Kamerafieber Über die Arbeit der sehstern Filmproduktion von Martin Loew Was ist das für ein Gefühl, den ersten, selbstproduzierten abendfüllenden Dokumentarfilm vor Publikum auf großer Leinwand zu erleben? Reiner Krausz, einer der zwei Gründer der sehstern Filmproduktion lächelt. „Bevor der Film startet, ist die Spannung schon groß. Aber die Reaktion des Publikums war gut, sehr gut sogar." Der Film, der jetzt bei den 40. Solothurner Filmtagen in der Schweiz Premiere hatte, ist „Opernfieber" von Katharina Rupp. Die Regisseurin hat sich auf eine musikalische Entdeckungsreise zu den großen Opernhäusern Italiens begeben, um hier der einzigartigen Leidenschaft des italienischen Publikums für die Oper nachzuspüren. „Als Katharina Rupp mir von ihrer Idee erzählte, war ich sofort begeistert", erinnert sich Krausz an die Anfänge des Projektes. Denn schließlich ging der Firmengründung der Wunsch voraus, einmal Dokumentarfilme fürs Kino zu produzieren. Mit diesem großen Ziel vor Augen taten sich Vita Spieß und Reiner Krausz 1998 zusammen. Beide hatten lange Jahre als Kameraleute gearbeitet. Beide waren unzufrieden mit der Situation, nur Tagesberichterstattung und Magazinbeiträge filmen zu können. Grundgedanke bei der Gründung der gemeinsamen Produktionsfirma war daher, die eigene künstlerische Kompetenz mehr in die Arbeit mit einbringen zu können und langfristig auch größere Projekte zu realisieren. In der Anfangszeit war die sehstern Filmproduktion vor allem Auftragnehmer. Die Fertigkeiten an der Kamera von Spieß und Krausz waren weiterhin gefragt und sind es auch heute noch. Vor allem Vita Spieß genießt in der Szene einen ausgezeichneten Ruf. Sie filme, als sei sie mit der Kamera verwachsen, wird ihr nachgesagt, und vor allem ihre Arbeit mit der Handkamera wird überschwenglich gelobt. Für die Projekte der sehstern Filmproduktion steht sie meist selbst hinter der Kamera, und auch von der renommierten Kurzfilmerin Birgit Lehmann wurde sie für die Dreharbeiten zu „Als Hitchcock in Auerstedt Eiermanns Else traf" und „Hauptsache Lehmann" engagiert. Aus den kleinen Aufträgen der Anfangszeit entwickelte sich langsam ein solider Kundenstamm. Nur, dass sehstern mittlerweile auch als Full-Service-Dienstleister fungiert. Von der Konzeption über den Dreh bis zur Fertigstellung reicht das Angebot. Und ein bewährter Stab freier Mitarbeiter wird regelmäßig beschäftigt. Einer dieser Mitarbeiter, der enger mit den beiden Gründern der Firma zusammenarbeitet, ist Olaf Wehowsky. Bei „Opernfieber" war er von Anfang an dabei und entwickelte gemeinsam mit Autorin Katharina Rupp, mit Vita Spieß und Reiner Krausz das Projekt. Als klar wurde, dass „Opernfieber" das Potential zum Kinofilm hat, holte er mit Jörg Kobel von der Kölner Barbarossafilm einen kompetenten Partner hinzu. Mit Jörg Kobel hatte er zuvor schon Erica von Moellers „Im Augenblick" produziert. Kobel wurde schließlich mit dem Stoff auf den europäischen Dokumentarfilmworkshop Euro-Doc eingeladen. Danach konnten ZDF/arte als Ko-Produzent und die Filmstiftung NRW sowie die Hessische Filmförderung als Förderer gewonnen werden. Die Schweizer Filmproduktion maximage, die gerade den schweizer Filmpreis mit „Accordion Tribe" gewonnen haben, komplettierte gemeinsam mit den Schweizer Förderern und einem Pre-Sale an das finnische Fernsehen die Finanzierung. Doch bevor sehstern sich an dieses ehrgeizige Kinoprojekt wagte, sammelte die junge Firma zunächst Erfahrungen im Fernsehbereich. Als erstes längeres Vorhaben entstand 2001 für den SWR der je dreissig-minütige Zweiteiler „Hans im Glück", ein Feature über einen leidenschaftlichen Kinobetreiber, der unbeirrt in der winzigen Gemeinde Flonheim das seit 1923 in Familienbesitz befindliche Kino betreibt, das fast so viele Sessel hat wie der Ort Einwohner: 300 Plätze. „Wir hatten schon Material gedreht, mit Vita an der Kamera", so Reiner Krausz, „und damit dann den Sender überzeugt". Diese erste längere Dokumentararbeit ließ weitere Aufträge für den SWR, dann auch für andere Sender folgen. Und nun also Kino. Natürlich waren Spieß, Krausz und Wehowsky in Solothurn dabei, als der Film aufgeführt wurde. „Es gibt eine Szene, in der das Opernpublikum im Film nach einer Arie sehr lange applaudiert", erzählt Krausz. „Irgendwann fing dann das Kinopublikum an, in den Applaus einzufallen. Das war schon ein irres Gefühl". Mit media luna entertainment hat „Opernfieber" bereits einen renommierten Weltvertrieb gefunden. Verhandlungen mit Verleihern für die einzelnen Länder laufen. Die Resonanz der Verleiher sei überraschend gut, heißt es bei sehstern, so dass der Film vielleicht bald im Kino zu sehen sein wird. Und weitere Filme kommen nach? „Wir haben einige Projekte in Planung", sagt Olaf Wehowsky, „und auch wenn noch nichts spruchreif ist, werden wir sicher weiter versuchen, auch fürs Kino zu produzieren". Natürlich bleiben die kleinen Produktionen, die Arbeit fürs Fernsehen, Werbespots und Imagefilme ein Hauptbestandteil des Geschäfts bei sehstern. Doch Dokumentarfilme fürs Kino zu produzieren, das anfängliche Ziel, es ist erstmals erreicht worden. Und „Opernfieber", da sind sich alle bei sehstern einig, wird die Eintrittskarte für weitere Kinoprojekte. |