| Ein neuer Vorstoß in Sachen digitaler Kinoprojektion Von Martin Loew Seit Jahren ist sie immer wieder im Gespräch und doch bisher größtenteils Zukunftsmusik geblieben: die Digitalisierung des Kinos. Nachdem in den Bereichen Produktion und natürlich vor allem Postproduction der Stellenwert digitaler Bearbeitung von Bildern stetig gestiegen ist, wurde in der Branche gerne auch das Ende des herkömmlichen Filmmaterials beschworen. Statt teurer Kopien und teurem Versand derselben sollten in naher Zukunft nur noch Datenpakete an die Kinos geliefert werden, die dann von Digitalprojektoren auf die Bildwand geworfen würden. Doch die flächendeckende Umsetzung scheiterte bisher an zwei Punkten. Zum einen gab es lange keinen einheitlichen Standard für digitale Projektionen. Kein Kinobetreiber wollte auf eigene Kosten auf ein System setzen, das möglicherweise schon bald darauf von konkurrierenden Produkten vom Markt verdrängt würde. Noch viel entscheidender aber war bisher die Frage nach Kosten und Nutzen der neuen Technik. Während die Verleiher sich gewaltige Einsparungen ausrechnen konnten, blieb die Frage nach der Finanzierung der Investitionen, die den Filmtheatern ins Haus stünden, lange ungeklärt. So blieb es bei vereinzelten Projekten. Viele Kinos verfügen heute über Digitalprojektoren, mit der vor allem Werbung abgespielt wird, die zur Übertragung von Live-Events genutzt werden und über die hin und wieder eine Low-Budget-Produktion auf die Leinwand kommt. Daß das Modell des digitalen Kinos jetzt in Europa einen neuen Schub erhalten hat, kommt unerwartet. Noch unerwarteter allerdings ist der Initiator des aktuellen Projekts. Denn es ist nicht einer der Verleihgiganten, die weltweit mit tausenden von Filmkopien arbeiten und durch die Digitalisierung enorme Einsparungen verzeichnen würden, sondern der Arthouse-Filmverleih Salzgeber Medien aus Berlin. Gemeinsam mit Partnern aus mehreren europäischen Ländern hat Salzgeber Medien das Projekt „European Docu Zone“ (EDZ) ins Leben gerufen. Ab Herbst diesen Jahres soll EDZ mit insgesamt 175 Mitgliedskinos, davon 112 in Deutschland, an den Start gehen.
Wie der Name schon verrät sollen über EDZ vor allem Dokumentarfilme ins Kino gebracht werden. Eine Idee, die durchaus Sinn macht, denn im Gegensatz zu Hollywood-Blockbustern wird im europäischen Dokumentarfilmbereich mittlerweile aus Kostengründen meistens schon digital gedreht. Das aufwendige Umkopieren der Filme auf 35mm-Film entfiele bei digitaler Auswertung ebenso, wie die Kosten für die Kinokopien. Auch Untertitelungen und Synchronisationen sind problemloser und vor allem kostengünstiger zu erstellen. So ist einer der Gründe, weswegen die EDZ Fördermittel aus dem EU Media Programm erhält, die Präsenz des europäischen Dokumentarfilms im Kino stärken. Als Pilotprojekt müssen die Mittel jährlich beantragt werden. Welch hohen Stellenwert aber die EU-Förderer der Initiative beimessen, lässt sich allein schon daran ersehen, dass die Gelder für 2005 bereits jetzt, mit der Maßgabe zu weiterer Expansion, bewilligt wurden. Entsprechend der programmatischen Vorstellungen sind denn auch die Kinos, die sich an EDZ beteiligen sollen, vor allem kleinere Häuser, deren Abspielschwerpunkt auf Arthouse-Filmen liegt. Geplant ist ein europaweites Netzwerk dessen Mitglieder mittels einheitlicher Serverstruktur via Satellit mit den Filmdaten versorgt werden, oder alternativ eine mobile Festplatte mit den Filmdateien geschickt bekommen. Kompatibilität und Standards der Systeme richten sich übrigens nach den Empfehlungen der Digital Cinema Initiative (DCI). Diese Initiative, von den sieben Hollywood-Majors ins Leben gerufen, bereitet auf dem amerikanischen Markt die Digitalisierung der Kinos vor. „Die DCI-Standards sind für die Firmen, die digitale Kinosysteme herstellen quasi verpflichtend“ weiß Christian Modersbach von Salzgeber Medien. „Für die European Docu Zone haben wir uns für ein den DCI-Standards entsprechendes System entschieden, dessen Software-basierte Technik viel Spielraum für zukünftige Entwicklungen bietet“. Anschaffung und Installation der Anlagen, so sieht das EDZ-Modell vor, soll von Kinos und Verleihern gemeinsam bestritten werden. Der Eigenanteil für die Kinos wiederum wird etwa zur Hälfte über ein Darlehen von dem jeweiligen Verleih gestellt. Im Gegenzug verpflichten sich die Kinos zur Abnahme von jährlich 26 Programmen, die zu einem festgesetzten, gemeinsamen Spieltermin gezeigt werden. Für diese Auswertung wird seitens der Kinos eine Mindestgarantie fällig, die zur Tilgung des Darlehens angerechnet wird. Je nach Größe des Digitalprojektors wird ein Eigenanteil zwischen 15.000 und 25.000 Euro fällig werden. Diesen Betrag aufzubringen, wird für einige der klein- und mittelständischen Kinobetreiber sicherlich am schwierigsten sein, selbst wenn die Rückzahlung des Darlehens sich über drei Jahre erstreckt. Doch je nach Region wird es wohl die Möglichkeit geben, hierfür zusätzlich Fördermitteln vom Bund oder den Ländern zu beantragen. Insgesamt soll über EDZ ein europaweites Dokumentarfilmportal entstehen. Unter anderem sind bisher Verleiher in Österreich, Frankreich, den Niederlanden, Portugal, der Slowakei, Spanien und England beteiligt. Im Verbund wählen die Verleiher die Filme aus und stellen sie über das Netzwerk zu Verfügung. Integraler Bestandteil der EDZ ist neben der digitalen Technik das gemeinsame Marketing, mit dem ein möglichst breites Publikum für europäische Dokumentarfilme gewonnen werden soll. Hiervon verspricht sich im übrigen auch die AG-Kino Gilde eine Stärkung des Arthousemarktes. Und auch die Arbeitsgemeinschaft der Dokumentarfilmer in Deutschland (ag-doc) sieht die Neuentwicklung durchaus positiv. Vor allem die zu erwartende Kostenersparnis wird hier als Chance für mehr Dokumentarfilme im Kino begriffen. Gleichwohl steht es allen Verleihern, die an EDZ beteiligt sind, frei, ihre Filme auch im klassischen 35mm-Format auf den Markt zu bringen, wenn sie eine Auswertung über die Mitgliedskinos hinaus anstreben. Und auch die dann digitalisierten Kinos können sich entscheiden, einen per EDZ bereitgestellten Film über den gemeinsamen Termin hinaus zu spielen. Ebenso können Verleiher, die nicht an EDZ beteiligt sind, mit den Mitgliedskinos Einzelverträge für ihre Filme aushandeln, die sie nur in digitaler Form auf den Markt bringen wollen. Insgesamt drei Jahre soll die Vertragslaufzeit zwischen Kinos und EDZ betragen. Im Anschluss gehen Projektoren und Server in den Besitz der Kinos über. „Im besten Fall“, so Christian Modersbach von Salzgeber Medien, „wird sich die Struktur der EDZ bis dahin etabliert haben und kann in dieser Form weiter funktionieren, als gemeinsame Initiative von Kinos und Verleihern“.
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