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Der Pionier

Der Pionier

Zum Tod des Frankfurter Filmhistorikers Ronny Loewy

Von Alia Pagin

Betroffen und fassungslos reagierte eine internationale Filmszene auf die Nachricht vom überraschenden Tod Ronny Loewys, der 66jährig am 9. August in Frankfurt verstarb.

Ronny Loewy wurde 1946 in Tel Aviv geboren und wuchs in Israel und Deutschland auf. Er studierte in den 60er Jahren Soziologie und Philosophie in Frankfurt und Hannover, war Ende der 70er Jahre Programmleiter des Kommunalen Kinos in Hannover. 1982 wurde er schließlich Mitarbeiter des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt. Er war nicht nur an der Konzeption der ersten Dauerausstellung des Filmmuseums beteiligt, das 1984 eröffnete, er setzte mit der von ihm kuratierten Ausstellung "Von Babelsberg nach Hollywood - Filmemigration aus Nazideutschland“ auch den Impuls für eine filmhistorische Exilforschung, die er von nun an – auch international – vorantrieb und bereicherte.

Mit Ausstellungen, Filmreihen und Veröffentlichungen zu den Themen "Holocaust und Film", "Jiddisches Kino", und "Filmexil" (er war Mitherausgeber der gleichnamigen Zeitschrift) wurde er international zu einem angesehenen Experten und gesuchten Gesprächspartner in der Fachwelt. 1993 war er maßgeblich an der Entwicklung des Projekts "Cinematographie des Holocaust" des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt beteiligt und leitete die Forschungseinrichtung viele Jahre mit großem Engagement. Fast 1800 Filme aus aller Welt, die sich mit dem Holocaust beschäftigen, sind dort abrufbar (www.cine-holocaust.de). Unermüdlich sammelte Ronny Loewy diese Filme und die (film)historischen Zusammenhänge darüber, und er veranstaltete die dazugehörigen Tagungen, auf denen er häufig die großartigsten Filmwissenschaftler aus aller Welt für ein paar Tage versammelte, damit sie sich über filmische Diskurse austauschen konnten.

Überall wo er sich einbrachte, ob auf Tagungen, bei öffentlichen Filmvorführungen wie bei der Berlinale oder in persönlichen Gesprächen, glänzte er mit einem enormen Fachwissen, das er immer bescheiden, aber deutlich einbrachte. Er stellte gesamtwissenschaftliche Zusammenhänge her, die den filmischen Diskurs einschlossen und ihn ergänzten. Dabei begeisterte er nicht nur mit seiner Fähigkeit, Gedankengänge schnell zu formulieren, sondern sie auch feinsinnig mit seinem Humor zu pointieren.

Für die Ausstellung "Stanley Kubrick" des Deutschen Filmmuseums besuchte er 2003 Christiane Kubrick, die Witwe des Regisseurs, und erzählte anschließend begeistert über den reichen Fundus im Nachlass von Kubrick, der ihm großzügig geöffnet wurde. Sein Beitrag zur Ausstellung über das von Kubrick lange geplante Filmprojekt "Aryan Papers", das den Holocaust zum Thema machte, übrraschte selbst die Filmwelt. Kubricks "sarkastische" (Ronny Loewy) Anmerkung zu Schindlers Liste "That was about success, wasn't it? The Holocaust is about six million people who get killed. Schindler's List was about six hundred who don't", dieser Kommentar prangte über der Ausstellung und ließ jeden Besucher nachdenklich zurück.

Ronny Loewy arbeitete nicht nur filmwissenschaftlich, indem er über Stanley Kubrick, Max Ophüls, Helmar Lerski, Meyer Levin und Victor Vicas forschte und das jiddische Kino zurück in ein öffentliches Bewusstsein brachte, er machte auch Dokumentarfilme: „Das jiddische Kino" (1983, mit Hans Peter Kochenrath und Walter Schobert) und „Es war einmal ein Jiddischland" (1992, mit Inge Claaßen) sowie "Auschwitz - 5 Tage im November" (1995, mit seinem Bruder Hanno Loewy und Cilly Kugelmann).

Mit Loewys Tod ist der internationalen Filmwelt nicht nur ein kluger Wissenschaftler und Netzwerker verlorengegangen, vielen Menschen fehlt er als aufmerksamer, zuverlässiger und wunderbarer Freund.

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