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40 plus

polemischer Einwurf eines Dokumentarfilmers zum Start von rheinmaintv
Von Hannes Karnick
 
Was soll man dazu sagen? Rheinmaintv und seine Bedeutung für den Dokumentarfilm? Wie die meisten Menschen in Hessen wissen sicher nur wenige Dokumentarfilmer, dass sich seit Ende letzten Jahres sogenanntes Ballungsraumfernsehen von Bad Homburg aus bemüht zu zeigen, dass die öffentlich rechtliche Hessenschau durchaus ein „Hochglanzprogramm“ sein kann.

Verbandelt mit dem Football Team der „Frankfurt Galaxy“ startete der Regionalsender gleich mit der Doku-Soap „Galaxy-Girls“ Die Cheerleader Mädels wurden „mit der Kamera begleitet“. Nichts neues sah man, nur etwas ärmlicher. Aber Schwamm drüber.

Nachdenken könnte der Dokumentarfilmverband „ag dok“ allerdings, ob nicht selbst solche in den Boulevard hinzielende Begriffe wie „Doku-Soap“ einen Schutz vor missbräuchlicher Verwendung verdienten. Wenn selbst bei einem Teil der Ankündigungen der „Frankfurt Screenings“ Malte Rauchs und Eva Voosens „Rollbahn“ als Dokumentation statt als Dokumentarfilm bezeichnet wird, zeigt dies die Unsicherheit der Begrifflichkeiten.

Schade, ein neuer Sender könnte eigentlich auch eine Chance für neue Ideen und Sendeformen sein. Aber es geht ums Geld, ums Geld verdienen. Biedere Lokalinfos mit strahlenden Moderatorinnen und Moderatoren scheinen den Betreibern dafür besser geeignet als quere und schräge Programme. Dabei ist der Optimismus der Eigentümer, dass rheinmaintv das Programm ist, auf das die Region gewartet hat, bewundernswert.

Für die Initiatoren um Ralf Bibo ist die formale Zulassung nach 12 Jahren sicher der ersehnte Erfolg. Der Sender ist politisch gewollt und wird erstmal mit einem Monopolzaun vor eventuellen weiteren Mitspielern geschützt. „Ein Stück Mediengeschichte“ werde hier geschrieben, so ein Vertreter der Landesregierung bei der Eröffnung.

Endlich auf Sendung zu sein, scheint in der eigenen Wahrnehmung schon als Aufbruch in neue Medienwelten gedeutet zu werden. Aber nur mit Inhalten kann es Erfolge geben, wenn man nicht, wie bei 9 Live, Anrufen und Kaufen selbst zum einzigen Inhalt macht. Dass mit beschränkten Budgets durchaus interessante Programme gemacht werden können, zeigen zum Beispiel nichtkommerzielle Radio-Initiativen.

Trotz des gerade hochschwappenden genre- und branchenübergreifenden Selbstbewusstseins der hessischen Medienszene: Warum muss denn im Hessenland eine Innovation so hausbacken daherkommen? Aber, so kann man die Frage weiter spinnen, warum kaufen junge Paare, die ihre erste Wohnung einrichten, heute Wohnzimmereinrichtungen deren Designkonzepte dem Gelsenkirchener Barock entlehnt sind?

Vielleicht ist die Biederkeit ja das geheime Marketingkonzept, denn immerhin will rheinmaintv in der gleichen Zielgruppe fischen wie das ZDF: 40 plus.

Für einen kleinen Sender sind sicher keine großen Dokumentarfilme darstellbar, aber warum nicht aus der Not eine Tugend machen: Zum Beispiel Gespräche mit Zeitzeugen führen und ohne geschwätzige Moderation in angemessener Ausführlichkeit auch senden. Wenn morgens 3sat und BR mit Bildern der Wetterkameras aus den Skigebieten faszinieren, so könnte rheinmaintv doch wechselnde Bilder hessischer Überwachungskameras zur Rushhour senden.

Berichte, Übertragungen und Diskussionen von den vielen lebendigen Filmfestivals in Hessen wären „Appetizer“ für Sender und Filmkultur und könnten kritische doch durchaus konsumkräftige Zuschauer erschließen.

Die öffentlich rechtlichen Anstalten versuchen, sich gerade mit dem Hinweis auf den großen Anteil von Informationssendungen aus der Gebührenschlinge zu ziehen. Doch experimentiert wird meist mit Formaten und Sendeplätzen statt mit Formen und Inhalten. Der Zuschauer wolle, dass alles irgendwie wiedererkennbar sei, so heißt es - aber will „der Zuschauer“ auch, dass geschichtsträchtige Interviews vor möglichst unidentifizierbaren Hintergründen aufgenommen und kurzatmig geschnitten werden? Jeder Zeitzeuge wandert dann ab in die Datenbank zur beliebigen Neuverwendung und Kombination.

Nein, nicht dass es keine Reihen geben sollte. Problematisch wird es allerdings dann, wenn formatierte Sendeformen Ausschließlichkeitscharakter bekommen. Und aus der von vielen Zufälligkeiten beeinflussten Quote, deren eigentlicher Sinn es ist, eine vergleichbare Währung für den Verkauf von Werbezeiten bereit zu stellen, lässt sich kein Maßstab für dokumentarische Qualität herleiten.

Die weitere Schärfung des Informationsprofils ist Chance und Auftrag der gebührenfinanzierten Sender. Diese Kontur entfaltet sich allerdings nicht über reißerisch promotete Gerichtsmagazine - nur über Vielfalt von Inhalten und Formen, für die gerade Dokumentarfilme unabhängiger Autoren und Produzenten stehen. 

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