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Blick nach vorn

Statement zum Workshop des Hessischen Minesteriums für Wissenschaft und Kunst am 21.01.2004
von Christel Brunn
 
Ich glaube, Hessen ist besser als sein Ruf. Auch und gerade im Bereich Film. 2003 wurden aus mehr als 3000 Spielfilmen aus aller Welt, die sich für das bedeutende Filmfestival in Venedig beworben hatten, 18 ausgewählt. Und unter den 18 Filmen des Wettbewerbs war „Twenty Nine Palms“ des französischen Regisseurs Bruno Dumont, das erste Projekt, das im Rahmen von Hessen Invest Film Film mit einer Summe von 176.000 Euro gefördert wurde. Eine französisch-deutsche Coproduktion, an der ich als Coproduzenten beteiligt war.

In Hessen wurde die komplette Tonbearbeitung des Films gemacht - das war der Löwenanteil der Förderung - sowie die komplette Bildpostproduktion. „Twenty Nine Palms“ ist im Arthouse Bereich, dem Segment für künstlerisch wertvollen Film angesiedelt. Kaum eine Zeitung in Deutschland, die nicht über den Film geschrieben hätte. Für mich und den zweiten deutschen Partner bei diesem Film, war „Twenty Nine Palms“ schon vor Fertigstellung ein Türöffner für die internationalen Filmmärkte des letzten Jahres: das Interesse an Zusammenarbeit hat immens zugenommen.

Das zweite Projekt, das ich mir zur Co-Produktion ausgesucht habe und das von Hessen-InvestFilm gefördert wurde, heißt „Suske und Wiske – Der schwarze Diamant“. Ein lustiger und spannender Abenteuerfilm für Kinder. Eine belgisch-holländisch-deutsche Coproduktion. Drei Gründe waren für diese Wahl ausschlaggebend: einmal das ökonomische Potential des Films, das Buch war vielversprechend, und Kinderfilm kann ein sehr erfolgreiches Genre sein. Der zweite Grund war die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit dem belgischen Produzenten Antonino Lombardi, der unter anderem als Coproduzent von „Antonias Welt“ den Oscar für den besten ausländischen Film gewonnen hat und von dessen Erfahrungen ich nur profitieren und lernen kann. Und drittens hat „Suske und Wiske“ mir und meinen Mitarbeitern die Gelegenheit geboten, zu zeigen, dass wir auch in Hessen sehr anspruchsvolle special effects auf internationalem Standard termingerecht abliefern können. Dieser Film wird mit hoher Wahrscheinlichkeit im Lauf der nächsten Jahre den größeren Teil seiner Fördersumme zurückverdienen.

Zwei Beispiele von vielen aus der hessischen Produktionslandschaft. Die interessante Frage ist nur: Sind solche Beispiele wie „Twenty Nine Palms“ und „Suske und Wiske“ eine Erfolgsgeschichte für den Standort Hessen? Künstlerisch gesehen bestimmt. Unter 18 von über 3000 ausgewählten Festivalbeiträgen zu sein, ist sicher ein Erfolg.

Aber gucken wir aufs Geld: Gelingt es, mindestens 25 Prozent Rückfluss für „Twenty Nine Palms“ und sagen wir konservativ - äußerst konservativ – 50 Prozent für „Suske und Wiske“ zu erreichen, ist das die Traumquote, von der auch in anderen Bundesländern immer geträumt wird. Ja, das wäre ein toller Erfolg!

Was aber ist darüber hinaus Erfolg? Ist es ein Erfolg, wenn Hessen plötzlich international als Standort kommuniziert wird? Ist es ein Erfolg, wenn jetzt beispielsweise meine Frankfurter Mitarbeiter - allesamt zwischen 20 und 32 Jahre alt und meist in Hessen ausgebildet - sehen, dass ihre Arbeit jetzt auch international marktfähig ist, dass es sich lohnt in Hessen zu bleiben? Ist es ein Erfolg, wenn hier Produkte entstehen die international beachtet, gesehen und anerkannt werden? Will Hessen das? Nutzt es dem Land?

Wenn ja, ist Hessen dann auch bereit, die Niederungen solcher Entwicklungsprozesse auszuhalten? Die Filme, die ok sind, aber nichts verdienen, die scheitern? Ist die Antwort ja, dann wäre hessische Filmpolitik erstmals seit 20 Jahren ernst zu nehmen.


Hessen-InvestFilm hat für einen ungefähren Zeitraum von 3 Jahren 7.5 Mio Euro zur Verfügung. Im Vergleich zu anderen Bundesländern eine äußerst bescheidene Summe. Mit Hilfe von Hessen-InvestFilm sind die zwei erwähnten Filme entstanden, gerade entstehen zwei weitere von zwei anderen Produzenten, die sich möglicherweise dieses Jahr auf den Weg nach Cannes machen. Das spricht zunächst für die Qualität der Produzenten, für die Qualitität der Dienstleister und auch für die Qualität der bisherigen Kommission. Und vielleicht für die Qualität des neuen filmpolitischen Ansatzes.


Aber: Ist Hessen jetzt ernsthaft darauf vorbereitet, diese enorme Anstrengung der hessischen Produzenten, ihre gute Nase, ihre Kommunikations- und Verhandlungsfähigkeit, konsequent weiter zu unterstützen, jetzt wo es anfängt, auch in Hessen gerade interessant zu werden?

Ich bin nicht sicher. Es hat noch gar nicht richtig angefangen, da höre ich, dass erste Stimmen laut werden: lohnt sich das alles? Geht das mit den Rückflüssen nicht schneller? Ich höre zunehmend wieder von unklaren Kompetenzen und schwer durchschaubaren Strukturen, von Zweifel und Druck.

Ich habe nur eine Bitte: Hessen soll einfach klar entscheiden: Am wichtigsten dabei ist die grundsätzliche Entscheidung: Will Hessen Kinofilm, Fernsehfilm, Dokumentarfilm, Experimentalfilm, Ausbildung, Kinos und Festivals am Standort oder will Hessen das nicht? Will Hessen diese Produkte, diese Arbeitsplätze, diesen Nachwuchs, diese Qualifikationen? Wenn ja, dann bitte sollte das Land in verlässlichen und überschaubaren Strukturen über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren die Förderung festschreiben. Alles andere macht keinen Sinn. Alles andere lähmt. Alles andere zerstört Entwicklungsmöglichkeiten und macht die Akteure lächerlich.

Aber nicht alles ist Politik und Geld allein. Darum liegt mir noch ein zweiter Fragenkomplex am Herzen: der zwar auch mit Politik und Geld zu tun hat, aber mindestens ebenso sehr mit dem Engagement der hessischen Filmbranche selbst. Ich hoffe, es ist schon deutlich geworden, dass Hessen nach meiner Einschätzung eigentlich kein Macherproblem hat. Hier arbeiten eine Menge ziemlich kluge und ziemlich pfiffige und professionelle Leute, auch wenn die nicht immer ausschließlich in Hessen arbeiten. Nach meiner Meinung aber hat die hessische Filmbranche ein Organisations-, Steuerungs- und Führungsproblem. Aufgrund der langen Diasporastellung der hessischen Filmschaffenden ist es in den letzten zwanzig Jahren nicht gelungen, eine ausreichend augestattete Organisation hervorzubringen, die die vielfältigen Aktivitäten bündelt und die lokalen Akteure mit wichtigen nationalen und internationalen Akteuren aktiv vernetzt.

Wir haben keine Organisation, die gezielt Bündnispartner sucht. Wir haben keine Organisation, die konsequent Öffentlichkeitsarbeit betreibt, die die hiesige Presse aus ihrer Larmoyanz treibt, die Interesse weckt. Die den Nachwuchs an die Hand nimmt, die Experimentalfilmer mit Galerien und Museen zusammenbringt und die Dokumentarfilmer zu internationalen Workshops. Die Kurzfilmer mit Produzenten und Redakteuren zusammenbringt. Die engagierten Kinomachern Mut macht und sich um Mittel bemüht - und sei es aus Bildungstöpfen. Die interessante Allianzen schafft. Die Europa nach Hessen holt und die Hessen ins Ausland bringt.

Ich träume oft von Personen - ruhig von wenigen - in einer solchen Organisation mit großer Leidenschaft für unser Medium Film. Mit Herz, Verstand und Weitblick. Ohne Lagerdenken und vergleichsweise uneitel. Film ist Leidenschaft, Gefühl, Intelligenz und Geld. Fehlt eins, wird meistens nichts daraus. Und Film ist People Business, d.h. das Handeln einzelner kann manchmal Berge versetzen. Das hat uns zum Beispiel das kleine Land Neuseeland vorgemacht das sich mit 3 Mio Einwohnern und mit „Herr der Ringe“ und mit „Whale Rider“ innerhalb von fünf Jahren von fast Null zu einem der weltweit interessantesten Filmländer entwickelt hat. Hauptbeteiligte: eine Premierministerin, ein Energieminister und ein paar Filmverrückte.

Ich bin nicht so weit zu glauben, dass Hessen in fünf Jahren Neuseeland eingeholt hat, aber ich bin überzeugt, dass Hessen mit einer verlässlichen und klaren politischen und finanziellen Basis und mit einer mit den hessischen Akteuren abgestimmten Organisationsstruktur ganz sicher das Potential hat, zu einem durchaus bedeutenden Film- und Medienstandort zu werden.
 
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