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David gegen Goliath

Medienkampf in Nordrhein-Westfalen: tv.nrw und WDR buhlen um die Gunst des lokalen TV-Publikums
Von Reinhard Kleber


Während sich private Lokalsender in Millionenstädten wie Berlin, Hamburg und München oder Regionalsender wie zum Beispiel das Rhein Neckar Fernsehen schon vor vielen Jahren in der deutschen Medienlandschaft etabliert haben, sind in langjährig SPD-regierten Bundesländern wie Hessen und Nordrhein-Westfalen erst vor kurzem regionale Sender - rheinmaintv und tv.nrw - gleichsam als medienpolitische Spätzünder an den Start gegangen. In beiden Fällen müssen sich die Neugründungen gegen starke öffentlich-rechtliche Mitbewerber behaupten, die bereits im Vorgriff auf die jeweiligen Sendestarts der Privatfunker ihre regionale Berichterstattung verstärkt haben.

Seit dem 1. Oktober 2001 ist tv.nrw on air. Der erste landesweite private Fernsehsender in NRW hat seinen Sitz in Dortmund. Er versteht sich als “modernes, frisches Privatfernehen mit journalistischer Kompetenz” und will vor allem zeigen, “was Nordrhein-Westfalen bewegt”. Als Kern des 24-stündigen Programms annonciert der Regionalsender das Format “nrw aktuell”, das von 17.30 Uhr bis 19.30 Uhr aktuelle Informationen, Berichte, Interviews, Sport, Wetter aus und für NRW bringt und außerdem das Wichtigste aus dem In- und Ausland.

Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr laufen täglich Regionalreportagen: “countdown nrw” verfolgt eine Woche lang ein Ereignis und durchleuchtet dabei dessen Vorbereitung aus unterschiedlichen Perspektiven. Das kann die Premiere des Musicals “Chicago” in Düsseldorf sein oder eine Herzoperation in der Spezialklinik in Bad Oeynhausen. Bei “01805 - Kontakt” können sich Zuschauer wöchentlich über tagesaktuelle Themen informieren, Expertenratschläge einholen und per Telefon mitdiskutieren. Zum vielfältigen Programmpotpourri gehört die Sportsendung “eins:eins” mit der Sportreporterlegende Werner Hansch, die Reisereportage “Endlich Wochenende”, die Haustiersendung “echt tierisch”, die Kochshow “Echt lecker!” und der Astro Talk “Sonne, Mond und Sterne”. Und ausgesprochen ungewöhnlich für einen Privatsender ist, dass ab 2.00 Uhr nachts die literarische Welt an Rhein und Ruhr zu Wort kommt: In "Nach(t)lese" können Schriftsteller, die aus NRW sind oder die über das Land schreiben, ihre Werke vorstellen. Da in keinem anderen Bundesland so viele Autofans wohnen wie in NRW, darf natürlich auch eine Autosendung wie “topspeed nrw” nicht fehlen.

Der Sender verfügt derzeit über eine Reichweite von rund 4,2 Millionen TV-Haushalten. Das entspreche einer Abdeckung von 80 bis 90 Prozent der TV-Haushalte in NRW, wie Programm-Manager Carsten Sobek auf Anfrage mitteilt. Zu empfangen ist das Programm über Kabel und den digitalen Eutelsat-Satelliten Hotbird 5. Auch wenn das Kabel in NRW derzeit digital ausgebaut werde, erwarte er keine großen Zuwächse mehr, so Sobek: “Wir haben bereits eine Stagnation auf hohem Niveau erreicht.” In der Dortmunder Zentrale, dem Television Communivation Center, sind 20 Mitarbeiter tätig. Darüber hinaus verfügt tv.nrw über ein Netzwerk von Produzenten und Dienstleistern, das landesweit 170 Mitarbeiter umfasst. Außenstudios gibt es in Köln, Bonn, Essen und Düsseldorf.

Getragen wird die tv.nrw GmbH von mehreren Presseverlagen: Je 30 Prozent halten der WAZ-Konzern, DuMont Schauberg und der Verlag der Rheinischen Post. Zehn weitere Prozent halten die Gesellschafter gemeinsam. Eine Gesellschafterstruktur, die durchaus zu medienrechtlichen Konflikten führen kann.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland wetteifert tv.nrw nicht nur mit dem WDR Fernsehen, das im Gegensatz zum Hörfunk in den vergangenen Jahren seine regionalen Programmflächen ausgebaut hat, sondern auch mit den Privatsendern RTL und SAT 1, die landesweite Regionalmagazine ausstrahlen.

Bei den Fensterprogrammen ist der WDR gleichwohl der stärkste und erfolgreichste Anbieter, wie eine LfM-Studie im Oktober 2003 ergab. “Mit einem Anteil von 65 Prozent an Informationssendungen ist das WDR Fernsehen auch das am stärksten journalistisch geprägte Fernsehprogramm in NRW”, erklärten die Medienforscher Ulrich Pätzold, Horst Röper und Helmut Volpers in der Untersuchung “Strukturen und Angebote lokaler Medien in Nordrhein-Westfalen”. Allein 16 Prozent der Sendezeit würden mit den regionalen Magazinen der “Lokalzeit” gefüllt. 

Trotz der Vorrangstellung der Kölner Anstalt sieht der Programm Manager Sobek das Verhältnis zum großen Bruder WDR mit Gelassenheit. Mit der Personal-Stärke und Finanz-Power der größten Rundfunkanstalt auf dem europäischen Kontinent könne ein schlanker Regionalsender wie tv.nrw ohnehin nicht mithalten. Man erstelle aber ein “frisches und junges Programm”, das bei den Zuschauern gut ankomme.

Als Beleg führt er eine von tv.nrw in Auftrag gegebene Befragung des Kölner Medien Monitors an. Sie ergab, dass sich der Dortmunder David vor dem Kölner Goliath in Sachen Image nicht zu verstecken braucht und bei den ‘weichen Kriterien’ quasi gleichauf liegt. 

Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung der Programme begann der WDR im Januar 2004 auch die eigenen Regionalprogramme digital über Satellit auszustrahlen. Seitdem brauchen 750.000 Haushalte mit digitalem Satellitenempfang nicht mehr neun Wochen zu warten, bis ihre “Lokalzeit”-Ausgabe an der Reihe ist. Solche Ausgaben werden in den Studios in Aachen, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln, Münster, Siegen und Wuppertal hergestellt.

Vielmehr können die Zuschauer nun von Montag bis Samstag über einen Astra-Transponder ‘ihre’ “Lokalzeit” sehen. Dies gilt auch die Kurzausgaben der “Lokalzeit” und die “WDR-Punkt”-Sendungen für Köln und Düsseldorf, die allerdings nur von Montag bis Freitag laufen. Die Änderung sei “ein wichtiger Schritt für die Wettbewerbsfähigkeit des WDR Fernsehens”, erklärte der Fernsehdirektor der mit Abstand größten ARD-Anstalt, Ulrich Deppendorf.

Tv.nrw erwartet durch diese Änderung keinen “nennenswerten Zuschauerverlust. “Der WDR versucht, die Konkurrenzsituation zu verschärfen”, so Sobek. Im Mediengeschäft sei es aber naheliegend und vernünftig, dass jeder versuche, seine Reichweite zu erhöhen. “Das würde ich auch so machen”, betonte Sobek.

Der nächste große Schritt in die digitale Zukunft steht bereits an: Im Mai 2004 beginnt im Großraum Köln/Bonn das digitale Satellitenfernsehen DVB-T (Digital Video Broadcasting-Terrestrial), das wegen seiner mobilen Empfangbarkeit auch “Überallfernsehen” genannt wird. Im November soll der Großraum Düsseldorf/Ruhrgebiet folgen. Im Gegensatz zum WDR will tv.nrw bei DVB-T aber vorerst nicht mitmachen.

Sollen an Rhein und Ruhr in der Anfangsphase 16 TV-Programme digital über Antenne empfangbar sein, so steigt deren Zahl in der Endausbaustufe auf 24. TV-Haushalte mit analoger Empfangstechnik müssen sich dann einen Decoder zulegen. Geplant ist, dass bis Ende 2005 an Rhein und Ruhr 13 Millionen Bürger digitales terrestrisches Fernsehen sehen können.

Bis 2010 soll der Umstieg von der analogen auf die digitale Technik bundesweit vollzogen sein. Seine Feuerprobe hat das neue TV-System in Berlin/Brandenburg bereits bestanden: Dort wurde die analoge Antennentechnik bereits im August 2003 durch DVB-T ersetzt. Bis Ende 2004 wird übrigens auch der Ballungsraum Frankfurt/Wiesbaden/Mainz umgestellt. Hier ist ein Potenzial von 7,5 Millionen Einwohner über Dachantenne erreichbar. In einem zweiten Schritt ist vorgesehen, auch Kassel, Mittelhessen und Fulda/Vogelsbergskreis mit dem digitalen Antennenfernsehen zu beglücken.


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