicht mehr nur zur Dokumentation der Performances eingesetzt. Als sich die Gruppe trennte, arbeiteten Rotraut Pape und Andreas Coerper unter dem Namen "Raskin" weiter und entwickelten komplexe Videoinstallationen und Videobänder.

Die Installation "WasWasWasWasWas" in der Akademie der Künste Berlin (1990) zeigte auf fünf Monitoren, die auf kreisförmig angeordneten überdimensionalen Holzstühlen postiert waren, fünf formatfüllende Köpfe in einem dramatischen Dialog. Das Video "Rauchnächte" (1990) lässt in den amorphen Formen ausgeblasenen Zigarettenrauchs Gedankenbilder entstehen, flüchtige Trugbilder, die sich, einer Fata Morgana gleich, auflösen und uns nicht zuletzt die Immaterialität des elektronischen Bildes selbst vor Augen führen. In "Du hast kein Herz" (1991) und der Installation "Herz Haus Eis" (1992) verdichtet sich der Geschlechterkonflikt in einem verbalen Schlagabtausch von Vorwürfen und Statements, der sich auf der Bildebene typographisch fortsetzt und so "zum verletzenden Pfeil oder zum schützenden Schild" wird.

Zwischenzeitlich war Rotraut Pape nach Lyon gezogen, lebte und arbeitete mit der Gruppe um Gérard Couty und Mike Hentz ("Minus Delta T, Code Public, Van Gogh TV") im Kultur-Labor "Frigo", einem Performance-Space mit Videostudio und Radiostation. Mit einem Piraten-Fernsehsender mischte man sich subversiv ins mediale Geschehen ein, arbeitete aber auch "seriös" fürs kommerzielle Fernsehen. Anfang der 90er zog es Pape zurück nach Berlin. Zwischen November ´89 und ´90 läuft sie mit einer Videokamera viermal die "fallende Mauer" zwischen Kreuzberg und Reichstag entlang, synchronisiert die vier Bilder im split-screen-Verfahren zu einem zweistündigen Video "Die Mauer – Der negative Horizont" (1992) und dokumentiert damit eine Ästhetik des Verschwindens von Geschichte. Ein Langzeitprojekt: Bis heute filmt sie in unregelmäßigen Abständen immer wieder diese mittlerweile fast schon unsichtbare Narbe quer durch die Innenstadt Berlins, um dann spätestens in 2009, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, die Mauer mithilfe digitaler Möglichkeiten wieder aufzubauen.

Zum Broterwerb, aber nicht ungern, übernimmt sie immer wieder Jobs auch als Autorin, Kamerafrau oder Avidcutterin. In Zusammenarbeit mit dem Regisseur und Musiker Christoph Dreher realisierte sie unter anderem diverse Folgen zu "Lost in Music" (1992-96), eine Sendereihe für ZDF/arte/3sat über aktuelle Tendenzen in der Popmusik. In der ihr eigenen variationsreichen Handschrift entstehen auch Einzelbeiträge zur "Ikonografie des Heavy Metal" (1993), über "Sampling" (1995, mit Diedrich Diederichsen) oder 1992 das Porträt "Long Weekend – XTC", in dem ein Raver sein atemberaubendes, aber auch irgendwie trostloses Wochenende zwischen Party, Pillen und Chillen schildert.

Zusammen mit Couty gestaltete sie auch das vielschichtige TV-Design verschiedener Arte-Themenabende, wie etwa "Streetfashion"(1996), "Clubland" (1999) oder "Digital Spirit" (1998). So drehte sie auch mit dem britischen Pop Forscher Dick Hebdige "Land of 1000 Dances – eine Kleine Geschichte der Cubkultur" (1999) und in "Real Virtuality" (1999) referiert Bazon Brock über den Verlust des Realen, während ihm die Bilder und Zeichen nur so um die Ohren fliegen. Am Ende wird der bereits zur Computer-Datei gewordene Brock einfach gelöscht.

Das durch Gentechnologie, Künstliche Intelligenz und Virtuelle Realität veränderte Verhältnis zwischen Mensch und Natur wird Thema von Papes parallel entstandenen freien Arbeiten. Das 1995 fertiggestellte Video "Nicht nur Wasser" lässt beispielsweise eine Armada sich gefährlich verformender Nahrungsmittel über Porträts von Essenden ziehen, deren Physiognomien zusehends deformiert werden. Pape implantiert Objekte - aus Fischgräten, Audiokassetten, Fleisch, Brot - in Obst und Gemüse und lässt von einem Kernspintomographen digitale Schnitte anfertigen, die sie auf ihrem Computer weiterbearbeitet.

In den Rauminstallationen "Früchte vom Baum der Erkenntnis", "Früchte vom Baum des Ewigen Lebens", "Real Virtuality: Der Garten, Die Wärter, Das jüngste Gericht" (1996-98) findet sich auf Tellern arrangiertes Obst, das mit Monitoren verkabelt ist und Bilder aus dem bewegten Innenleben dieser Früchte zeigt. Bewacht wird das Szenario von überlebensgroß projizierten menschlichen Querschnitten, die interaktiv auf Besucher reagieren, als würden diese in ihr Inneres treten. ("Split Brain", 2001)". Ein sonderbarer Garten Eden zwischen medizinischem Untersuchungsraum und einem Live-Computerspiel, in dem der Mensch, als eingescannte, verfügbare digitale Realität, längst seine Unschuld verloren hat.

Im Rahmen der Friederichs-Stiftungsprofessur begann Rotraut Pape 2001/2002 an der HfG mit großem Engagement zu unterrichten, initiierte eine Vortragsreihe und Publikation zur Archäologie der elektronischen Speichermedien ("Sixcon - Lost Media") und überzeugte durch die große Spannweite ihres künstlerischen Schaffens und ihrer Kenntnisse. Erste Erfolge haben sich bereits eingestellt, neben zahllosen Festivalteilnahmen und Preisen in Hochschulwettbewerben gewannen Papes Studentinnen und Studenten den Preis der deutschen Filmkritik und den hessischen Kurzfilmpreis 2004. Wer auch einige, bislang selten gezeigte Arbeiten von Pape sehen will, darf sich auf einige Film-/ Videoabende im Rhein-Mai-Gebiet freuen. Zusätzlich sei die vorzüglich gestaltete Website www.werkleitz.de/~pape empfohlen.

 

Performance-Video-Installation

r e e l t o r e a l : Filme und Werkstattgespräche im Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt, am 8.Mai 2005, 20:30 Uhr

Experimente zwischen analog und digital
Mal Seh´n Kino, Frankfurt, am 11. Mai 2005, 20:00 Uhr

Long weekend-XTC"
23. April – 3. Juli 2005 ZKM/Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe / Ausstellung "Coolhunters. Jugendkulturen zwischen Medien und Markt"

Filmhaus Frankfurt e.V.
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Tel.: 069 / 13 37 99 94
Fax: 069 / 13 37 99 96
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