| Portrait des Frankfurter Kameramanns und Autors Von Claudia Prinz Kann es sich wirklich um Zufall handeln, wenn ein begabter angehender Kameramann einen Job bekommt, obwohl er kein Deutsch kann und kein Diplom hat? Pavel Schnabel hat sich manchmal gefragt, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er 1968 auf Alexander Kluges Frage „But you are a socialist?“ die falsche Antwort gegeben hätte. Als Schüler wollte Pavel von Anfang an Kameramann werden. Schon vor dem Abitur stand das für ihn fest. Eine ziemlich unrealistischer Berufswunsch, denn die Filmakademie FAMU in Prag war eine nicht ideologisch ausgerichtete Eliteschule, für die nur die Begabtesten ausgewählt wurden. Nach sehr aufwändigen Prüfungen, zu denen Dutzende von Bewerbern aus der ganzen Republik anreisten, wurden jährlich etwa 10 Kandidaten aufgenommen. Es gab nur diese eine Schule und entweder man schaffte es dort oder nirgends. Zu seinem eigenen Erstaunen bestand Pavel die Prüfung, eine von vielen in den folgenden Jahren, mit denen man die vier, fünf Kameraleute heraussiebte, die die Planwirtschaft brauchte. Der Rest flog raus. 1968 war Pavels drittes Jahr. Er hatte auf der Filmschule alle Hürden genommen und stand kurz vor dem Diplom. Da marschierten die Warschauer Pakt - Armeen in Prag ein und beendete den „Prager Frühling“. Unter diesen Verhältnissen wollte Pavel Schnabel nicht mehr in der Tschechoslowakei leben und flüchtete nach Deutschland. Seine Berufspläne hatte er eigentlich schon begraben, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass er ohne Diplom einen Einstieg in die Filmbranche finden würde. „Als ich aber merkte, wie miserabel die Kameraarbeit hier vergleichsweise war - auch wenn es arrogant klingt, das war wirklich so damals – habe ich mich doch getraut, meine Fähigkeiten anzubieten“ In München sprach er dann Alexander Kluge an, denn er war der einzige deutsche Filmemacher, dessen Name ihm damals etwas sagte. Sie sprachen Englisch miteinander. Schnabel konnte damals noch kein Deutsch. „Es war eine knifflige Situation, denn wenn ich aus der Tschechoslowakei weggegangen war, war ich dann ein Antikommunist oder ein Linker? Und als Kluge mich fragte: `But you are a socialist?’, habe ich nachdenken müssen. Der Begriff war mir unbekannt. Bei uns gab es Kommunisten und Antikommunisten. Hätte er gefragt, ob ich Kommunist bin, hätte ich sicher gesagt, Nein, das bin ich nicht. Aber Sozialist? Ich habe einfach genickt. Und das hat vielleicht den Ausschlag für meine Berufskarriere gegeben.“ Kluge schickte den jungen Kameramann zu Äppelwoi Motion Pictures, den Absolventen der Ulmer Hochschule für Gestaltung um Janine Meerapfel, Reinhard Kahn und Michel Leiner, die gerade Fördergelder für einen Film bekommen hatten und alle zusammen im Frankfurter Westend in einer Produktionskooperative lebten und arbeiteten. Pavel Schnabel übernahm meistens die Kameraarbeit, denn mit seinen spärlichen Sprachkenntnissen wäre er zu anderem auch wenig geeignet gewesen. Dadurch aber sammelte er Praxiserfahrung, die ihm ab 1971 Kamera-Jobs bei SWR und ZDF einbrachte. In den nächsten Jahren war er als Kameramann sehr gefragt, denn seine Qualitäten sprachen sich schnell herum. Wenn er Zeit hatte, fuhr er zu Festivals, beispielsweise nach Oberhausen oder Mannheim, und sah dann oft Filme, bei denen er dachte: Das kann ich auch. 1977 nahm er sein erstes eigenes Filmprojekt in Angriff. Es war die „Hommage á August Sander“, ein Dokumentarfilm über einen der wichtigsten deutschen Fotografen. Es sollte ein Versuch sein. Wenn er scheitern würde, konnte er immer noch zufrieden als Kameramann weiterexistieren. Aber der Film kam gut an, er bekam einen Preis und ein Prädikat und Pavel Schnabel wurde Autor. 1979 begann er in seinen beiden Fuktionen für die Kulturredaktion des HR zu arbeiten. Nebenbei konnte er eigene Projekte realisieren. Für ihn war das ein Idealzustand. Er arbeitete viel, hatte jeden Tag die Kamera in der Hand und konnte entsprechend gut mit ihr umgehen. Er konnte sie blind bedienen und war zusätzlich noch in der Lage, Fragen zu stellen und sein Konzept im Auge zu behalten. Dabei entstanden besonders intensive Bilder, denn wenn der Kameramann fragt, antwortet der Protagonist des Films auch in die Kamera und spricht so direkt mit dem Zuschauer. „Die Kamera ist ein wunderbarer Vorwand, um an Menschen heranzukommen, sich mit Menschen zu beschäftigen. Ohne die Kamera würde ich mich nicht trauen, jemanden so anzuschauen, wir ich das durch das Objektiv tue. Ich würde das als aufdringlich empfinden und würde mich genieren. Aber durch die Kamera bin ich geschützt, es gibt ja keinen direkten Blick. Auf der anderen Seite weiss der Mensch, dass die Kamera auf ihn gerichtet ist und kann sich entsprechend verhalten. Wenn jemand Protagonist in einem Dokumentarfilm ist, dann richte ich die Kamera auf ihn, um ihn zu entdecken, und er selbst hat ebenfalls die Chance sich so darzustellen, wie er möchte; es ist eine Auseinandersetzung, die derjenige auch zur Selbsterkenntnis nutzen kann.“ 1981 entstand mit Co-Autor Harlad Lüders der Film „Jetzt – nach so vielen Jahren“ über das Schicksal der Juden aus dem Dorf Rhina, das einst als „Klein-Jerusalem“ bekannt war. Der Film wurde mit Preisen überhäuft (u. a. der Adolf-Grimme Preis in Gold 1982 und ein „Special Merit“ der Acadamy of Motion Picture Arts and Sciences, Hollywood). Es folgten viele weitere Fersehbeiträge, teils Reportagen, teils Dokumentarfilme, für Pavel Schnabel durchaus ein Unterschied. „Eine Dokumentation ist eine journalistische Form, mit der Fakten vermittelt werden sollen. Es geht vor allem um Inhalte, die müssen überzeugend dargelegt werden, ohne Manipulation, oder zumindest muss man versuchen, objektiv zu sein. Der Dokumentarfilm dagegen ist eine künstlerische Form. Er erzählt, er ist persönlich, er kann emotional sein. Er beinhaltet natürlich auch Informationen, will den Zuschauer erreichen und aufklären. Aber er ist dauerhafter. Eine Fernsehreportage ist möglicherweise nach 20 Jahren uninteressant, aber ein 20 Jahre alter Dokumentarfilm ist noch genauso interessant wie zur Zeit seiner Entstehung.“ Natürlich gehört seine Liebe eindeutig dem Dokumentarfilm. Über zwei Dutzend lange und kürzere sind in den letzten 20 Jahren entstanden, dazu kommen mehrere Kurzspielfilme und die zahlreichen Projekte, bei denen er hinter der Kamera stand und/oder für die Produktion verantwortlich war. „Die Geige“ (Buch: Karel Steigerwald, Regie Rudolf Ruzicka) erhielt 1986 den Bundesfilmpreis Filmband in Gold. Beide Tätigkeiten, die Kameraarbeit und die Regiearbeit empfindet er jede auf ihre Art befriedigend. Die Kameraarbeit ist für ihn weniger schwierig, er muss sich keine großen Gedanken machen und kann sich ganz auf die Menschen und die Bilder konzentrieren. Die Arbeit als Autor und Produzent dagegen erfordert andere Fähigkeiten. Zwar macht ihm die Verantwortlichkeit für die Beschaffung des Geldes, die Verwaltung und hinterher die Abrechnung kein großes Vergnügen, aber seinen eigenen Dokumentarfilmen hat sie genutzt. „In hierarchischen Produktionsapparaten mit Produktionsleitern, Aufnahmeleitern und Assistenten tun zwar alle ihr Bestes und versuchen, alles möglich zu machen, aber es ist nicht immer nötig, dass alles möglich ist, es wird nur das gebraucht, was ich als Kameramann und Autor und Regisseur brauche. Wenn ich hinter der Kamera meines eigenen Films bin, muß ich mich mit niemandem abstimmen. Das spart Geld, dass ich dann nicht für überflüssige Kräne oder Licht, das kein Mensch braucht, ausgegeben habe. Dieses Geld konnte ich dann in die Anzahl der Drehtage und Schnitttage stecken, was der Qualität des Films zugute kam.“ Inzwischen ist es schwieriger für ihn geworden, Themen unterzubringen. Er hatte er immer mehr Projekte als er umsetzen konnte, aber es gab Zeiten, in denen es ihm gar nicht gelang, jemanden für eine Idee zu begeistern. Einmal entwarf er sogar eine Art Fragebogen mit 15 verschiedenen Themen, die in kurzen Synopsen skizziert waren. Den schickte er an alle Fernsehredaktionen, in denen er Leute kannte, und die Redakteure konnten ankreuzen, was sie interessierte. Alle Fragebogen kamen z. T. mit Kommentaren versehen zurück, manche auch peinlich berührt. Als Ergebnis wurde „Bodyguard bei Raffael“ realisiert. Was beweist: So lange der Einfallsreichtum nicht versiegt, hat man als Autor eine Chance. Ansonsten ist Pavel Schnabel ja auch immer noch ein hervorragender Kameramann. Filmografie (Auszüge):
2002 >Die Rekordjäger – Auf dem Weg ins Guinessbuch<, 30 Min., Reportage 2001 >Zuflucht am Bosporus<, 90 Min., Dokumentarfilm (Regie: Nedim Hazar), Prod. u. Kamera 2000 >Bodyguard bei Raffael<, 60 Min., Dokumentarfilm (C-Autor Andreas Schümchen) 1999 >Grenzgänger<, 98 Min., Dokumentarfilm 1997 >Früher glücklich, heute froh<, 90 Min., Dokumentarfilm 1995 >Die Brücke von Aussig<, 30 Min., Dokumentarfilm 1994 >Der Böhmische Knoten<, 97 Min., Dokumentarfilm 1991 >Brüder und Schwerstern<, 95 Min., Dokumentarfilm 1990 >Die Wende am Karl-Marx-Platz<, 45 Min., Dokumentarfilm 1988 >Karl Marx und seine Erben<, 45 Min., Dokumentarfilm 1987 >Der Literaturpapst<, 80 Min., Portrait 1985 >Karl Marx in Karlsbad<, 15 Min., Kurzfilm 1982 >GELD allein MACHT...<, 17 Min., Kurzspielfilm 1981 >Jetzt – nach so vielen Jahren<, 60 Min., Dokumentarfilm 1978 >Mitten in Deutschland<, 10 Min., Kurzspielfilm 1977 >Hommage á August Sander<, 22 Min. Dokumentarfilm
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