| Das Mal Seh´n Kino feiert seinen zwanzigsten Geburtstag Von Karola Gramann und Heide Schlüpmann* Den Eröffnungsfilm haben wir vergessen. Aber der Nachmittag des 3. November 1984 war der Anfang einer langen Freundschaft. In der Nachbarschaft hatte ein neues, kleines Kino Premiere. Der Leiter, Hans Bornemann, wollte ein Filmtheater gründen. Wie selbstverständlich im Frankfurter Nordend. Zuerst suchte er die sieben Personen zusammen, die einen Verein ausmachen, unter ihnen Beatrix Loew, die bis heute das Kino treu mitträgt und die man regelmäßig hinter dem Tresen des angeschlossenen Café antreffen kann. Auch Sigrid Tegtmeyer, die später das Kinderkino machte, gehörte zu den Gründungsmitgliedern. Bornemanns Spürsinn ließ ihn die leerstehende ehemalige Turnhalle der Blindenanstalt finden. Von der Heizung über die Projektionskabine bis zur gesamten Kinoeinrichtung mußte alles eingebaut werden. Die schwarzen Holzstühle kamen von der Fachhochschule. So entstand nach und nach das Kino und 1988 konnte auch ein 35mm-Projektor angeschafft werden. Wer erinnert sich nicht an die große Mickey Mouse-Figur, die, bis zum jüngsten Umbau, auf das Publikum herabschaute. Heute sitzt man nicht nur in bequemen blauen Polstersesseln, die Tonanlage ist auf dem neuesten Stand und die Projektion eine der besten in der Stadt. Die ersten Jahre der Programmarbeit waren noch geprägt vom Format (16mm und Super 8) und der Präsenz der Frankfurter Filmszene. Dann begannen die wilden Jahre. Mit Eva Heldmann vom Traumstern in Lich kam eine erfahrene Kinomacherin, die ein Programm mit drei Vorstellungen am Tag realisierte, das mindestens halbwöchentlich wechselte und mit dem das Avantgarde- und Undergroundkino Einzug hielt - neben Autorenfilmen und einem feministischen sowie schwul-lesbischen Programm. Und das Publikum genoß das ganze Spektrum. Die Arbeit von Eva Heldmann führte Antje Witte fort, etwa mit dem Festival Homolulu. Es folgten später Gunter Deller und Ariane Hofmann, die beide als Filmvorführer im Kino angefangen hatten. Die Sorgfalt im Umgang mit dem Filmmaterial und der Technik setzt sich fort in der überlegten Auswahl und Zusammenstellung des Programms. Das Kino heute präsentiert sich einerseits als Erstaufführungskino, das sich insbesondere dem europäischen unabhängigen Film widmet, das aber andererseits auch filmhistorische Momente aufweist und sich Formaten widmet, die sonst kaum noch - von Kommunalen Kinos abgesehen - auf der Leinwand zu sehen sind. Wir erinnern uns an legendäre Aufführungen von Jack Smith, Kenneth Anger oder an Gunter Dellers extravagantes Landschaftsfilm-Programm, das von 35mm bis Super 8 und Video aus dem Vollen schöpfte. Uns verbindet mit dem Kino inzwischen eine langjährige Zusammenarbeit - nicht erst seit Einrichtung der Filmprofessur, seit Einrichtung der Kinothek Asta Nielsen. Es war immer möglich, als freie Kuratorin, als Filmwissenschaftlerin, Programme gemeinsam zu realisieren. Das Kino war auch ein offener Ort für Gäste aus der ganzen Welt. Wen haben allein wir nicht alles dorthin eingeladen und vorgestellt? Den Filmmacher und Filmhistoriker Eric de Kuyper etwa, oder die damalige Direktorin des Nederlands Filmmsueum, Hoos Blotkamp, oder auch Mihal Friedman von der Universität Tel Aviv, Laura Mulvey, Helke Misselwitz, David Safarian und Jana Druz und viele andere. Als vor zwei Jahren der Kurator Christoph Bichon vom Lightcone Verleih und Scratch Cinema aus Paris kam, hat er sofort die ganz besondere Qualität dieses Kinos gespürt und bis heute nicht aufgehört, davon zu schwärmen. Das Kino hat auch schwere Zeiten erlebt. Wir erinnern uns noch gut an eine Krisensitzung, zu der alle Freundinnen und Freunde des Mal Seh`n gekommen waren, denn sie wollten ihr Kino nicht untergehen lassen. Jetzt sind es Gunter Deller, Beatrix Loew, Ariane Hofmann und Martin Loew, die man wahrnimmt als diejenigen, die nicht aufgegeben und das Mal Seh`n durch allerhand Turbulenzen geführt haben. Ihnen zur Seiten stehen vertraute Mitarbeiter im Café wie am Projektor. Ihnen allen gratulieren wir zum Geburtstag und unsere Wünsche für viele weitere Jahre sind nicht ohne Eigennutz. Unsere sehr persönliche Erinnerung zeigt das ja. Am 6. November wird gefeiert, wir freuen uns auf eine lange Kino-/Kneipennacht, auf das Treffen mit Freundinnen und Freunden – auf die zurückliegenden und kommenden Geschichten von 20 Jahren Mal Seh’n. *Karola Gramann ist Leiterin der Kinothek Asta Nielsen, Heide Schlüpmann ist Professorin für Filmwissenschaften an der Universität Frankfurt
|