Die Entstehungsgeschichte einer ungewöhnlichen Ausstellung Von Alexander Scherer
Es war alles andere als selbstverständlich, daß eine Ausstellung über einen weltberühmten Filmemacher "ausgerechnet" zuerst in Frankfurt stattfinden sollte und nicht in Los Angeles oder London. Um dieses Ausnahmeprojekt zu verwirklichen, bedurfte es sorgfältiger Vorbereitung und dem Aufbau eines Vertrauensverhältnis zu der Familie, erschien den Angehörigen doch die Idee, Kubricks Werk so kurz nach seinem Tod auszustellen, anfangs befremdlich, wie Hans-Peter Reichmann, kommissarischer Leiter des Filmmuseums und Projektleiter der Ausstellung, erzählt. Bei seinem ersten Besuch in St. Albans beeindruckte Reichmann nicht nur der Landsitz Kubricks an Umfang und Ausdehnung, sondern auch der überwältigende Nachlaß, aus dem die Schau generiert werden sollte. "Ich war begeistert von der unglaublichen Menge an Material. Und nichts davon war vorbereitet. In jeder Ecke stand etwas, wie etwa eine Palme aus "Full Metal Jacket" oder der Tisch aus "Shining", an dem jetzt die Familie ißt. Geradezu unglaublich, diese Fülle." Nach der Rückkehr aus diesem Phantasiewunderland machte sich Reichmann sogleich auf die Partnersuche und der Aufstellung eines Organisationsteams. Doch schon bald stellte sich ein ganz anderes, gravierendes Problem dar: Platzmangel. Plötzlich entsann man sich der Verbindungstür zum benachbarten Deutschen Architekturmuseum (DAM), die seit 10 Jahren geschlossen war. Dort, auf der anderen Seite war der nötige Platz vorhanden, so daß insgesamt für die Ausstellung 1.200 qm zur Verfügung stehen sollten. An die Kooperationszusage aber knüpfte das DAM, wie sich die Leiterin, Ingeborg Flagge, erinnert, eine grundsätzliche Vorbedingung: "Wir wollten nicht nur einfach die Räume zur Verfügung stellen, sondern auch inhaltlich an dem Projekt beteiligt sein und bestanden daruf, dementsprechend auch unsere Kuratoren zu benennen." So wurde das Architekturmuseum auch konzeptionell in die Planung eingebunden. Und diese bisher einmalige Kooperation zwischen beiden Häusern offenbart, welche Kompetenzen ein Architekturmuseum bei einem Regisseur einbringen kann, der wie kein anderer Filmräume geschaffen hat. Zugleich wurde Bernd Eichhorn die Erfassung des Nachlasses übertragen. Eichhorn, Mitarbeiter des Filmmuseums, der bereits auch als Archivar von Wim Wenders tätig war, fuhr Anfang April 2003 nach St. Albans. Gemeinsam mit Mark Smith, einem Projektmitarbeiter, der von der Familie Kubricks gestellt wurde, begann er, sich in den Nachlaß einzuarbeiten. Hierzu erstellte er eigens eine Datenbank, für die er anfangs noch das Material aufwendig abfotografierte. Später reichte dazu die Zeit jedoch nicht mehr. In den 8 Monaten der Erfassung öffnete Eichhorn mehr als 1000 Kisten und Schachteln; eine Erfahrung, die er so schnell nicht vergessen wird: "Jedes Mal, wenn ich eine Kiste aufmachte, war das ein spannender und aufregender Moment." Aufgrund ihrer Erfahrung wurden Bettina Rudhof und Falk Horn mit der Kuratorentätigkeit betraut. Gemeinsam haben sie bereits als freie Mitarbeiter für das DAM Ausstellungsprojekte realisiert. Das sie mit dem Projekt unbekanntes Terrain erkundeten, nahmen sie als sportliche Herausforderung:"Aufgabe eines Kurators ist es sich ähnlich wie ein Leistungssportler in kürzester Zeit in ein unbekanntes Thema einzuarbeiten", so Bettina Rudhof. In einer 3 monatigen Intensiv-Recherche eignete man sich schnellstens die nötige Spielfilmterminologie wie auch die Fachliteratur zu Stanley Kubrick an. Aus anfänglich zwei Konzepten mit jeweils einem thematischen und einem chronologischen Ansatz fiel die Entscheidung schließlich zugunsten des chronologischen Schemas. Von Anfang an war jedoch klar, daß der Informationswert der Ausstellung besonders wichtig sein würde. Nicht nur Spezialisten, sondern auch Laien sollten sich angesprochen fühlen, so Hans-Peter Reichmann. Es entstanden detaillierte Zeichnungen von den Ausstellungsräumen, die allmählich zur Reife gebracht werden sollten. Vieles wurde diskutiert und wieder verworfen - bis zum Schluß. Es war eine Phase permanenten Experimentierens. Dabei war es für die Kuratoren wichtig, mit der Präsentation auch Kubricks Arbeitsweise offenzulegen. Durch die Verschränkung von Requisiten und szenischen Räumen galt es, Momente aus seinen Filmen zu versinnbildlichen im Sinne einer atmosphärischen Verdichtung. Requisiten, Drehbücher und Equipment sollten stets im Kontext der Werke sichtbar werden. Alle Beteiligten schildern die Arbeit als eine besonders intensive Zeit: "Ein Jahr lang waren wir tagtäglich mit dem Projekt beschäftigt. Es war eine produktive und positive Arbeitsphase", so Maja Keppler, Projektkoordinatorin der Ausstellung. Keiner von ihnen hat bisher an einem so vielfältigen und abwechslungsreichen Nachlaß arbeiten können. Dabei gab es nicht nur große Unterstützung durch die Familie und die Studios, sondern auch seitens Hollywood. Briefe von Steven Spielberg, Nicole Kidman, Tom Cruise, Sky Du Mont und Arthur C. Clarke stellten eine große Ermunterung dar. "Für uns ist es eine besondere Ehre" bekennt Hans-Peter-Reichmann, "da wir aber ein kleines Haus sind, können wir das nur alle paar Jahre stemmen." So stellte auch die Zusammenarbeit zwischen DAM und Filmmuseum, die beide Seiten als hervorragend bewerten, vorerst eine einmalige Sache dar. Nur die Kuratoren werden weiter die Ausstellung auf ihrer Reise begleiten. Aber die Spurensache hat gerade erst einmal begonnen, denn in die Ausstellung ist nur ein Teil des umfangreichen Nachlasses eingeflossen. Wie es weitergeht, darüber muß die Kubrick-Familie entscheiden. Ebenso hängt es davon ab, was finanziell machbar ist. In ihrer bestehenden Form ist die Ausstellung zunächst ab Januar 2005 in Berlin zu sehen. Geplant sind außerdem Stationen in der Schweiz, Niederlande, Italien, und natürlich England und USA. Wenngleich die beiden Häuder in der Beurteilung der Besucherzahlen etwas unterschiedlicher Meinung sind, so haben sich beide Institutionen über die durchweg positive Resonanz des Publikums gefreut: immerhin 53.000 Besucher wurden während der rund dreimonatigen Ausstellungsdauer bis zum 4. Juli gezählt. Für beide Museen mit Abstand eines der erfolgreichsten Projekte. Und zugleich Bestätigung für das Konzept, die Ausstellung erklärtermaßen attraktiv, das heißt publikumswirksam zu gestalten. So hat die Resonanz gezeigt, daß es ein Bedürfnis nach dieser Ausstellung gab und Kubrick immer noch ein Begriff ist. Selbst wenn man dabei nichts über die Person weiß, so kennt man doch etliche seiner Filme: "Odyssee – 2001 im Weltraum", "Barry Lyndon", "Shining" oder "Clockwerk Orange". Alles klangvolle Titel. Und so konnte man auch auf individuelle Vorlieben der Besucher treffen, die sich ihrem Lieblingsfilm entsprechend auf diese einzigartige Veranstaltung einließen.
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