|
|
 |
 |
Filmkollege, Freund, Herzensmensch Die persönlichen Erinnerungen an den kürzlich verstorbenen Filmemacher Ulf von Mechow Von Peter-Hugo Scholz An meine erste Begegnung mit Ulf von Mechow – ja, daran erinnere ich mich noch gut. Das war Anfang der 90er Jahre. war das nicht schwierig. Als Macher der Leipziger Kino-Reihe „Dok zwischendurch“ lud ich ihn mit seinem Grimme-Preis-gekrönten Film „Die Jüdin und der Hauptmann“ zu einer Vorführung und Publikumsdiskussion ins Programm-Kino „Grassi“ ein. Nicht nur sein Film, auch seine emotionale Art, wie er mit den Leuten diskutierte, beeindruckten mich. Das anschließende Kommunikationsbier in der Kneipe brachte uns noch näher zusammen. Wir begannen, auch biografische Geschichten auszutauschen. Bis weit nach Mitternacht. Dies schien mir der Anfang einer neuen Freundschaft.
Und tatsächlich: aus dem Schein wurde Sein. Als der MDR Mitte der 90er den Pilotfilm zur ARD-Reihe „Bilderbuch Deutschland“ startete, bekam Ulf von Mechow die Regie, und ich „durfte“ ihm als Frischling beim Drehen assistieren. – Der Film „Das Saale-Unstrut-Tal“ wurde ein Erfolg. Fortan arbeiteten wir immer zusammen, wenn es um dokumentare „Ostthemen“ ging: In der Altmark, in Naumburg, im Erzgebirge („Geht mal los und filmt! – Heimatbilder aus der DDR“).
Als Ulf 1995 nach vielen Jahren endlich seinen 16-mm-Film „Variationen in E – eine Musikreise in Europa“ fertig hatte, planten wir die Uraufführung gemeinsam. Drei Musikkulturen waren in der 90-Minuten-Dokumentation zu einem dramaturgischen Zopf verflochten, und wir dachten, der „kulturelle Leuchtturm“, das Leipziger Gewandhaus, wäre der geeignetste Ort für die Premiere. Doch Kurt Masur, der damalige „Papst am Augustusplatz“ , lehnte das genreübergreifende Werk ab, und so wichen wir in die „Schaubühne Lindenfels“ aus. Der dortige Projektor hatte allerdings keinen stereophonen Tonkopf zum Abspielen.
Ulf von Mechow war entsetzt. „Wenn schon, denn schon“, war aber seine Reaktion. So fuhren wir kurzerhand nach Berlin, um für 1.000 Mark diesen speziellen Kopf zu erwerben. Die „Schaubühne“ baute ihn ein und bedankte sich herzlich. Und als zusätzlichen Clou besorgten wir auch noch die phänomenalen Lautsprecher, die Klangsäulen seines Namensvetters Rudolf Mechow aus Stendal – eine geniale akustische Erfindung zum Rundum-Stereo-Ton-Ausfüllen eines jeden Raumes. So etwas hatte es bis dahin noch in keinem Kinosaal gegeben. Und so erlebte das Publikum eine Premiere in mehrfachem Sinne.
Wenn wir etwas gemeinsam anpackten, dann reizten wir die Möglichkeiten, im positiven Sinne des Wortes, meist bis zum Äußersten aus. Dafür erklärten uns manche für verrückt. Wir rückten dadurch noch enger zusammen. Auch wenn die Zusammenarbeit oft genug mit „Spänen“ verlief; das Streiten um die beste filmische Lösung endete selten im Bruch. Besonders Kameraleute taten sich zuweilen schwer mit ihm. Als Autodidakt hatte er sich auch sein eigenes Verständnis von der Kameraarbeit angeeignet. Nicht selten gab es von daher auch Dispute. – Nach Drehschluß allerdings, auch das war eine Konstante in seinem Leben, wußte er ebenso zu feiern und zu genießen. Am liebsten bei Wein und in Gesellschaft.
Während ich weiter die Geschichten von Menschen sammelte, beschäftigte sich Ulf mit dem dramaturgischen Umsetzen des gefundenen Materials. Im nordthüringischen Altenroda lernte ich beispielsweise den hochbetagten Bauern und Winzer Konrad Beinemann, zugleich Kirchenältester und Dorfchronist, kennen. Der gab mir seine aufgeschriebenen Lebenserinnerungen – quer durch alle deutschen Umwälzungen des vergangenen Jahrhunderts. Der Stoff war so spannend zu lesen, daß ich ihn sogleich an Ulf weiter reichte. Auf Antwort mußte ich nicht lange warten: „Das ist ja ein Polit-Krimi sondersgleichen, wunderbar lakonisch und emotional aufgeschrieben. Das müssen wir verfilmen! Und zwar nach dem Vorbild von Edgar Reitz´ Heimat-Produktion.“ - Hauptdrehort sollte Beinemanns Vierseithof, mit drei Generationen unter einem Dach, werden.
Der Film über den „gelehrten Bauern“ kam nicht mehr zustande. Ulf von Mechow starb plötzlich an einem „blöden“ Unfall. Seine Filme leben weiter. Auch meine Freundschaft zu ihm. Das, was ich von ihm gelernt habe, versuche ich nun, in meinen eigenen Filmen anzuwenden. Ulf spüre ich dabei neben mir. Und das ist gut so. |
 |
|
 |
 |
Filmhaus Frankfurt e.V.
Ostbahnhofstr. 15
60314 Frankfurt
Tel.: 069 / 13 37 99 94
Fax: 069 / 13 37 99 96
info@filmhaus-frankfurt.de
|
 |
|