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Die Branche fordert Nachhaltigkeit Hessen Invest Film 2 ist gestartet. Welche Impulse für den Standort Hessen erhofft sich die Branche? Interview mit Christel Brunn und Ernst Szebedits von der Vereinigung der hessischen Filmwirtschaft. Von Martin Loew.
GRIP: Hessen Invest Film Teil 2 ist nun mit der ersten Sitzung am 29. Juni offiziell an den Start gegangen. Wie schätzen Sie das neue Programm ein?
Brunn: Nimmt man die Äußerungen von Minister Corts im Oktober letzten Jahres beim Wiesbadener Filmforum zum Maßstab, dann sind die jetzt erreichten Rahmenbedingungen von Hessen Invest Film 2 ohne Zweifel ein Erfolg.
Entgegen den damaligen Vorstellungen, ein reines Bankprodukt – rückzahlbare Darlehen mit 8 Prozent Verzinsung – als Fortsetzung von Hessen Invest Film 1 zu etablieren, handelt es sich jetzt auch im neuen Programm um bedingt rückzahlbare Darlehen, gekoppelt an den wirtschaftlichen Erfolg des jeweiligen Filmprojektes.
Das halte ich für den wichtigsten Erfolg unserer Bemühungen für den Film- und Fernsehstandort Hessen, denn damit bleiben wir zunächst überhaupt konkurrenzfähig. Jede andere Konstruktion hätte den Standort sofort wieder in die absolute Bedeutungslosigkeit zurückgeworfen, was den nationalen und internationalen Film- und TV-Markt betrifft.
GRIP: Es war die Rede davon, nur noch bestimmte Genres zu fördern. Wie hat sich diese Einschränkung entwickelt?
Szebedits: Das Programm schließt keine Filmgenres per se aus. Arthouse Filme und Dokumentarfilme können nach wie vor gefördert werden. Wir sind froh, dass die politisch Verantwortlichen hier unseren wiederholt vorgebrachten Argumenten gefolgt sind, dass auch diese Filme wirtschaftlich erfolgreich sein können, schon allein wegen der meistens viel geringeren Gesamtherstellungskosten.
Brunn: abgesehen davon, dass solche Filme oft sehr entscheidend zum Renommee des Film- und Medienstandortes beitragen, wenn sie zum Beispiel auf internationalen A-Festivals in Cannes, Berlin, Venedig oder Locarno zu sehen sind und dort Auszeichnungen erhalten. Das war in der Vergangenheit mehrfach der Fall.
GRIP: Welche Vor- und Nachteile sehen Sie gegenüber anderen Filmförderungen?
Brunn: Das Programm hat zwei sehr positive Aspekte: Erstens können Fördermittel auch nach Beginn der Maßnahme beantragt werden, und zweitens geht der erforderliche Regionaleffekt in Hessen nicht über 100 Prozent hinaus. Nachteilig dagegen ist die erstmalig verankerte Verzinsung in Höhe von zwei Prozent über die gesamte Laufzeit der Darlehen und die von der Investitionsbank Hessen (IBH) beanspruchte Gewinnbeteiligung, über die Rückführung des Darlehens hinaus.
GRIP: Hessen Invest Film 2 steht ja unter immensem Erfolgsdruck. Von seiten der Landesregierung werden Rückflüsse von 50 Prozent erwartet. Wie schätzen Sie solche Vorgaben ein?
Brunn: Leider ist es in Hessen immer noch nicht gelungen, bei den politisch Verantwortlichen die Einsicht zu verankern, dass öffentliche Gelder, die für die Film- und Fernsehproduktion bereit gestellt werden, in jedem Fall keine verlorenen Zuschüsse sind. Denn durch den geforderten Regionaleffekt werden diese Gelder komplett – häufig ja auch noch weit darüber hinaus - in der Region ausgegeben und fließen somit indirekt wieder zurück.
Und das Programm bereits nach zwei Jahren evaluieren und an diesen 50 Prozent messen zu wollen ist schlicht absurd. Jeder in der Filmbranche weiß, dass 50 Prozent an direkten Recoupments bislang nirgendwo erzielt worden sind und zweitens ist klar, dass die Laufzeiten für die Filmauswertung in mehreren Schritten verläuft, so dass die Rückflussquote vor Ablauf von durchschnittlich sieben Jahren gar nicht ermittelt werden kann.
GRIP: Welche Auswirkungen hat das auf die Branche?
Brunn: Kein Produzent und kein Dienstleistungsunternehmen wird unter diesen kurzfristigen Vorgaben auf die Idee kommen, langfristig in Technik und Personal zu investieren. So wird man keine nachhaltigen Prozesse anstoßen. Schlimmer noch: man läuft sogar Gefahr, daß sich die Branche auf kurzfristige Abschöpfungsprozesse einstellt. Also genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen möchte.
GRIP: Wie reagiert die Vereinigung der hessischen Filmwirtschaft auf diese Maßnahmen?
Brunn: Gegen diese Widersprüche müssen wir als Vereinigung weiterhin entschieden versuchen, unsere Argumente zu setzen. Die Erfahrung zeigt: Man muss die Etablierung eines Film- und Fernsehstandortes langfristig anlegen. Andere Bundesländer und/oder auch andere europäische Länder ernten jetzt - nach jahrelangen Bemühungen - die Früchte ihrer Arbeit. Mit etablierten Produzenten, gewachsenen Infrastrukturen und kreativen Talenten entstehen in Bayern, NRW oder Berlin jetzt wirklich Film- und Fernsehindustrien, die auf dem internationalem Parkett konkurrenzfähig und für die Regionen zugleich ungemein imagebildend sind.
Szebedits: Es ist uns ohnehin unverständlich, warum die Politik nach unserer Auffassung eine solch defensive Haltung überhaupt einimmt, zumal doch die Evaluierung der ersten Programmphase von Hessen Invest Film, die die IBH Ende 2004 selbst durchgeführt hat, in jeder Hinsicht zu positiven Ergebnissen gekommen ist. Es geht um eine wirtschaftliche Konkurrenz mit anderen Regionen, die sich für Hessen umfassend lohnen soll. Wieso also zurückrudern, bevor man richtig gestartet ist?
GRIP: Wie beurteilen Sie die Kommission und ihre Zusammensetzung?
Szebedits: Als Vereinigung hatten wir eine Berufungskommission vorgeschlagen, um gründlich über Qualifikationsanforderungen und Personen nachzudenken. Dem ist das Ministerium nicht gefolgt. Wir hätten uns durchaus eine kleine, auch national besetzte Kommission mit Strahlkraft vorstellen können; auch hier hat sich das Ministerium anders entschieden und eine personell große und nur aus Hessen besetzte Kommission berufen. Die Vereinigung hatte zuletzt einstimmig fünf Brachenvertreter vorgeschlagen. In die tatsächliche Besetzung waren wir nicht mehr eingebunden.
Nach der Bekanntgabe der Kommissionsmitglieder, die jetzt bis Ende 2007 berufen sind, haben wir an vier Punkten unsere Bedenken vorgetragen: Erstens, daß wir eine Kommission aus zwanzig Branchenvertretern für entschieden zu groß halten. Zweitens, daß wir vor diesem Hintergrund die Berufung von lediglich zwei namhaften und erfahrenen Kinofilmproduzenten - dazu noch im Status des Stellvertreters - für nicht angemessen halten. Drittens, daß wir die Berufung von Dienstleistungsunternehmen, die per se nicht neutral agieren können, da sie erstens häufig den Regionaleffekt repräsentieren und zweitens untereinander im wirtschaftlichen Wettbewerb stehen, für sehr problematisch halten. Und viertens, daß uns einzelne Berufungen wie zum Beispiel die eines Wirtschaftsprüfungsunternehmens, das sich in diesem Markt etablieren möchte, aus Qualifikationsgründen irritiert haben.
GRIP: Welche Resultate wünschen Sie sich von den ersten Sitzungen?
Brunn: Ich wünsche mir sehr, dass die Entscheidungen auf nachhaltige Effekte angelegt sind, dass es also sowohl gelingt, großen Regisseuren und talentierten und engagierten Produzenten das Tor nach Hessen zu öffnen, und ebenso bereits in Hessen ansässigen Talenten und Firmen mittel- und langfristig „Ligasprünge“ zu erlauben. Auch Firmen wie X-Filme oder Claussen + Wöbke haben schließlich klein angefangen und sich kontinuierlich entwickelt. Für die nachhaltige Entwicklung eines Film- und Medienstandortes sind solche Prozesse einfach die notwendige Voraussetzung. |
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